Bertha Keyser, der „Engel von St. Pauli“, betrieb in Hamburg ein halbes Jahrhundert lang eine eigene Volks- und Straßenmission für die Ärmsten der Armen.
  • Bertha Keyser, der „Engel von St. Pauli“, betrieb in Hamburg ein halbes Jahrhundert lang eine eigene Volks- und Straßenmission für die Ärmsten der Armen.
  • Foto: Staatsarchiv HH

Hamburgerin mit goldenem Herzen: Der vergessene Engel von St. Pauli

Wäre Bertha Keyser katholisch gewesen, der Papst hätte sie längst heiliggesprochen. Ihr Zuhause war ein acht Quadratmeter großes Armeleutezimmer am Bäckerbreitergang. Sie wollte es so. Wichtig waren ihr immer nur die anderen, die Obdachlosen und Bettler, die Alkoholiker und Prostituierten, die „Sperlinge Gottes“, wie sie die Randständigen der Gesellschaft nannte und für die sie Schlafplatz, Nahrung und Kleidung organisierte, fast ihr ganzes Leben lang.

Als der „Engel von St. Pauli“ vor 55 Jahren am 21. Dezember 1964 starb, schrieb MOPO-Redakteur Heinz Lüthje in seinem Nachruf, es habe sich bei ihr um „einen Menschen gehandelt, der gewiss einmalig ist in unserer Zeit. Sie war in ihrem Christentum so konsequent, dass sie im Jahr 1954 sogar dem Verbrecher verzieh, der ihr – als sie ihm geholfen hatte – das mit einem Raubüberfall ,dankte’. Als Schwester Bertha schwer verletzt im Krankenhaus lag, bat sie, dass die Polizei die Ermittlungen wegen ,Geringfügigkeit’ einstellen möge.“

Bertha Keyer, der vergessener Engel von St. Pauli

Wer ist diese Heilige gewesen, die so viel Gutes tat? Und warum ist sie heute nahezu vergessen?

Geboren wird Bertha Keyser 1868 im unterfränkischen Maroldsweisach bei Coburg als Tochter frommer protestantischer Eltern. Ihr Vater, Kaufmann und Landwirt, stirbt früh, sodass Bertha den Unterhalt für die Mutter und die Geschwister verdienen muss: Bertha macht in Nürnberg eine Bäckerlehre, arbeitet in einer Spielzeugfabrik, bevor sie als Dienstbotin und Kindermädchen in Wien, New Hampton und Birmingham Beschäftigung findet. Zwischendurch ist sie auch noch Reisebegleiterin in den USA, und schließlich bringt sie es – obwohl sie selbst nur die Volksschule besucht hat – zur Erzieherin in einer französischen Adelsfamilie. „Das reiche, satte Leben bei meinem Duc“ sei ihr jedoch nicht gut bekommen, erinnert sie sich später.

Mit ihrer Feldküche versorgte Bertha Keyser (4. v. r.) Tausende mit Nahrung. Hier direkt vorm Michel.

Mit ihrer Feldküche versorgte Bertha Keyser (4. v. r.) Tausende mit Nahrung. Hier direkt vorm Michel.

Foto:

Staatsarchiv HH

Schon in ihrer Zeit in England hat sie Bekanntschaft mit der Heilsarmee gemacht und ihr imponiert, „was für eine beeindruckende Arbeit die Heilssoldaten und -soldatinnen“ in den Slums von Großbritannien leisten. Bertha Keyser erkennt, dass genau das ihre Berufung ist. Und als ihre Mutter stirbt und sie nicht mehr verantwortlich ist für deren Unterhalt, ändert sie ihr Leben radikal – und widmet sich ganz den Schwachen.

Bertha Keyer verkaufte Bilder und unterstützte arme Menschen

In einem Pariser Armenviertel verkauft sie selbst gemalte Bilder und unterstützt mit dem Erlös bedürftige Menschen. Sie wird Erzieherin und kümmert sich mit Hingabe um die Bewohner von Mädchenheimen. Sogar Aufseherin in einem Pariser Frauengefängnis wird sie – und teilt mit den Gefangenen ihr Essen, näht ihnen neue Häftlingskleidung, singt und betet mit ihnen.

Nach 15 Jahren im Ausland kehrt Bertha Keyser nach Deutschland zurück, wo sie 1909 in Nürnberg ein eigenes Missionswerk gründet und 1913 nach Hamburg übersiedelt. Dort sind die Gängeviertel der Alt- und der Neustadt ihr neues Betätigungsfeld, und dort stößt sie auf so viel Armut und Elend, wie sie sie zuvor noch nie gesehen hat.

