Pastor Andreas Holzbauer
  • Pastor Andreas Holzbauer ist gegen die Neubaupläne in Steilshoop.
  • Foto: Patrick Sun

Aufstand gegen neue Wohnungen: Stopft uns nicht den Stadtteil voll!

Mümmelmannsberg, Kirchdorf-Süd, Osdorfer Born oder Steilshoop. Hamburgs Großwohnsiedlungen haben keinen klingenden Namen. Sie entwickelten sich früh zu Problem-Quartieren. Wiederholt die Stadt nun in Steilshoop alte Fehler? Dort sollen angrenzend an die Hochhaus-Siedlung im Norden des Stadtteils 500 ähnlich konzipierte Wohnungen entstehen. Im sogenannten günstigen Systemwohnungsbau der Saga. Anwohner, Sportvereine, Kirche und Initiativen laufen Sturm dagegen.

„Wo gibt es in Hamburg freie Flächen für großangelegten Wohnungsbau? Und wo ist der Widerstand am geringsten?“ Das sind aus Sicht von Anwohner Kai-Uwe Zirk die entscheidenden Faktoren dafür, dass der Senat in Steilshoop nun 500 Wohnungen nördlich des Fritz-Flinte-Rings und des Borchertrings hochziehen lassen möchte. „Eines der am engsten besiedelten Quartiere der Stadt wächst so mal eben um zehn Prozent. Ohne jegliche neue Infrastruktur.“ Die Kritiker betonen, dass sie nicht gegen neue Wohnungen sind, doch nicht so viele und nicht in dieser Bauweise mit bis zu sieben Stockwerken.

Leere Baufläche in Steilshoop.
Dies ist eins von drei Baufeldern, auf denen bis zu 500 Wohneinheiten mit bis zu sieben Geschossen entstehen sollen.

In Steilshoop wohnen heute rund 20.000 Menschen und es gehört zu den wenigen Stadtteilen, in denen mehr Menschen weg- als zuziehen. Wer dort lebt, spricht nicht gern drüber. Selbst, wenn er ganz gern dort lebt. Aber Steilshoop hat einen schlechten Ruf. Vor mehr als 50 Jahren entstand die Großwohnsiedlung mit Hochhäusern, die teils zehn Stockwerke haben. „Es gibt nur wenige Gebiete in Hamburg, in denen die Menschen auf noch engerem Raum leben“, sagt Zirk.

Saga baut in Steilshoop: Wohnungen für acht Euro den Quadratmeter

Pastor Andreas Holzbauer vor der Kirchengemeinde in Steilshoop
Pastor Andreas Holzbauer vor seiner Kirchengemeinde in Steilshoop. Er kritisiert die Neubaupläne der Stadt.

Heute hat jeder Zweite im Stadtteil einen Migrationshintergrund, bei den Jugendlichen sind es sogar drei Viertel. Der Anteil der Arbeitslosen ist deutlich höher als im städtischen Schnitt, ebenso die Zahl der Menschen, die finanzielle Hilfe vom Staat bekommen (jeder Vierte). Die fehlende Infrastruktur ist eins der größten Probleme. „Hier gibt es kein Restaurant, keine Post und keine Bank“, sagt Pastor Andreas Holzbauer. Er ist Sprecher des Stadtteilbeirats. Bisher fahren in Steilshoop nur Busse, bis die U-Bahn gebaut ist, dauert es noch Jahre.


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Jetzt soll noch einmal sehr ähnlich gebaut werden, wie vor 50 Jahren. Nur enger, mit kleinsten Innenhöfen. „Die Planungen sehen eine noch viel dichtere, engere Bebauung vor, als hier bisher vorherrscht“, erklärt der Pastor. „Das passt zur Stadtteil-Silhouette, wurde uns gesagt.“

Steilshoop: 500 Wohnungen für 2000 neue Bewohner

Rund 2000 neue Bewohner könnten so nach Steilshoop ziehen, ein Wachstum um zehn Prozent. „Ohne auch nur an die Infrakstruktur zu denken“, sagt der Pastor. Es werde nicht einmal ein Café oder ein Bäcker in einem der Gebäude in See-Nähe geplant. „Die bestehenen Defizite Steilshoops werden so sogar verstärkt.“ Dabei hätte die Stadt dort ja auch Reihenhäuser oder kleinere Mietshäuser bauen können. „Wir wollen neue Wohnungen, aber nicht so viele und nicht auf diese Art und Weise.“

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Das Kuriose: Aus Sicht von SPD und Grünen wird Steilshoop durch die 500 Wohnungen in Systembauweise aufgewertet und sozial besser durchmischt. Denn es entstehen die sogenannten Acht-Euro-Wohnungen, die Hamburg auch in anderen Stadtteilen schon realisiert hat. Etwa in Neugraben (44 Wohnungen). Durch Systembau werden möglichst viele Kosten gespart und so können die Wohnungen auf dem freien Wohnungsmarkt an Durchschnittsverdiener ohne Wohnberechtigungsschein für rund acht Euro den Quadratmeter vermietet werden.

Die Großwohnsiedlung Steilshoop von oben
Die Großwohnsiedlung Steilshoop von oben. Mehr als 8000 Wohnungen. Dort, wo jetzt Sportplätze eingezeichnet sind, kommen die neuen Baugebiete hin.

„Na und?“, sagt Zirk, der seit zehn Jahren am Bramfelder See in Steilshoop wohnt. „Das wird doch keine Kaufkraft und keine anderen Menschen nach Steilshoop bringen.“ Dafür hätte der Senat dort lieber im Drittelmix mit Eigentumswohnungen und sozialem Wohnungsbau und Mietwohnungen bauen sollen. Denn die Acht-Euro-Wohnungen seien ja sogar günstiger, als die Neuvermietungs-Preise, die bei Wohnungen in Steilshoop aktuell gefordert würden.


Kommentar: Beim Bauen taugt Neugraben-Fischbek als Vorbild

Der Kampf um den Platz in dieser Stadt wird immer erbitterter geführt. Kein Wunder, denn es gibt ja immer weniger davon. Zehn Jahre ist es her, dass der damalige Neu-Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) angekündigt hat: Wir wollen jedes Jahr 10.000 Wohnungen bauen. Der Umsetzungsdruck auf die Bezirke war von Anfang an hoch, die Vorgabe wurde eingehalten.

Immer schon auffällig und naheliegend: Natürlich suchen die Planer mit dem eindeutigen Auftrag nach den dicken Fischen. Kleinteilig verdichten bringt nicht viel für die Bilanz. Wer liefern muss, der klotzt gern anstatt zu kleckern. Und das ging, oh Zufall, fast immer nur in den „armen Stadtteilen“.

Nicht immer einfach „so viel wie möglich“

Als in Neugraben die Bebauung des Röttiger-Kasernengeländes geplant wurde, kannte die SPD zunächst vor allem ein Ziel: so viel wie irgend möglich. Erst nach langem Ringen mit dem Koalitionspartner CDU schraubte man die Erwartungen zurück. Der jetzige Mix aus Familienhäuschen und Mietwohnungen brachte Kaufkraft und bessere soziale Durchmischung an den Stadtrand und ergänzt die 70er-Jahre-Hochhaussiedlungen sinnvoll.

Warum man für Steilshoop nicht daraus lernen will? Wahrscheinlich, weil’s wieder nur um Zahlen geht.

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