Demo
  • Demonstration gegen den Ukraine-Krieg.
  • Foto: IMAGO/Peter Homann

Brief von Schwarzer, Nuhr und Co.: Sollen wir Putin als nächstes Polen anbieten?

Klar habe ich Angst. Wie soll’s auch anders sein, wenn Putin und seine Schergen fast täglich mit einem Atomschlag drohen? Das kann einen mürbe machen. Wenn also Alice Schwarzer, Dieter Nuhr und Lars Eidinger nun mahnen, man solle vorsichtig sein und Russland bloß nicht durch Waffenlieferungen an die Ukraine reizen, dann versteh ich das. Aber ganz ehrlich: Intellektuell find ich’s eher flau, was die Prominenten anbieten. Denn am Ende steht immer nur eine Binsenweisheit: Reden ist besser als schießen.

Und klar, das stimmt! Aber was macht man, wenn man redet und redet, aber das Gegenüber nicht aufhört zu schießen? Vor ein paar Tagen fragte ich die Leser, ob sie eine Idee haben, was nun zu tun sei. Herr Wagner schrieb, man müsse Putin entgegenkommen und verhandeln. Auch Frau Grothusen plädiert dafür, Putin zu fragen, was er will, und ihn dazu zu bringen, konkrete Bedingungen für ein Ende der Kampfhandlungen zu nennen. Manche Leser bezeichnen in Zuschriften „die Medien“ wegen der Forderungen in Kommentaren zu Waffenlieferungen und der Kritik an einem oft erratisch handelnden Scholz als „Kriegstreiber“.

Ukraine-Krieg: Mit Putin sprechen? Das ist keine neue Idee

Verhandelt und gesprochen wurde mit Putin bis unmittelbar vorm Einmarsch. Erinnern Sie sich an den Scholz-Besuch am langen Tisch? Putin hat ihn plump angelogen. Es hat nichts geändert. Und das Problem ist: Putin hat seine Bedingungen bereits mehrfach formuliert. Dazu gehört die Auslöschung der Ukraine als eigener Staat und die Androhung weiterer Aggressionen gegen andere Länder.

Ich bin sehr dafür, am besten täglich zu überprüfen, ob das noch gilt. Aber bisher gibt es keine Anzeichen für eine neue Perspektive. Und selbst wenn man ein Verhandlungsergebnis erzielen würde: Die Hoffnung, dass Putin sich anschließend daran hält, fußt noch mal auf welchen Erfahrungen? Und was, wenn er es nicht tut? Reden wir dann noch mal neu mit ihm?


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Ich habe vor knapp 30 Jahren den Kriegsdienst verweigert. In diesen bürokratischen Vorgang ging ich damals leidlich vorbereitet. Das Internet spielte noch keine Rolle. Freunde sprachen von zwei Fragen, die so oder so ähnlich gestellt würden, um zu überprüfen, ob Verweigerer es ernst meinen: 1.) „Würden Sie auf einen Angreifer schießen, der ihre Freundin vergewaltigen will?“ Und 2.) „Was würden Sie tun, wenn ein Kampfflugzeug ihren Heimatort angreift und Sie eine Flugabwehrkanone hätten?“

Lavieren bei der Wehrdienst-Verweigerung

Wir wollten nicht zur Bundeswehr. Weil wir uns nicht anschreien lassen wollten. Weil es in unseren Kreisen uncool war. Weil wir uns nicht ernsthaft bedroht fühlten, von irgendjemandem. Weil der Gedanke, Teil eines Krieges zu sein oder zu werden, für uns Jungspunde völlig abwegig war.

Was die ehrliche Antwort war, ahnten meine Kumpels und ich aber bereits damals: 1.) Ja. 2.) Schießen. Weil wir erfolgreich verweigern wollten, lavierten wir stattdessen herum: „Ich könnte das mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.“

Wir sprachen ja schon über Binsenweisheiten. Hier sind noch ein paar, an denen wir uns damals auch festhielten: Krieg ist furchtbar. Es werden Milliarden mit Waffen verdient. Nur Verhandlungen können Frieden bringen. Es darf keinen Atomkrieg geben.

All das stimmt so sehr. Noch immer. Aber was hilft es?

Wenn Putin mehr will – bieten wir ihm Polen an?

Es steht die Frage im Raum, was wir JETZT, genau jetzt tun sollen. Jetzt, da Menschen, die in Europa ohne einen nachvollziehbaren Grund angegriffen wurden, in einer glasklaren Notwehrsituation sind und uns um Nothilfe durch Waffenlieferungen bitten. Was wollen Dieter Nuhr und Alice Schwarzer nun tun? Nein sagen? Aus Angst vor möglichen Konsequenzen? Oder empfehlen: „Gebt lieber auf, es bringt doch alles nichts ​…“? Die Ostgebiete der Ukraine abtreten, als nachträgliche Legitimation des Angriffskriegs? Wie reagieren wir, wenn das nächste Land angegriffen wird? Bieten wir Putin dann Polen an? Wie reagieren wir, wenn wir angegriffen werden? Geben wir auf? Lieber lebendig als frei?

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Das alles sind schreckliche, albtraumhafte Fragen, auf die ich keine guten Antworten habe. Und sie erinnern frappierend an die, die sich die Alliierten vor dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg stellen mussten. Was einem noch mehr höllische Angst einjagen kann. Aber für mich gilt: Meine alten Antworten und Gewissheiten funktionieren nicht mehr. Und so einfach wie damals bei der Verweigerung können wir’s uns nicht machen. 

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