Peter Drauschke
  • Peter Drauschke (76) heute.
  • Foto: Olaf Wunder

60 Jahre Mauerbau: Dieser Mann floh – in den Osten

„Viele, die diesen Artikel lesen, werden sagen: ,Wie konnte der nur so bescheuert sein?‘ Und irgendwie haben sie auch recht. Da haben Zigtausende alles daran gesetzt, die DDR zu verlassen, haben sich Tunnel gegraben oder sind einfach in die Ostsee gesprungen und sind geschwommen. Und ich? Ich bin auch geflohen. Aber in die DDR. Ganz ehrlich: Ich verstehe das ja selbst kaum noch.“

Der Mann, der hier redet, ist Peter Drauschke (76). Der Anlass, dass er dem MOPO-Reporter seine außergewöhnliche Geschichte erzählt, ist der Tag des Mauerbaus – heute vor 60 Jahren. Ein einschneidendes Ereignis der deutschen Geschichte. Kurz zuvor hat DDR-Staatschef Walter Ulbricht getönt, niemand habe die Absicht, eine Mauer zu errichten. Und dann ordnet er genau das an.

Peter Drauschke
Peter Drauschke als junger FDJ-Funktionär in der DDR

Während die meisten Menschen in Ost wie West empört sind, ist damals in Hamburg der gerade mal 17-jährige Peter Drauschke davon überzeugt, dass der Schritt richtig war. Die DDR – aus seiner Sicht der bessere deutsche Staat – müsse sich schließlich schützen gegen die westlichen Imperialisten.

Drauschke zu seiner „Flucht“ in den Osten: „Ich war ein fanatischer Kommunist“

„Ja, das habe ich wirklich geglaubt“, sagt er. „Ich war ein fanatischer Kommunist. Ich sah bei uns im Westen überall Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Die einen fahren dicke Autos, residieren in Villen an der Alster, die anderen malochen und haben doch nichts. Der Kapitalismus hat mich richtig angekotzt.“

Peter Drauschke, der aufwächst in der Bilser Straße in Alsterdorf, findet in seinem Schulfreund Erwin Brüggen einen Gleichgesinnten. Drauschke arbeitet ehrenamtlich für die Deutsche Friedens-Union (DFU), einer von der SED finanzierten kommunistischen Sammlungsbewegung in Westdeutschland, die nach dem Verbot der KPD entstanden ist. Mehrfach sind Drauschke und sein Schulfreund „drüben“ zu Besuch. Drauschke nimmt sogar an Ferienlagern in der DDR teil. Dabei präsentiert sich das sozialistische Deutschland den Gästen von seiner schönsten Seite. Fortschrittlich, pazifistisch und gerecht.

Drauschke sagt: „Das gefiel mir. Bei Erwin und mir reifte die Idee, rüberzugehen und mitzuhelfen beim Aufbau einer besseren Welt.“ Immer wieder während dieses Interviews bricht Drauschke in Tränen aus. Das ist auch der Fall, als er erzählt, wie er sich von seinen Eltern verabschiedet. Noch ein letztes Mal versucht sein Vater ihn zum Umkehren zu bewegen. „Er hat mir über den Kopf gestreichelt und gesagt: ,Komm, Peter, bleib hier.‘“

Beate Verlobte von Peter Drauschke
Beate, die damalige Verlobte von Peter Drauschke

Noch heute ist Drauschke entsetzt darüber, was für ein harter Hund er gewesen sein muss. „Vater, Mutter, meine beiden Schwestern haben mich traurig angeguckt. Und ich? Ich habe einfach meine Sachen genommen und bin gegangen.“

Die „Flucht“ in die DDR – sie ist gar nicht so leicht. Beim ersten Versuch im Frühjahr 1963 schaffen es die beiden 18-Jährigen bis zum Bahnhof Büchen hinter Lauenburg, das ist die letzte Station vor der innerdeutschen Grenze. Da werden die beiden von westdeutschen Beamten aus dem Zug geholt, darunter ein Mann vom Verfassungsschutz, der aus der DDR geflohen war und dabei einen Arm verloren hatte. „Ihr wollt rüber? Ihr glaubt, da ist es schöner? Ich sage euch“, und er zeigt auf seine Prothese, „ihr kommt wieder.“

Erst der zweite Fluchtversuch nach Ost-Berlin klappte

Der Beamte ruft die Eltern an, lässt die Jungs abholen, hofft, dass er dazu beigetragen hat, die beiden vor einem großen Fehler zu bewahren. Doch nur 14 Tage später versuchen es Erwin Brüggen und Peter Drauschke noch einmal.

