Eine Frau zieht ihre Taschen an Häusern vorbei, die während der Kämpfe in Mariupol beschädigt wurden.
  • Eine Frau zieht ihre Taschen an Häusern vorbei, die während der Kämpfe in Mariupol beschädigt wurden.
  • Foto: picture alliance/dpa/AP | Alexei Alexandrov

Möglicher Giftgaseinsatz und erneute Luftangriffe: Das Leiden von Mariupol

Zerstörung, Tod und Leid. Seit sechs Wochen stehen die ukrainische Stadt Mariupol und seine Bewohner unter der Belagerung und dem Beschuss russischer Truppen. Viele Zivilisten harren noch immer in der nahezu komplett niedergekämpften Stadt aus. Nach Angaben aus Kiew ist die strategische Hafenstadt in der Nacht zum Mittwoch erneut Ziel russischer Luftangriffe gewesen. Ist das Schicksal von Mariupol bald besiegelt?

Wie das ukrainische Militär mitteilte, griffen russische Truppen in der Nacht auch den Hafen der Stadt und das Stahlwerk Asowstal an. In dem ausgedehnten Industriekomplex haben sich ukrainische Soldaten verschanzt. Die Angaben zum Kampfgeschehen waren nicht unabhängig überprüfbar. Der ukrainische Morgenbericht deutete aber darauf hin, dass sich die militärische Lage nicht stark verändert hat.

Krieg in der Ukraine: Mariupol fast vollständig zerstört

Laut BBC berichten die ukrainischen Truppen allerdings auch, dass die Munition langsam knapp werde. Demnach sollen die Soldaten vermutlich in zwei isolierte Gebiete an der Küste zurückgedrängt worden sein. Die russischen Truppen haben den Verteidigern der Stadt keinerlei Fluchtweg gelassen. Wer den Angreifern in die Hände fällt, muss mit dem Schlimmsten rechnen – Folter und Erschießung.

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Fällt die Stadt in russische Hände, dürfte sie für die nächste Phase des Krieges von entscheidender Bedeutung werden. Denn so könnte Moskau auf diesem Weg die annektierte Krim und die von prorussischen Separatisten gehaltenen Gebiete im Donbass auf dem Landweg verbinden. Das würde nicht nur eine große Anzahl von Streitkräften freisetzen, sondern Russlands Präsident Wladimir Putin zusätzlich einen ersten strategischen „Sieg“ seiner Invasion bescheren.

Das Innere des Theaters in Mariupol, das während der Kämpfe infolge der russischen Invasion in der Ukraine beschädigt wurde.
Das Innere des Theaters in Mariupol, das während der Kämpfe infolge der russischen Invasion in der Ukraine beschädigt wurde.

Es wäre ein großer, wenn auch inzwischen erwarteter Verlust für die ukrainische Führung, die Mariupol immer wieder als „the heart of this war“, also das Herz des Krieges, bezeichnet hatte.

Mariupol: Truppen vermelden chemische Substanzen

Inzwischen soll es nicht „nur“ bei Luftangriffen und Belagerung geblieben sein: Am Dienstag vermeldete das ukrainische Regiment zudem den russischen Einsatz einer chemischen Substanz in Mariupol. Für diese Angaben legte das Militär allerdings keine Belege vor. Die stellvertretende Verteidigungsministerin der Ukraine, Hanna Malyar, sagte, die Regierung prüfe die unbestätigten Meldungen. „Es gibt die Theorie, dass es sich um Phosphormunition handeln könnte“, sagte sie in einem Fernsehkommentar. USA und Großbritannien versuchen ebenfalls, die Berichte zu verifizieren. Experten weisen darauf hin, dass die russische Militärdoktrin den Einsatz von Chemiewaffen nicht ausschließt, um Feinde zu besiegen.

Und obwohl die Stadt seit Anfang März unerbittlich umkämpft wird, harren in Mariupol immer noch Zivilisten aus, wie Vizebürgermeister Serhij Orlow den ARD-Tagesthemen sagte. Die Menschen hielten sich in Kellern und Schutzräumen auf, um dem Beschuss zu entgehen. „Das ist kein Leben. Das ist Überleben“, sagte Orlow. Die ukrainische Verwaltung des Gebiets Donezk, zu dem Mariupol gehört, teilte am Dienstag mit, nach Schätzungen seien dort mehr als 20.000 Menschen getötet worden. Auch diese Zahl ist nicht überprüfbar. (aba)

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