Ein Mensch hält einen Böller in der Hand, der angezündet wurde
Ein Mensch hält einen Böller in der Hand, der angezündet wurde
  • Wenn beim Böllern etwas schiefgeht, endet das schnell im Krankenhaus.
  • Foto: picture alliance/dpa/Patrick Pleul

Wieso Böllern schlecht ist: Der teure Irrsinn der Knallköppe

Eigentlich ist die Sache doch längst durch, oder sie sollte es zumindest sein. Die Böllerei, Knallerei oder Ballerei zu Silvester ist schädlich für Mensch, Tier und Natur. Ein teurer Irrsinn, für den es kein einziges wirklich durchschlagendes Argument gibt, zumal eine eindeutige Mehrheit der Bevölkerung dagegen ist. Und trotzdem feiert die Unvernunft Jahr für Jahr Triumphe.

Schon lange vor der Silvester-Nacht kracht, zischt und knallt es. Das geht dann bis weit in den Neujahrsmorgen, weil Dummheit und Rücksichtslosigkeit mal wieder gesiegt haben. Die Luft der Großstädte ist schadstoffgesättigt und die Straßen sind von Raketen- und Kracher-Müll übersät. In die ohnehin überlasteten Krankenhäuser werden massenhaft Silvester-Opfer eingeliefert, unzählige Tiere kommen zu Tode – was für eine irrwitzige Bilanz.

Unbegreiflich: Wir müssen immer noch oder immer wieder darüber streiten

Fangen wir mit dem höchst gesundheitsschädlichen Feinstaub an. Davon werden an Silvester in Deutschland fast 5000 Tonnen beim Abbrennen von Feuerwerk freigesetzt. Diese Menge, so das Umweltbundesamt, entspricht, 17 Prozent der jährlich (rpt. JÄHRLICH !!!) vom gesamten Straßenverkehr verursachten Feinstaubmenge. Die mikroskopisch kleinen Partikel dringen in Nasennebenhöhlen, in Bronchien und Lungenbläschen ein, manche gelangen ins Blut. Sie können Erkrankungen der Atemwege und von Herz, Lunge und Kreislauf auslösen.

Ohnehin überlastete Krankenhäuser müssen Silvester vermeidbare Verletzungen behandeln

Bleiben wir bei den Schäden für die Menschen: Alle Silvester wieder werden Opfer mit teilweise schweren Verletzungen durch Feuerwerkskörper in die Notaufnahmen eingeliefert: Verbrennungen, Augen- und Hörschäden, abgetrennte Gliedmaßen. In Deutschland erleiden etwa 8000 Menschen beim lautstarken Übergang ins neue Jahr Verletzungen des Innenohrs durch Feuerwerkskörper. Rund ein Drittel dieser Menschen, so eine Meldung im „Deutschen Ärzteblatt“, kann nie wieder richtig hören.

Christoph Lütgert war 17 Jahre lang Chefreporter Fernsehen beim NDR und wurde mehrfach ausgezeichnet.
Christoph Lütgert war 17 Jahre lang Chefreporter Fernsehen beim NDR und wurde mehrfach ausgezeichnet.

Schlagartig erhöht sich an Silvester auch das Brandrisiko. Wegen der Pandemie wurde in den vergangenen beiden Jahren sehr viel weniger gezündelt, gezischt und geballert. Davor aber beim bis dahin letzten „normal“ irrsinnigen Jahreswechsel 2019 musste laut Zählung des Berliner „Tagesspiegels“ die Feuerwehr allein in der Hauptstadt zu 400 Bränden ausrücken. Topp, die Wette gilt: So wird es jetzt wieder kommen.

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Und dann die Tiere: Wer Hund oder Katze zu Hause hat, weiß, welchen Stress die stundenlange Knallerei für sie bedeutet. Auch Vögel reagieren panisch, viele flüchten aus ihren Schlafplätzen und kehren nie wieder zurück. Wildtiere, so hat die Umweltschutzorganisation Nabu beobachtet, werden aufgeschreckt, irren orientierungslos durch fremde Gegenden, erleiden Gehörschäden oder können nicht überleben. Fluchttiere wie Kühe und Pferde durchbrechen vor lauter Panik Zäune, in den Ställen drängen und treten sich Hühner zu Tode. Von fehlgeleiteten Silvester-Raketen wurden nach Zählungen der Deutschen Umwelthilfe (DUH) 2019 und 2020 insgesamt 27 Brände in Tierhaltungsbetrieben ausgelöst.

Silvesterfeuerwerk – laut und dreckig: Aus Raketen und Böllern werden riesige Mengen Müll. Am Neujahrsmorgen mussten und müssen nach Ermittlungen des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU) allein in den fünf größten deutschen Städten (Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt) fast 200 Tonnen Silvesterabfall entsorgt werden – nach einer einzigen Nacht.

140 Millionen Euro werden Silvester durchschnittlich in die Luft gejagt

Nach Auskunft des Verbandes der Pyrotechnischen Industrie haben die Deutschen in den Jahren vor der Pandemie für Raketen, Knaller und Batteriefeuerwerke jedes Silvester an die 140 Millionen Euro buchstäblich in die Luft gejagt. Die Frage sei erlaubt: Wie viel Sinnvolles, Notwendiges, Gutes hätte man dafür bezahlen können ? Gerade in Zeiten wachsender Armut bei uns und draußen in der Welt. Und wenn dieser Pyro-Verband geltend macht, bei einem Verkaufsverbot für seine Produkte würden hierzulande 3000 Beschäftigte arbeitslos, kann ich bestenfalls lachen: Erstens haben wir in Deutschland einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften und zweitens kann der Erhalt von Arbeitsplätzen doch wohl nicht dafür herhalten, dass nachweislich schädliche und gefährliche Produkte wider bessere Einsicht immer weiter produziert werden müssen.

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Ein Verkaufsverbot für Silvesterraketen und -kracher wäre also überfällig. Und es wäre im Sinne einer Mehrheit der Bevölkerung. Laut einer repräsentativen Umfrage der Verbraucherzentrale Brandenburg plädieren 53 Prozent der Deutschen für ein Feuerwerksverbot. Nur 39 Prozent wären dagegen.

Wollen wir uns von diesen 39 Prozent – im wahrsten Sinne des Wortes – „Knallköppen“ Jahr für Jahr zu Silvester terrorisieren lassen? Und das auch noch in Zeiten, in denen der Krieg in der Ukraine die Ballerei im sicheren und komfortablen Deutschland zu einer Geschmacklosigkeit allererster Güte macht?

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