Häuser im Ahrtal im Ortsteil Walporzheim sind zerstört. In den vom Unwetter betroffenen Gebieten beginnen die Aufräumungsarbeiten.
  • Häuser im Stadtteil Walporzheim in Bad Neuenahr-Ahrweiler sind zerstört. In den von den Überschwemmungen betroffenen Gebieten dauern die Aufräumungsarbeiten an.
  • Foto: picture alliance / Thomas Frey/dpa

Norddeutscher Helfer im Katastrophen-Gebiet: „Die Zerstörungen sind so unglaublich“

Florian Gottschalk aus Henstedt-Ulzburg ist derzeit für das Technische Hilfswerk (THW) im Katastrophen-Gebiet in den überfluteten Regionen im Westen Deutschlands im Einsatz. Der Nürburgring, wo normalerweise Auto- oder Motorradrennen stattfinden, dient als Basislager für Hunderte Rettungskräfte. Gottschalk unterstützt dort das Team bei der externen und internen Kommunikation. Die MOPO sprach mit dem gebürtigen Hamburger über das Ausmaß der Katastrophe.

MOPO: Herr Gottschalk, Sie waren schon oft in Katastrophen-Gebieten. Wie ist die Lage vor Ort? Haben Sie so etwas vorher schon mal gesehen?

Florian Gottschalk: Nein. Niemand, mit dem ich bisher gesprochen habe, hat vorher schon so etwas oder etwas Vergleichbares gesehen. Das Aufgebot an Helfer:innen ist riesig. Wir, das THW, sind natürlich vor Ort, aber auch Rettungsdienste, Feuerwehren, die Bundeswehr und die Polizei. In den Gebieten gibt es kein Trinkwasser, keinen Strom und größtenteils auch keinen Handyempfang. Die Leute werden von uns mit Wasser versorgt, teilweise auch mit Nahrungsmitteln. Außerdem räumen wir den Schutt weg.

Florian Gottschalk, Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit
Der gebürtige Hamburger Florian Gottschalk (49) ist derzeit im Katastrophen-Gebiet im Einsatz und ist erschüttert über das Ausmaß der Zerstörung.

Was genau sind Ihre Aufgaben vor Ort?

Meine Aufgabe ist die interne und externe Kommunikation. Ich kümmere mich also um Presseanfragen und unterstütze die Helfer:innen bei der Orientierung. Ich informiere sie darüber, wo sie essen können, wo sie Benzin und Diesel herbekommen, wo sie schlafen können und Ähnliches. Bald erstellen wir außerdem eine sogenannte Lagerzeitung. Dort werden wir dann tagesaktuelle Infos herausgeben.

Wie wird der Rettungseinsatz koordiniert?

Es gibt eine technische Einsatzleitung in Ahrweiler, die die Koordination übernimmt. Die THW-Einsatzkräfte, die hier herkommen, werden dann nach Absprache mit der technischen Leitung von uns in den Einsatz geschickt.

Wie viele Helfer:innen sind im Einsatzgebiet? Reicht das aus?

Derzeit ist das THW mit ca. 2.700 Einsatzkräfte vor Ort. Ob das ausreichend ist, kann ich nicht beurteilen. Ich sehe aber, dass alles Menschenmögliche gemacht wird, damit den Betroffenen geholfen wird und diese Hilfe derzeit auch gut voran schreitet.

Wie lange werden die Suche und die Aufräumarbeiten noch andauern?

Hier am Nürburgring wird mit einigen Wochen gerechnet. Insgesamt werden die THW-Einsätze wohl mehrere Monate dauern.

Wie geht es den Menschen vor Ort?

Das Schlimme ist, je mehr Zeit verstreicht, desto mehr wird auch realisiert, was da eigentlich passiert ist. Bei den Leuten, bei denen das Haus nicht ganz kaputt ist, fließt momentan kein Strom und kein Wasser. Die sind dann irgendwann auch gezwungen, das Zuhause zu verlassen. Das sind Sachen, die extrem schwierig sind. Dazu eine kleine Bitte: Es bedarf keiner Sachspenden mehr. Wir haben hier so viele Sachspenden, die braucht es nicht mehr. Finanzielle Unterstützung ist das, was den Menschen am meisten hilft. Was nützt es, wenn man einen Schrank oder ein Bett geliefert bekommt, aber das Haus gar nicht mehr da ist?

Häuser und Autos im Ahrtal im Ortsteil Walporzheim sind zerstört.
Eine Schneise der Verwüstung zieht sich durch den den Stadtteil Walporzheim in Bad Neuenahr-Ahrweiler im Ahrtal.

Wo kommen die Menschen unter, deren Häuser nicht mehr existieren?

In den Landkreisen gibt es entsprechende Notunterkünfte, wo die Leute so lange unterkommen können, bis sie geklärt haben, ob sie beispielsweise zu Verwandten ziehen können. Es gibt auch Angebote von Hotels, die kostenfreie Übernachtungen anbieten. Die Hilfsbereitschaft ist schon sehr, sehr groß.

Wann können die Menschen dort überhaupt wieder normal leben?

Schwierig. Ich war auch schon in anderen Katastrophengebieten weltweit. Das ist dann immer wie ein Blick in die Glaskugel. Wenn man sich das jetzt anschaut, kann man sich gar nicht vorstellen, dass es überhaupt wieder annähernd so wird, wie es mal war. Die Zerstörungen sind einfach so unglaublich. Ich persönlich würde mich der Einschätzung von Bundeskanzlerin Angela Merkel anschließen, dass es wahrscheinlich noch Jahre dauern wird, bis wieder Normalität einkehrt.

Würden Sie sagen, dass der Katastrophenschutz versagt hat?

Der Katastrophenschutz in Deutschland ist im weltweiten Vergleich absolut super aufgestellt. Es handelt sich um eine Katastrophe, die es in dem Ausmaß in Deutschland noch nie gegeben hat. Wenn etwas zum ersten Mal passiert, gibt es hinterher immer gewisse „Lessons Learned“ (frei übersetzt aus dem Englischen: Lerneffekte, Anm. d. Red.). Dadurch wird unser Katastrophenschutz noch viel besser. Wenn man sich anschaut, was hier alles gemacht wird, dann kann ich nur sagen, ich möchte lieber in Deutschland eine Katastrophe erleben, als irgendwo im Ausland.

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Wie erleben Sie das Krisenmanagement insgesamt? Sind die Retter gut vorbereitet?

Ich kann nur sagen, dass das THW auf Katastrophen bestmöglich vorbereitet ist. Unsere ehrenamtlichen Helfer:innen machen einen verdammt guten Job. Man merkt, dass wir über Jahrzehnte hinweg im Bevölkerungs- und Zivilschutz geübt haben. Es hat sich bewährt, dass so viel in die Ausbildung gesteckt wurde.

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