• In Steilshoop sollen 500 neue Wohnungen gebaut werden.
  • Foto: Patrick Sun

Neue Hochhäuser für Steilshoop – um Besserverdiener anzulocken?

Der Druck auf den Mietmarkt in Hamburg ist gewaltig. Bezahlbarer Wohnraum wird dringend benötigt. In Steilshoop will die Stadt nun klotzen und 500 neue Wohnungen in bis zu siebengeschossigen Gebäuden errichten. Anwohner, Kirche und Verbände gehen auf die Barrikaden. „Nicht noch mehr vom Gleichen!“ fordern sie und sehen alte Fehler aus den 70ern wiederholt. Die Stadtentwicklungsbehörde widerspricht. Sie bezeichnet den Wohnungsbau als qualitätsvoll und die Planung als einen Segen für den Stadtteil.

„Eines der am engsten besiedelten Quartiere der Stadt wächst mal eben um zehn Prozent. Ohne jegliche neue Infrastruktur“, kritisiert Anwohner Kai-Uwe Zirk. Zu den weiteren Kritikern gehören Sportvereine, die Kirche, der Sozialverband – eigentlich alle, die sich im Stadtteil engagieren. Sie betonen, dass sie nicht grundsätzlich gegen neue Wohnungen sind, doch bitte nicht so viele und nicht in dieser Bauweise mit bis zu sieben Stockwerken.

Pastor Andreas Holzbauer
Pastor Andreas Holzbauer ist gegen die Neubaupläne in Steilshoop.

Die Anwohner hätten sich deutlich mehr kleinere Wohneinheiten gewünscht, vielleicht auch mal Reihenhäuser und Eigentumswohnungen. Doch gerade das will die Stadt nicht. Die SAGA soll dort in Systembauweise errichten, und zwar das sogenannte Acht-Euro-Wohnen. Günstige Wohnungen, aber eben keine Sozialwohnungen. Das Ziel: „Das soll dazu führen, dass künftig eine stärkere soziale Durchmischung des Stadtteils gefördert wird“, so BSW-Sprecherin Susanne Enz.

Steilshoop: Hamburg will 500 Wohnungen bauen

Aber genau daran glauben die Kritiker nicht. „Da werden die gleichen Menschen wohnen, die jetzt auch im Stadtteil leben“, prognostizieren sie. Denn die Wohnungen hätten dann etwa das Preisniveau, das Vonovia derzeit für sanierte Wohnungen in der Großwohnsiedlung aufruft. Etwa neun bis zehn Euro pro Quadratmeter. Und das würde dann genau zu keiner Aufwertung führen. „Hier leben schon jetzt Menschen mit mittleren bis niedrigen Einkommen und unterdurchschnittlichem Bildungsniveau“, so Kritikerin Professor Dr. Breckner, emeritierte Professorin der HafenCity Universität. „Ein Hinzufügen von bezahlbarer Wohnfläche führt nicht automatisch zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen.“ Auch der CDU-Politiker Sandro Kappe sagt: „Die geplanten Wohnungen sind zu unattraktiv, das bringt keine Durchmischung.“

Protest von Steilshoopern gegen Neubauten
Steilshooper übergaben am Donnerstag Protestpost im Rathaus. Hier: Anwohner Günter Wolff (li) übergibt Rene Alfeis vom Bürgerbüro des BM Postkarten.

Die Behörde betont hingegen, wie attraktiv die Wohnungen aus ihrer Sicht werden. Sie würden auch in Hammerbrook und in der Neuen Mitte Altona ähnlich aussehen. Enz: „Unterschiedliche Gebäudehöhen und Fassadengestaltungen führen trotz der Systembauweise zu einem abwechslungsreichen Bild, in den Innenhöfen entstehen geschützte, nicht öffentliche Räume.“

Die Anwohner fürchten aber, dass dort ganz einfach keine neue Kaufkraft in den Stadtteil kommt. Im Gegenteil: „Das könnte der Tropfen sein, der hier das Fass zum Überlaufen bringt“, so Anwohner Zirk. Zumal es kaum Infrastruktur gibt. Keine Restaurants, Cafés oder andere Geschäfte sind geplant. Steilshoop hat nur zwei Apotheken bei 20.000 Einwohnern. Die Stadtentwicklungsbehörde hingegen spricht von einem „maßvollen Verhältnis zur bestehenden Siedlung Steilshoop“. Man habe ja etwa die Gebäudehöhe deutlich reduziert und das bestehende städtebaulich „schlüssig ergänzt“. Wo schon Hochhäuser stehen, kommen also weitere hinzu.

Stadt Hamburg baut jedes Jahr 10.000 Wohnungen

Ein Blick auf den bisherigen Acht-Euro-Wohnungsbau (heute Hamburg Wohnungen genannt) der Stadt zeigt klar: Nirgends wird so groß gedacht, wie in Steilshoop. In Neugraben entstanden 44 Wohnungen in diesem Segment, in Bramfeld 154. Häuser oder Eigentumswohnungen sind nicht geplant. Die Saga baut aber an drei anderen Standorten in der Stadt sogar Reihenhäuser in diesem Segment. Enz räumt ein: „Steilshoop gehört zu den größten Projekten mit sogenannten Hamburg-Wohnungen, weitere in dieser Größenordnung sind nicht geplant.“

Die Großwohnsiedlung Steilshoop von oben
Die Großwohnsiedlung Steilshoop von oben.

Die Kritik an der fehlenden Laden- und Restaurant-Infrastruktur weist die Behörde mit Hinweis auf die soziale Infrastruktur zurück. Denn tatsächlich wurde in Steilshoop gerade sehr viel Geld in den Campus Steilshoop mit Stadtteilschule und Grundschule sowie einem Quartierszentrum investiert, knapp 48 Millionen Euro städtische Gelder. „Aber das allein lockt keine zahlungskräftigeren Menschen in den Stadtteil“, sind die Kritiker überzeugt.

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Sie haben den Verdacht, dass es nur darum geht, dass die Stadt ihre Planzahlen beim Neubau von Wohnungen erfüllen will. Immerhin ist das ehrgeizige Versprechen, 10.000 Wohnungen jährlich zu erreichen. Die Steilshooper wollen jetzt weiter gegen die Großbau-Pläne kämpfen. Pastor Andreas Holzbauer glaubt, dass der Fehler mit breitem Protest vielleicht noch aufzuhalten ist. „Ich bin Pastor, natürlich glaube ich.“

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