Hof im Pergolenviertel
  • Ist das die Zukunft des Wohnens? Durch hohe Bögen betritt man die großzügigen Innenhöfe des Pergolenviertels.
  • Foto: Florian Quandt

Hofladen, Schwimmbad, kaum Autos: So lebt es sich im Wohnquartier der Zukunft

Seinen Namen hat es von den rosenumrankten Bögen, die sich über die Wege spannen. Seine Architektur ist eine Hommage an die Licht-und-Luft-Baukunst der 2Oer Jahr. Und die ersten Bewohner? Die füllen das Pergolenviertel in Winterhude allmählich mit Leben. Wie wohnt es sich in diesem Vorzeigequartier, das weit über Hamburg hinaus als Modell für modernen Geschosswohnungsbau gilt?

Die 100 Pergolen (Einzahl: „Pergola“) sind jetzt im November einfach nur ein paar Metallbögen, unter denen Bewohner von und zum S-Bahnhof Rübenkamp eilen. Ein paar wackere Rosenranken geben einen Eindruck, wie hübsch es im Sommer aussehen kann, wenn alles in voller Blüte steht. Der Weg führt an Kleingärten vorbei, um die es viel Streit gab: Jahrzehntelang gab es hier eine große Kolonie mit 330 Schrebergärten. 170 davon blieben am Rand des Quartiers erhalten, weitere Kleingärtner mussten an die Saarlandstraße und nach Langenhorn umziehen.

Pergolen im Pergolenviertel
Der Weg zur S-Bahn Rübenkamp unter den namensgebenden Pergolen

Wo früher Lauben standen und Kohlrabi gedieh, sind seit 2016 Wohnblöcke aus dem Boden gewachsen, drei bis acht Geschosse hoch. Die Backstein gewordene Zukunft des gestapelten Wohnens sieht so aus: kaum Autos, grüne Höfe, großzügige Balkone und lichte Bögen, die Blickachsen von einem Hof in den nächsten und übernächsten schaffen.

Pergolenviertel: Hommage an die Jarrestadt

Backsteinfassaden und großzügige Innenhöfe, das gab‘s doch schon mal? Genau: Inspiration für die Architekten des Pergolenviertels war die nahe Jarrestadt, die in den 20er Jahren unter der Leitung des legendären Oberbaudirektors Kurt Schumacher entwickelt wurde, unter dem zeitlos menschenfreundlichen Motto „Licht und Luft“.


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An den Haustüren kleben Einladungen zum Laternelaufen oder zum Hof-Flohmarkt. „Dass wir hier eine Saga-Wohnung bekommen haben, war wie ein Lottogewinn“, sagt ein Vater, bevor er seinem Sohn auf dem Laufrad hinterherrennt: „Wir waren schon bis nach Bargteheide gezogen“, ruft er noch.

Günstige Mieten und Luxus-Eigentumswohnungen

Im Jahr 2024 sollen einmal 4000 Menschen hier wohnen, in 1700 Wohnungen. Zu den Bauherren zählen die städtische Saga und mehrere Baugenossenschaften. Der Großteil ist gefördert, die 350 Saga-Wohnungen etwa kosten 6,30 Euro pro Quadratmeter – und dürfen in den kommenden 15 Jahren auch nicht teurer werden. Selbst die freifinanzierten Wohnungen, etwa von der der Hansa-Baugenossenschaft, rufen mit rund 14,50 Euro pro Quadratmeter moderate Mieten für einen Neubau auf.

Haus im Pergolenviertel
Welches Haus günstige Miet- und welches teure Eigentumswohnungen beherbergt, ist von außen nicht zu erkennen.

Anders sieht es bei den Eigentumswohnungen aus, die in Häusern mit klingenden Namen wie „Bloom“ entstehen und pro Quadratmeter zwischen luxuriösen 7500 Euro und happigen 9500 Euro kosten. Townhouses bekommt der Liebhaber für 8900 Euro pro Quadratmeter. Hamburg halt. Kurios: Von außen ist nicht zu erkennen, hinter welcher Fassade Saga-Mieter wohnen und auf welchem Balkon diejenigen sitzen, die eine Million für ihr Zuhause hingeblättert haben. 

Pergolenviertel: Olaf Scholz kam zu Besuch

Vor ein paar Wochen spazierte Olaf Scholz auf seiner Wahlkampftour durch die Höfe, lobte das Viertel als Beispiel für gelungenen und und kostengünstigen Wohnungsbau.

Lena Ide im Hofladen
Lena Ide (37) arbeitet im Hofladen und erlebt mit, wie das Viertel sich mit Leben füllt.

