Steffen Wossidlo
  • Klempnermeister Steffen Wossidlo (42) sucht dringend Azubis.
  • Foto: Quandt

Hamburg gehen die Fachkräfte aus: „Es bewirbt sich niemand mehr“

Der Hamburger Klempnermeister Steffen Wossidlo (42) sucht händeringend Auszubildende, doch es bewirbt sich einfach niemand. Mit diesem Problem ist er nicht allein. Überall in Deutschland leiden Betriebe unter einem Nachwuchs- und Fachkräftemangel – nicht erst seit der Pandemie.

„Das Problem ist, viele junge Leute sehen eine Handwerksausbildung nur noch als letzte Option“, sagt Wossidlo zur MOPO. „Sie machen mit Ach und Krach ihr Abi und fühlen sich danach für eine handwerkliche Ausbildung überqualifiziert.“

Hamburger Handwerker: „Nase voll vom Fachkräftemangel“

Wossidlo ist Chef eines Betriebs am Fischmarkt, der sich um Sanitär-, Heizungs- und Gasanlagen kümmert. Mit den Auszubildenden hatte er nach eigener Aussage immer „Pech“, weil sie „nicht mit dem Herzen dabeigeblieben sind“. Viele Kollegen wollen schon gar nicht mehr ausbilden. Doch: Wo keine Azubis sind, gibt es später auch keine Fachkräfte. „Alle haben die Nase voll vom Fachkräftemangel“, sagt Wossidlo.

Laut des Bundeswirtschaftsministeriums betrachten schon jetzt mehr als die Hälfte aller Unternehmen in Deutschland den Fachkräftemangel als Risiko. Besonders betroffen sind Berufe aus dem Handwerk, der Metall- und Elektroindustrie, dem MINT-Bereich (Berufe aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) sowie dem Gesundheitssektor.

In den Engpassberufen fehlen die Fachkräfte

Die Sanitär- Heizungs- und Klimatechnik gilt als ein sogenannter Engpassberuf. Das heißt, es gibt deutlich mehr zu besetzende Stellen als arbeitssuchende Fachkräfte. Nach Angaben des Kompetenzzentrums für Fachkräftesicherung kamen im Jahr 2020 in diesem Bereich im Schnitt auf 100 offene Stellen gerade mal 26 Arbeitslose mit einer passenden Qualifikation. In Hamburg mangelt es laut der Handwerkskammer ebenfalls vor allem an Nachwuchskräften in Elektro- und Sanitärbetrieben.

Klempner
Klempner gehören zu den Fachkräften, die am dringendsten gesucht werden (Symbolbild).

Die Gründe für den Arbeitskräftemangel sind vielfältig: Immer mehr Babyboomer gehen in den Ruhestand, doch nur wenige junge Menschen rücken nach. Außerdem machen viel mehr junge Menschen Abitur und entscheiden sich im Anschluss eher für ein Studium als für eine Ausbildung. Die Spitze dieser Problempyramide ist die Pandemie, in der sich einige Arbeitnehmer:innen aus Handel und Gastronomie neu orientiert haben und in ihren alten Jobs fehlen.

Zu viele Jobs im Niedriglohnsektor geschaffen

Ein weiteres Hindernis identifiziert Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Deutschland habe zuletzt zwar viele Jobs geschaffen, doch einen Großteil davon im Niedriglohnsektor, sagt er im „Spiegel“. Mehr als 20 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten arbeiteten für Löhne, die kaum für ein auskömmliches Leben reichen. Es brauche jetzt „Klasse statt Masse“ also konkrete Investitionen in Weiterbildung und Qualifikation von Arbeitnehmern, so Weber.

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Neben diesem Vorschlag gibt es weitere Ideen von Expert:innen, um der Misere zu begegnen. Eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist eine Idee, weil weiterhin viele Frauen (auch unfreiwillig) in Teilzeitjobs arbeiten. Der Chef der Bundesarbeitsagentur, Detlef Scheele, sieht eine Lösung in „gezielter Zuwanderung“. 400.000 Zuwandernde brauche es laut Scheele pro Jahr, um die derzeitigen Lücken am Arbeitsmarkt zu schließen.

Einen weiteren Weg aus dem Fachkräftemangel sehen Expert:innen in der Schaffung besserer Perspektiven für Minijobber und der Förderung einer Tarifbindung. Für die Klempnerbranche gibt es im Bundesland Hamburg zum Beispiel keinen offiziellen Tarifvertrag, an dem sich das Ausbildungsgehalt bemessen lässt. Hier gilt lediglich eine Empfehlung der Handwerkskammer und der zuständigen Innung an deren Mitglieder.  

„Handwerk lebt von der Ausbildung, sonst stirbt es aus“

Klempnermeister Wossidlo kämpft außerdem immer wieder mit Vorurteilen: „Wir haben das Problem, dass sich keiner bewirbt. Das Vorurteil von ,Gas-Wasser-Scheiße‘ hält sich leider hartnäckig.“ Natürlich müsse man auch mal ein Abwasserrohr austauschen, aber das sei nur ein kleiner Teil des Jobs. Wichtig sei vor allem die Leidenschaft für das Handwerk. „Klar geht es auch mal rau zu, aber man sieht am Ende des Tages immer direkt ein Ergebnis und glückliche Gesichter“, sagt Wossidlo.

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Mit Praktika und Praxis begeistern, das hält auch die Hamburger Handwerkskammer für wichtig. Heute müssten sich eben auch die Betriebe bei den Nachwuchskräften bewerben. Anstelle einer klassischen Anzeige will Klempnermeister Wossidlo jetzt auf Instagram die jungen Leute ansprechen. „Das Handwerk lebt von der Ausbildung, sonst stirbt es aus“, sagt er.

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