Diesmal fliegen sie nach West-Berlin, fahren mit der S-Bahn bis zum Grenzübergang Friedrichstraße und sagen dem DDR-Grenzer, dass sie in die Deutsche Demokratische Republik übersiedeln wollen. Roter Teppich? Sektempfang? Ein paar Schnittchen? Nichts dergleichen. „Vier Stunden mussten wir in einem Raum warten ohne Essen“, erinnert sich Drauschke. „Ich weiß noch, ich habe zu Erwin gesagt, den Empfang habe ich mir anders vorgestellt.“

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Sie sind bei Weitem nicht die einzigen Westdeutschen, die in den Osten gehen – von 1949 bis 1989 sind es tatsächlich fast eine halbe Million. Jeden Einzelnen schaut sich die DDR genau an. Die Sorge ist groß, ein westdeutscher Geheimdienst könnte als Übersiedler getarnte Spione ins Land schicken. Im Zentralen Aufnahmeheim in Berlin-Blankenfelde dreht die Staatssicherheit Erwin und Peter eine ganze Woche durch den Wolf, verhört sie, überprüft ihre Angaben. Danach verbringen die jungen Männer mehrere Wochen in einem Lager, bis sie endlich die Erlaubnis bekommen, sich als neue Bürger der DDR in Rostock anzusiedeln. 

Drauschke macht eine Ausbildung zum Textilfachverkäufer und arbeitet in einem Warenhaus in der Rostocker City. Bald wird sein Redetalent entdeckt, und er macht Karriere bei der Jugendorganisation FDJ. Er ist zuständig für Agitation und Propaganda, hält in Schulen Reden gegen den Kapitalismus und macht Stimmung vor allem gegen Westdeutschland. Sogar in der Kaderschule der FDJ am Bogensee bei Berlin hält er Vorträge.

Peter Drauschke Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen.
Peter Drauschke bei einem Vortrag am Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen.

Unterdessen bekommt Erwin Brüggen einen Posten als Hausmeister. Eine Partei-Karriere wie Peter macht Erwin nicht. Im Gegenteil. Er gerät in große Schwierigkeiten, als er 1971 nach dem Tod des einstigen KPdSU-Generalsekretärs Nikita Chruschtschow die Bemerkung fallen lässt, dass der womöglich von Hardlinern ermordet worden sein könnte. Erwin verliert sofort seinen Posten und seine komfortable Wohnung, muss in ein winziges Loch ziehen und als einfacher Arbeiter auf der Warnow-Werft arbeiten. Ein Knochenjob. Täglich mitzuerleben, wie seine Kollegen das „Arbeiter- und Bauernparadies DDR“ verachten, öffnet ihm die Augen. „Wir haben dann viel diskutiert“, sagt Peter Drauschke, „und waren uns bald einig, dass wir einen riesigen Fehler gemacht haben, in diesen Staat zu ziehen.“

Einfach zurückgehen in den Westen – undenkbar. Es bleibt nur die Flucht. Aber wie? Peters 18-jährige Schwester Ruth in Hamburg ist bereit, zu helfen. Sie organisiert gefälschte West-Pässe für Erwin, Peter und für Peters Verlobte Beate, die ebenfalls aus der DDR fliehen will. Die Idee ist, dass sich alle in Sofia am Flughafen treffen, und dass sich dann die drei Ost-Flüchtlinge mithilfe der falschen Papiere als westdeutsche Touristen tarnen und einen Flug nach Düsseldorf nehmen. Doch dieses Vorhaben scheitert. Alle werden festgenommen.

