Einblick in ein altes Vorschriften-Buch
  • Die erste von 43 Seiten der Hamburger Brandschutz-Regelung für Theater
  • Foto: Florian Quandt

Flohmarktfund: Hamburgs Reaktion auf eine Feuer-Katastrophe

Gestatten, ich bin Thomas Hirschbiegel, der MOPO-Flohmarktfuchs. Seit mehr als 50 Jahren besuche ich jede Woche Märkte im Norden und kaufe historische Dokumente, alte Fotos und alles, was mit Hamburg zu tun hat. Aber auch bei Design der 70er Jahre oder einer schönen alten Armbanduhr kann ich zu oft nicht widerstehen. Ab sofort präsentierte ich an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen meine neuesten Schätze. Heute: Hamburgs Reaktion auf eine Feuer-Katastrophe.

Wenn man auf dem Flohmarkt ein altes Dokument entdeckt, das einen Stempel wie diesen trägt – „Polizei Hamburg-Kriminalamt-Lehrmittelsammlung.Inv.Verz. Nr 23“ – ja, dann hüpft das Herz jedes echten Trödel-Fans. Lesen Sie hier, was der Fund auf dem Barmbeker „Kulturflohmarkt“ mit einer der schlimmsten Brandkatastrophen zu tun hat, die es jemals in Europa gegeben hat.

Mann schaut durch Lupe
Thomas Hirschbiegel ist der Flohmarkt-Fuchs.

Am 8. Dezember 1881 wurden im Wiener Ringtheater „Hoffmanns Erzählungen“ aufgeführt. Hinter der Bühne waren Schaukästen mit Gasbeleuchtung. Durch einen technischen Defekt strömte Gas aus, das sich explosionsartig entzündete. Im Nu stand die Bühne in Flammen – und bald brannte es auch im Zuschauerraum. Panik brach aus.

Im Wiener Ringtheater starben 384 Menschen

Die Notbeleuchtung funktionierte nicht und die Notausgänge öffneten sich nur nach innen. So nahm die Katastrophe ihren Lauf. Nach offiziellen Angaben starben 384 Menschen. Der Großbrand hatte internationale Auswirkungen auf den vorbeugenden Brandschutz in Theatern. Und nun kommt der Flohmarktfund ins Spiel.

Alter Buch-Einband
Vor 136 Jahren sah selbst eine amtliche Vorschrift noch aus wie ein wertvolles Buch.

Die Polizeibehörde Hamburg hatte nach dem Ringtheater-Brand eine „Commission“ unter Leitung des „Branddirectors“ gegründet. Feuerwehrleute und Polizisten setzten sich damals intensiv mit Hamburgs Theaterlandschaft auseinander und besuchten alle großen Häuser der Hansestadt.

Mitte 1886 erließ die „Commission“ dann eine Vorschrift mit dem Titel: „Zusammenstellung sicherheitspolizeilicher Vorschriften für Theater“. In meinem Flohmarkt-Exemplar hat ein Beamter in feinster roter Tintenschrift dazugefügt: „Angefertigt in der Kanzlei der Polizeibehörde Hamburg“.

Alte Handschrift
Was für eine schöne Schrift! Vermerk eines Kanzlei-Beamten in der Vorschrift.

Hamburg postierte Polizisten in Theatern

Auf 43 Seiten wird bis ins Detail geregelt, was Hamburg tun soll, damit es zu keinem Theaterbrand kommt. So heißt es gleich am Anfang: „In den Theatern ist während der Vorstellungen ständig ein Polizeibeamter postiert.“

Und unter Paragraph 1 wird geregelt, dass beim Bau und der Genehmigung eines Theaters der „Baupolizeiinspector“ einzubinden ist. Nur wenn der sein Okay gibt, darf sich der Vorhang das erste Mal heben.

1893 wurde laut der Vorschrift genau geregelt, welche Löschzüge bei einem Theaterbrand auszurücken haben. So heißt es zum Deutschen Schauspielhaus: „Es rücken an die Züge 1, 2 und 5. Anmarsch der Züge, Zug 1: Steinthordamm, Borgesch/Ecke Capellenstraße.“

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Gleichzeitig wird Wert darauf gelegt, dass keine Panik ausbricht. So soll bei einem Alarm der erste Löschzug bei Annäherung ans Gebäude keine „Glockensignale“ geben und in einer Entfernung von 100 Metern zum Theater haltmachen. Der Zugführer soll sich dann erst mal ein Bild der Lage machen. Auch die Fahrzeugfolge jedes Löschzugs ist geregelt: „Mannschaftswagen – Leiter – kleine Dampfspritze – große Dampfspritze“.

Und so geht es seitenweise weiter.

Die „Lehrmittelsammlung“ der Polizei, deren Stempel in der Vorschrift prangt, befand sich auf dem Dachboden eines Gebäudes der Polizeikaserne Alsterdorf. Die Sammlung wurde aufgelöst und ist ins Polizeimuseum gewandert. Unklar, wie diese 136 Jahre alte Mappe auf dem Flohmarkt gelandet ist. Für fünf Euro konnte ich sie auf alle Fälle nicht liegen lassen.

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