"Beinhaus" der St. Josephkirche
  • Die Überreste von etwa 350 Bestatteten fanden ihre letzte Ruhestätte im "Beinhaus" der St. Josephkirche auf der Großen Freiheit.
  • Foto: Florian Quandt

Die Grusel-Gruft mitten auf dem Kiez

Gruselige Keller gibt es so einige auf St. Pauli. In manchen Keller-Lokalen werden Gäste übel abgezockt. In anderen Untergeschossen verbergen sich Studios für Sadomaso-Fans und in weiteren Kellern wiederum wird gedealt. So weit, so normal im berühmtesten Vergnügungsviertel der Welt. Wirklich ungewöhnlich aber ist das, was sich unter der St. Joseph-Kirche an der Großen Freiheit befindet: In einem „Beinhaus“ sind hier Hunderte Totenschädel und menschliche Knochen aufgeschichtet.

Die Geschichte dieses in Norddeutschland ziemlich einmaligen unterirdischen Raumes beginnt am 28. Juli 1944. An diesem Tag wurde das Gotteshaus an Hamburgs sündigster Meile von einer Luftmine getroffen. Die Kirche wurde fast völlig zerstört, nur die Seitenwände und der Ostgiebel blieben stehen. Die Trümmer verschütteten auch die Krypta.

Schädel im "Beinhaus"
Die Schädel sind im „Beinhaus“ säuberlich aufgereiht.

In dieser Gruft waren von 1678 bis 1871 etwa 350 wohlhabende Menschen katholischen Glaubens beigesetzt worden. Darunter auch der Kardinal Joseph de Montmorency-Laval (1724-1808). Der adelige Kleriker war 1796 vor der Französischen Revolution geflüchtet und wirkte bis zu seinem Tode als Pfarrer an der St. Joseph-Kirche. Ein ziemlich tiefer Fall.

Ruheort mit hochadliger Geschichte

Als Ministrant assistierte dem Kardinal ein Aloys Kleyser, Besitzer einer üblen Schankwirtschaft an der Großen Freiheit. Immerhin stammte die Haushälterin des Kardinals aus dem Hochadel. Magdaleine de Paulmy d’Argenson war eine geborene Herzogin Montmorency-Luxembourg und ehemals Hofdame der geköpften französischen Königin Marie Antoinette (1755-1793).

Schaukästen mit Habseligkeiten der Toten.
Links und rechts des verglasten „Beinhauses“ befinden sich die Schaukästen mit Habseligkeiten der Toten.

Kardinal und Herzogin sind beide in der Krypta der Kiez-Kirche beigesetzt worden. Der ganz in Rot gewandete Kirchenfürst soll übrigens gern durch St. Pauli spaziert sein und dabei Geld an arme Kinder verteilt haben. Die sterblichen Überreste des Kardinals, der auch Bischof von Metz war, wurden 1900 nach Metz überführt und in der dortigen Kathedrale beigesetzt.

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In der Hamburger Kiez-Gruft fand neben einem Grafen Kurtzrock, seines Zeichens immerhin fürstlich Thurn und Taxischer Oberpostdirektor, außerdem ein weiterer französischer Adeliger seine letzte Ruhe: César Claude Rainville (1767-1845). Der ebenfalls emigrierte französische Offizier fing als Gastwirt in Altona ganz neu an und brachte es mit seinem prächtigen Gasthaus „Rainville“ unweit der Elbchaussee beim Altonaer Balkon zu einigem Wohlstand. Die kleine Straße Rainvilleterrasse erinnert noch heute an den damals sogar „Gott der Gastwirte“ genannten Gastronomen und sein im 19. Jahrhundert total angesagtes prächtiges Restaurant.

St. Pauli: Das „Beinhaus“ ist voller Schädel und Knochen

Aber zurück zum Bombenangriff 1944. Nach dem Krieg begann das Aufräumen. Die auf dem Kirchengelände verstreuten Knochen und Schädel wurden bis 1953 einfach auf einen großen Haufen geschüttet und im Mittelgewölbe der Kirche eingemauert.

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Genau 57 Jahre später stießen bei einem Kirchen-Umbau Archäologen dann auf die Knochen. Die katholische Kirche entschied, ein „Beinhaus“ zu errichten, wie es manchmal in bayerischen oder österreichischen Kirchen zu sehen ist. An Allerseelen 2015 wurde es eingeweiht – nach der Losung „Memento mori“ (Gedenke des Todes), also als würdige Erinnerungsstätte und Ort der „Begegnung“ mit den Toten.

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