Bertha Keyser muss 1955 als Zeugin vor Gericht aussagen: Ein Jahr zuvor war sie überfallen worden.

Bertha Keyser muss 1955 als Zeugin vor Gericht aussagen: Ein Jahr zuvor war sie überfallen worden.

Foto:

Conti-Press/Staatsarchiv HH

„Welche Schreckensszenen erlebte ich in dieser gefährlichsten Gegend von Hamburg!“, schreibt sie. Vom „lichtscheuen Gesindel“ habe sie sich aber nicht abschrecken lassen, sondern sei ganz allein durch die Straßen gegangen. „Über den Arm hatte ich mir ein paar Würste gehängt, und ein paar Brote trug ich unter den Armen.“

Hungrige müssen – davon ist sie überzeugt – erst gesättigt werden, „ehe man ihnen das Wort Gottes bringen kann. Nachdem diese Armen Vertrauen zu mir gefunden hatten, konnte ich sie darauf hinweisen, dass die Sünde Verderben ist und Jesus Christus auch ihr Heiland sein will. Manchem dieser Verlorenen habe ich das Rettungsseil zuwerfen dürfen und sie mit Gottes Hilfe aus leiblicher und seelischer Not herausgeführt.“

Bertha Keyser kümmerte sich um verwahrloste Straßenkinder in Hamburg

Kaum ist der Erste Weltkrieg ausgebrochen, nimmt sich Bertha Keyser der zahlreichen verwahrlosten Straßenkinder Hamburgs an. Sie mietet eine Wohnung, in der sie die Jungen und Mädchen wäscht, sie mit Kleidung versorgt. Aus einem ehemaligen Tanzsaal macht sie ein Asyl für 60 junge Obdachlose.

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Nach dem Ersten Weltkrieg ist die Not in der Stadt noch größer als zuvor: Inflation, Arbeitslosigkeit, Lebensmittel- und Wohnraumknappheit beherrschen jetzt den Alltag der Menschen. Bertha Keyser hat alle Hände voll zu tun: 300 warme Mahlzeiten verteilt sie täglich, sie gründet ein Männer- und später auch ein Frauenheim.

Als die Nazis an die Macht kommen, begrüßt Bertha Keyser das zunächst, weil sie glaubt, dass der neue Staat sittliche und soziale Notstände beheben werde und eine „große Errettung und Erlösung“ sei. Doch im Laufe der Jahre gerät sie immer mehr in Konflikt mit den braunen Machthabern und kann ihre Arbeit nur unter Schwierigkeiten fortsetzen. In den Bombennächten des Krieges wird sowohl das Missionshaus als auch Keysers Privatwohnung zerstört.

Nach dem Krieg findet sie erst in der Langen Reihe, dann in der Seilerstraße und schließlich im Bäckerbreitergang eine neue Bleibe. Obwohl sie schon um die 80 Jahre alt ist, lässt sie nicht nach, setzt sie sich weiter ein für Arme, Kranke und Flüchtlinge, hilft ihnen mit Essen, Kleidung, Gebet und Zuspruch.

Der Engel von St. Pauli stirbt mit 96 Jahren in Hamburg

Im Dezember 1964 erkrankt sie. Eine Woche hütet sie das Bett. Sie spürt, dass sie nicht mehr gesund wird, und überträgt die Leitung der Volks- und Straßenmission ihrer rechten Hand, der Schwester Anna. „Lasst euch nicht unterkriegen“, so lauten ihre letzten Worte. Sie wird 96 Jahre alt.

Die MOPO vom 22. Dezember 1964: Nachruf auf den „Engel von St. Pauli“.

Die MOPO vom 22. Dezember 1964: Nachruf auf den „Engel von St. Pauli“.

Foto:

Olaf Wunder

Den Trauerzug nach Ohlsdorf begleiten 500 Menschen. Herren in Zylinder und Damen im Pelzmantel sind genauso unter den Trauernden wie abgerissene Gestalten – „Sperlinge Gottes“, wie Bertha Keyser sie liebevoll nannte.

Ihr Grab befindet sich heute im „Garten der Frauen“ in Ohlsdorf. Auf dem schlichten Grabstein steht: „Geh auch du in den Weinberg.“

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