Alle, die hier wohnen, sind Neuzugezogene, keiner kann als Alteingesessener auf eigene Regeln pochen. „Das mag ich so am Pergolenviertel“, sagt Lena Ide (37), die im Hofladen am Loki-Schmidt-Platz Gemüse, Wein und Cappuccino verkauft: „Es ist für alle ein kompletter Neuanfang, man lernt sich kennen, es wird viel geschnackt, irgendwann kennt man alle Namen und weiß, wer seinen Kaffee wie am liebsten trinkt.“

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Ein paar Schritte weiter inspiziert Cathrin Neumann (33) gerade mit Sohn Danyal Ismail (2) die „Schatzkiste“, in der Spielsachen, Kinderkleidung und Bücher zum Tauschen und Verschenken liegen. Vor einem Jahr ist sie in eine Genossenschaftswohnung gezogen: „Hier wollen wir groß und alt werden“, sagt sie mit Blick auf ihren Sohn: „Es entwickeln sich tolle Freundschaften, und die Kinder können hier behütet aufwachsen.“ Dann erzählt sie von Hof-Konzerten, die die Saga veranstaltet hat und von kleinen Theaterstücken, die in den Hofbögen aufgeführt werden – und setzt hinzu: „Wir kriegen ja sogar ein Schwimmbad!“

Mutter und Kind im Pergolenviertel
Cathrin Neumann (37) mit Danyal Ismail (2) und Hund Coco an der Tauschbox im Pergolenviertel

Wirklich wahr: Noch erstreckt sich vor dem Hofladen ein Teich aus Grundwasser von der Baustelle, aber gegenüber, in dem Wohnhaus der Hansa-Genossenschaft, entsteht derzeit ein 16,7-Meter Pool mit drei Schwimmbahnen, der für alle im Quartier gedacht ist. Betreiber wird die Schwimmschule Swym, die eine Wassertemperatur von muckeligen 32 Grad verspricht. „Nicht nebeneinander wohnen, sondern miteinander leben“, erklärt eine Hansa-Sprecherin die Idee des Gebäudes, das auch Platz bieten wird für die Einrichtung „Leben mit Behinderung“, für Kita und Familiencafé.

Innenhof Pergolenviertel
Wie in den 20er Jahren: Große Innenhöfe mit Bäumen und Spielplätzen sind das Markenzeichen des Pergolenviertels

Pergolenviertel: Grüne Innenhöfe in Winterhude

Eine Touristin, die sich zufällig auf der Suche nach einer Stadtrad-Station in das Quartier verirrt hat, guckt sich staunend um: „Echt sehenswert. Solche riesigen Innenhöfe werden doch eigentlich gar nicht mehr gebaut.“

Mieterin im Pergolenviertel
Gabriele Steiding (66) hat ihre Terrasse zum Innenhof hin üppig bepflanzt.

Nahe dem Loki-Schmidt-Platz hat Gabriele Steiding (66) rund um ihre Terrasse Stauden, Büsche und Tomaten gepflanzt: „Ich mag, dass hier im Hof immer Leben ist“, sagt sie, „man achtet aufeinander.“ Und dann lobt sie das gute Raumklima in den Wohnungen, durch die nachhaltige Bauweise. In jedem der Höfe sind Spielgeräte, in dem einem Hof baumeln Hängematten, im nächsten wurden Hochbeete angelegt, mit Kohlrabi, wie früher in den Kleingärten. Loki Schmidt, Namensgeberin des zentralen Platzes im Quartier, hätte das bestimmt gefallen.

Ein junger Mann stopft eine Tüte in einen der großen unterirdischen Müllschlucker: „Ich habe gerade meine Eltern besucht“, sagt Jawdat Nasr (29). Seine Eltern lieben es, dass so viele Kinder im Hof spielen, und: „Hier wohnen Menschen aus vielen Nationen, und alle vertragen sich gut“, sagt er.

Besucher im Pergolenviertel
Jawdat Nasr (29)freut sich, dass seine Eltern ins Pergolenviertel ziehen konnten.

Ab und zu fährt ein Auto aus einem Tiefgaragen-Schlund, aber längst nicht jede Wohnung hat auch einen Stellplatz. Die Bewohner des Vorzeige-Viertels sollen sich die Mietwagen an der Car-Sharing-Station teilen, radfahren, oder die paar Schritte zur S-Bahn laufen. Unter den Pergolen entlang. Noch ein paar Monate, dann blühen die Rosen auch wieder.

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