Peters Schwester Ruth darf nach drei Monaten in den Westen zurück. Die Zeit in bulgarischer Haft empfindet sie wie die Hölle. Richtig schlimm wird es für Peter, für seine Verlobte Beate und für Erwin. Sie werden in die DDR zurückgebracht. Als Republikflüchtlinge. Als Verräter. Abschaum.

Folter und Qual für Drauschke im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen

Unter Tränen berichtet Peter Drauschke, was er im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen durchmachen muss. Er wird angebrüllt, bedroht, beleidigt, runtergemacht. Er muss sich in der Zelle nackt ausziehen, alle Körperöffnungen werden aufs Genaueste inspiziert. Er muss auf den Zellengang treten mit dem Lauf einer Kalschnikow im Rücken, wird in einen Raum gestoßen, aus dem Dampfschwaden quellen und in dem er nichts sehen kann. „Ich dachte, die vergasen mich. Ich habe geschrien: ,Ihr seid doch Kommunisten, ihr seid doch keine Nazis!‘“ Dann wird ihm klar, dass es sich bloß um einen Duschraum handelt. „Zersetzung“ nennt die Stasi solche Methoden. Das Selbstwertgefühl des Gefangenen zu untergraben, Angstzustände zu erzeugen. Wegen Republikflucht wird Peter Drauschke zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt, wird im Rahmen einer Amnestie nach 14 Monaten freigelassen. Ein Jahr später darf er in die Bundesrepublik ausreisen.

Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen
Hier hat Drauschke gesessen: Das Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Heute ist hier eine Gedenkstätte.

Zurück in Hamburg studiert Peter Drauschke Philosophie, arbeitet später in der Jugendbehörde als Abteilungsleiter. Seit er pensioniert ist, hält er wieder Vorträge an Schulen – so wie damals, als er noch ein FDJ-Funktionär war. Nur heute referiert er über die Erfahrungen, die er in einem totalitären System machen musste. Und dann erzählt er sie: die Geschichte eines idealistischen 18-jährigen Hamburgers, der einst in die DDR ging, weil er dachte, dies sei der bessere deutsche Staat.

Unter dem, was er in der Stasi-Haft durchlitten hat, leidet Peter Drauschke bis heute. Er ist in psychologischer Behandlung, hat schwer mit Depressionen zu kämpfen. Erwin, Peter Drauschkes Freund, hat diesen Kampf längst verloren. Er stürzte sich vor ein paar Jahren in der Jarrestadt aus dem vierten Stock, ohne ein Wort des Abschieds.

Deshalb zog es Wessis in den Osten

Dass Menschen aus der DDR in den Westen flohen, und zwar insgesamt vier Millionen, das weiß praktisch jeder. Der Tatsache, dass es auch eine Migration in entgegengesetzter Richtung gab, haben Geschichtsforschung wie Medien bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei waren es etwa 500.000 Bundesbürger, die zwischen 1949 und 1989 in die DDR gingen. Zwei Drittel der West-Ost-Übersiedler kamen als Rückkehrer – sie hatten nach 1945 also schon in der SBZ/DDR gelebt; ein Drittel waren neu Zuziehende. Auffällig ist, dass viele Übersiedler ihren Schritt wieder rückgängig machten. Von denen, die seit Anfang 1954 bis Mitte 1961 in die DDR gingen, verließen 40 Prozent das Land wieder. Nach dem Mauerbau betrug die Quote immerhin noch ein Drittel.

Die Motive, in die DDR überzusiedeln, waren sehr unterschiedlich: Nur eine Minderheit tat es aus politischer Überzeugung. Manche hatten Schulden in der BRD oder etwas ausgefressen und wechselten deshalb das Land. Andere verliebten sich in einen DDR-Bürger und zogen zu ihm. Die Mehrheit der Übersiedler war vor allem auf der Suche nach ökonomisch-sozialer Sicherheit oder hatte familiäre Gründe. Manche Übersiedler hofften auf Wohnung und Arbeit in der DDR – denn bis 1957 wurden DDR-Rück- und -Zuwanderer bei der Vergabe von Wohnungen und Krediten bevorzugt. Viele DDR-Einwanderer stellten erst vor Ort die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität im sozialistischen Alltag fest – und bedauerten ihren Schritt.

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