Sebastian F. (Name geändert) nach dem Angriff. Das Foto schickte er der MOPO aus dem Krankenhaus.
  • Sebastian F. (Name geändert) nach dem Angriff. Das Foto schickte er der MOPO aus dem Krankenhaus.
  • Foto: Privat.

Antisemitischer Angriff in Hamburg: Jetzt spricht das Opfer

Nach dem antisemitischen Angriff auf einen 60-Jährigen vor dem Saturn-Markt an der Mönckebergstraße sind die zwei mutmaßlichen Täter noch immer auf der Flucht. Derweil wurde das Opfer, der Jude Sebastian F. (Name geändert), in der Klinik operiert. Der Mann verliert möglicherweise sein Sehvermögen auf einem Auge. In der MOPO spricht er über den Angriff.

Er wirkt gefasst, obwohl der Vorfall keine Woche zurückliegt. „Ich fühle mich als Opfer gar nicht wahrgenommen“, sagt er mit starker Stimme. Deshalb, so der 60-Jährige, wolle er seinen Blick der Geschehnisse mitteilen.

Antisemitischer Angriff in Hamburg: Jetzt spricht das Opfer

Am vergangenen Samstag steht F. mit anderen Teilnehmern der alle zwei Wochen stattfindenden Aktion „Mahnwache für Israel – Gegen Antisemitismus“ auf dem Platz zwischen Saturn und Kaufhof. Auch seine Mutter, eine fast 80-Jährige, ist dabei und hält die Flagge Israels hoch. „Wir stehen nur da, sprechen niemanden an“, sagt F. „Es kommen Menschen auf uns zu, Interessierte, denen wir dann erklären, wieso wir dort stehen.“

Oft gebe es verbale Anfeindungen, aber noch nie habe es eine gewalttätige Auseinandersetzung gegeben. „Es ist bisher immer friedlich geblieben.“

Gegen 14 Uhr sieht er dann eigenen Angaben nach aus dem Augenwinkel, wie zwei junge Männer und eine Frau die Rolltreppen vom Hauptbahnhof hochkamen. „Einer hielt sein Handy auf uns, schoss Fotos oder filmte.“ Dann hätten beide Männer F. und die Teilnehmer als „Hurensöhne“ und „Scheiß-Juden“ bezeichnet. Weil seine Mutter dabei war, wollte der 60-Jährige, so beschreibt er es, den Mann zur Rede stellen. „Dabei bekam ich dann einen Schlag ab.“

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Dieser traf das Gesicht des Mannes mit enormer Wucht: In der Klinik stellen Ärzte fest, dass Nase und Jochbein gebrochen sind, ebenso ein Knochen unterm Auge. „Die Stelle wurde aufgefüllt, damit das Auge nicht abrutscht“, erzählt F., der die Momente nach dem Schlag dann so beschreibt: „Ich war nicht bewusstlos, aber geschockt, perplex. Konnte es kaum fassen. Ich drückte mir meinen Mundschutz ins Gesicht, weil alles voller Blut war. Mein rechtes Auge brannte, später wurde mir gesagt, dass dort ein Splitter meiner Brille steckte. Ich mochte das Auge gar nicht öffnen, weil ich Angst hatte, ich würde nichts sehen.“

Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis der Krankenwagen eintraf, so F. Er habe alles nur schemenhaft wahrgenommen. „Menschen neben mir beteten und hielten Hände.“ Und die Täter? Die waren beim Eintreffen der Polizei schon weg. F.: „Ich musste mir die ganze Zeit vorstellen, wie sie sich über die Tat lustig machen.“


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Die Polizei, deren für politisch motivierte Taten zuständige Staatsschutz-Abteilung die Ermittlungen übernommen hat, schildert den Fall ähnlich, sucht öffentlich nach den Männern. Eine Sprecherin zum Ermittlungsstand: „Derzeit werden Foto- und Videomaterial ausgewertet, welches Zeugen vom Vorfall und vom Täter fertigten.“

Der Schläger soll 18 bis 25 Jahre alt sein und etwa 1,70 Meter groß sein, schwarze, gelockte Haare und zur Tatzeit ein weißes Shirts, schwarze Sneaker und eine schwarze Jacke getragen haben. Hinweise nimmt die Polizei unter Tel. 428 65 6789 entgegen.

Angriff auf Juden in Hamburg: Bleibende Schäden wahrscheinlich

Wütend ist F. nicht nur über die Tat, sondern auch darüber, dass sich Menschen in der Öffentlichkeit oft nur gegen rechten Rassismus mobilisieren: „Wenn ein Deutscher wie ich angegriffen wird, dann gibt es so gut wie nie Solidarität. Dabei bin ich mit auf die Straße gegangen, als Menschen aus Asylheimen von meinen Landsleuten attackiert wurden.“

Mittlerweile sei die Schwellung etwas zurückgegangen, sagt der 60-Jährige. Die Prognose für ihn sei trotzdem nicht gut: „Es kann sein, dass ich auf meinem rechten Auge nie wieder sehen kann. Die Netzhaut hat sich abgelöst, die Linse muss ausgetauscht werden. Bleibende Schäden werde ich wohl davontragen.“ Er könne nicht kauen und nur flüssige Nahrung zu sich nehmen. „Ich bleibe in Behandlung.“ Seine größte Sorge? „Dass die Täter davonkommen.“

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