Als Experiment hat MOPO-Reporterin Annalena Barnickel versucht, so streng wie möglich nach Verkehrsregeln zu fahren – mit ernüchternden Ergebnissen.
  • Als Experiment hat MOPO-Reporterin Annalena Barnickel versucht, so streng wie möglich nach Verkehrsregeln zu fahren – mit ernüchternden Ergebnissen.
  • Foto: Patrick Sun

Ich hielt mich an alle Verkehrsregeln – und wurde bedrängt und bepöbelt

Ab Frühjahr sollen die ersten Moia-Vans ohne Fahrer auf Teststrecken durch Hamburg rollen. Eine beunruhigende Vorstellung – wie soll ein Roboter auf unvorhergesehene Situationen reagieren? Allerdings gibt es einen Vorteil: Der Computer hält sich, im Gegensatz zu den meisten Autofahrern, strikt an alle Verkehrsregeln. Genau das habe ich einmal ausprobiert – und wurde prompt bedrängt und bepöbelt.

Wer auf Hamburgs Straßen regelmäßig unterwegs ist, der weiß: Es wird gehupt, gedrängelt, gemeckert und geflucht. Laut Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) könnten die autonom fahrenden Ridesharing Vans von Moia künftig dazu beitragen, die hohe Aggressivität im Hamburger Straßenverkehr zu reduzieren. Denn immerhin fahren sie, wie es jedem in der Fahrschule eingetrichtert wird: immer schön defensiv.

Hohe Aggressivität im Hamburger Straßenverkehr

Hand aufs Herz: Wer schafft es schon, sich immer an 100 Prozent aller Regeln zu halten? Das gilt nicht nur, wenn ich ins Auto steige sondern auch, wenn ich mich auf den Fahrradsattel schwinge. Deshalb starte ich ein Experiment und probiere genau das – vielleicht hilft’s gleichzeitig gegen die stetige Wut auf andere Verkehrsteilnehmer. Voller Motivation steige ich in meinen roten Citroen, schnalle mich an und fahre blinkend aus der Parklücke. Los geht’s von Eppendorf in Richtung Altona über den Ring 2.

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Schon nach dem zweiten Abbiegen fällt mir auf: Ich habe den Schulterblick vergessen, der bei jedem Spurwechsel, Abbiegen und Überholen nötig ist. Ab sofort denke ich dran. Die Fahrspur vor mir ist verhältnismäßig leer, mein Tacho überschreitet trotzdem nicht die 50 Stundenkilometer. Doch dann nähert sich von hinten ein schwarzer BMW im Rückspiegel.

Auf dem Ring 2: BMW schneidet knapp die Fahrspur

In deutlich überhöhter Geschwindigkeit rauscht er links vorbei und schert dann direkt vor mir wieder ein – und bremst mich, offenbar als Erziehungsmaßnahme, auch noch aus. In mir steigt die Wut. Egal: Defensiv fahren ist heute mein Motto. Vor einer Kreuzung sehe ich dann schon von weitem die grüne Ampel – trotzdem bleibe ich konstant bei 50, anstatt wie üblich ein bisschen aufs Gas zu drücken. Wieder nähert sich ein Auto in meinem Rückspiegel, das mir fast an der Stoßstange klebt. Links überholen ist nicht möglich, weil dort gerade andere Pkw vorbeifahren.


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Dann kommt das, was ich befürchtet habe: Die Ampel wird vor mir gelb. Ich bremse ab und kann förmlich das Fluchen meines Hintermanns hören. Verärgert betätigt er die Lichthupe. Im Rückspiegel sehe ich, wie er wütend brüllt und mit den Händen fuchtelt.

Sicherheitsabstand: Fahrradfahrer überholen oder nicht?

Kurz darauf fährt ein Fahrradfahrer vor mir. Allerdings nicht rechts, sodass ich an ihm vorbeifahren könnte, sondern mitten auf der Straße. Ich schätze kurz ab: Überholen passt mit 1,50 Meter vorgeschriebenem Sicherheitsabstand nicht, außerdem kommt weiter vorne eine Kurve.

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Also tuckere ich hinter dem Radler her, der mir ein paar Mal misstrauische Blicke nach hinten zuwirft und demonstrativ noch ein bisschen weiter links fährt. Ich grummele in mich hinein. Den Autofahrer hinter mir scheinen meine Bedenken allerdings nicht zu stören. Erst hupt er mich an, aber ich reagiere nicht. Dann fährt er an mir vorbei und zeigt mir den Vogel und pöbelt irgendwas Unverständliches zu mir rüber. Anschließend passiert er viel zu dicht den Radfahrer, um dann in letzter Sekunde wieder vor ihm einzuscheren – Gegenverkehr vor der Kurve.

Der Rückweg: Zum zweiten Mal Verkehrshindernis

Auf dem Rückweg geht es dann durch eine Tempo-30-Zone, in der ich schnell zur Anführerin einer Autoschlange werde. Eine böse Vorahnung steigt in mir auf und tatsächlich: Mein direkter Hintermann fährt so dicht auf, dass wahrscheinlich nur noch ein Blatt Papier zwischen uns gepasst hätte.

Ganz böse wird es aber, als in der einspurigen Straße auf einmal ein riesiger Reisebus parkt. Hier ist kein Vorbeikommen außer über die Gegenfahrbahn, gleichzeitig steigen noch Leute aus. Schritttempo ist hier also angesagt. Dafür muss ich allerdings sehr lange warten, bis wirklich meterweit kein Gegenverkehr mehr in Sicht ist. Ein Blick in den Rückspiegel sagt mir, dass mein Hintermann kurz vorm Ausrasten ist. Das Schritttempo gibt ihm dann den Rest und er entscheidet sich, mich rasant zu überholen. An der nächsten Ampel treffen wir uns wieder, er schüttelt nur den Kopf in meine Richtung und fuchtelt mit den Armen.

Hamburg: Helfen Roboter im Straßenverkehr?

Fazit: Keiner kann sich immer zu 100 Prozent korrekt verhalten. Aber wer es in Hamburg probiert, wird zum Verkehrshindernis und beschimpft und bedrängt. Zudem provoziert man auch noch riskante Manöver anderer Autofahrer. Dabei würde ein bisschen Defensive im Straßenverkehr uns allen guttun und manchen Unfall sicher vermeiden.

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