Verfahrenstechnikerin Anne Lamp hat in Harburg studiert und promoviert.
  • Verfahrenstechnikerin Anne Lamp hat in Harburg studiert und promoviert.
  • Foto: Marius Röer

Traceless: Sie hat den Stoff, der Plastik ersetzen kann!

Der Auftakt zu der neuen MOPO-Serie über Grüne Gründer in Hamburg – unterstützt von About You – ist das Start-up „Traceless“. Gegründet von zwei Frauen, soll es den weltweiten Verpackungsmarkt revolutionieren. Und die Chancen stehen sehr gut, dass es das schafft.

China, Ecuador, Italien, Indien, Frankreich, Türkei: Das Team von „Traceless“ ist international. Kein Wunder: Es geht ja auch um ein globales Thema: eine Alternative zu Kunst- und Biokunststoffen.

Warum das geradezu revolutionäres Potenzial hat, wissen wir: 85 Prozent aller je produzierten Kunststoffabfälle blockieren weltweit Mülldeponien oder verschmutzen gnadenlos unsere Ozeane.

Fast wie Kunststoff: Gewonnen wird das „Traceless“-Material aus Nebenprodukten der Agrar-Industrie.
Fast wie Kunststoff: Gewonnen wird das „Traceless“-Material aus Nebenprodukten der Agrar-Industrie.

Und da wollen die beiden Gründerinnen Johanna Baare und Dr. Anne Lamp mit „Traceless“ unbedingt für Abhilfe sorgen. Anne Lamp ist tief in Hamburg verwurzelt: „Aufgewachsen bin ich in Poppenbüttel und habe am Gymnasium Oberalster das Abitur gemacht“, erzählt sie. Dass damals wie heute nur wenige Frauen Verfahrenstechnik studier(t)en, schreckte sie nicht ab. An der TU Hamburg-Harburg absolvierte sie den Bachelor, um anschließend den Master (2015) und die Promotion (2020) zu ergänzen.

Bereits 2019 hatte sie die Idee zur Gründung des Start-ups „Traceless“, die passierte dann 2020 gemeinsam mit der aus Kopenhagen stammenden Psychologin Johanna Baare, die das Business Development verantwortet. Die Hamburger Gründungsplattform Beyourpilot unterstützte das Projekt. Und sehr rasch wurde klar: Der Ansatz von „Traceless“ reicht weit über die Grenzen der Hansestadt hinaus.

Podcast „Grüne Gründer“: Start-up „Traceless“ will den Verpackungsmarkt revolutionieren:

Worum geht es also bei „Traceless“? Anne Lamp erklärt es: „Wir haben ein ganzheitlich nachhaltiges Material entwickelt, um Kunststoffe und Biokunststoffe in Einwegprodukten zu ersetzen. Unser innovatives Material ist vollständig kompostierbar und kann damit einen aktiven Beitrag gegen die wachsende Plastikverschmutzung auf unserem Planeten leisten.“

Hehres Ziel der EU ist es, dass bis 2030 jegliche Kunststoff-Verpackungen entweder recycelbar oder aber wiederverwendbar sein sollen. Was jedoch passiert mit jenen Produkten, die heute als Müll in unserer Umwelt landen?

Das „Traceless“-Material lässt sich auch als transparente Folie einsetzen und ist vollständig kompostierbar.
Das „Traceless“-Material lässt sich auch als transparente Folie einsetzen und ist vollständig kompostierbar.

Die Verfahrenstechnikerin Anne Lamp weiß, dass mehr zu tun ist: „Wir brauchen so schnell wie möglich Materialien, die in kurzer Zeit in der Natur abbaubar sind – und zwar vollständig.“ Und genau dies ist das wissenschaftliche Spielfeld des Start-ups „Traceless“.

„Unsere völlig neuartige Technologie ermöglicht es, aus Nebenprodukten der Agrarindustrie feste Materialien, lagerstabile Folien und dünne Beschichtungen zu produzieren.“ Der Clou dabei ist, „dass sie die guten Eigenschaften von Kunststoffen haben und gleichwohl in der Natur kompostierbar sind, eben total“.


Grüne Gründer – eine Aktion von MOPO und About You

10.000 Euro für Projekte mit Zukunft

Wie kommt man drauf? Wie funktioniert das? Wie hält man das durch? Wofür braucht man das? Die MOPO und About You stellen Hamburger Macher:innen und ihre nachhaltigen Start-Ups vor. Jeden zweiten Freitag in der Zeitung. Und im Netz unter mopo.de/gruenegruender. Hier gibt’s auch den Podcast im Elevator-Pitch-Format. Im Herbst küren die MOPO und About You-Mitgründer Tarek Müller das vielversprechendste Projekt von allen vorgestellten Gründer:innen. Es gibt ein Preisgeld von 10.000 Euro. Bewerbungen an gruenegruender@mopo.de.


Um diesen „Traceless“(= spurlos)-Anspruch einzulösen, braucht es die erwähnten internationalen Mitarbeiter. Inzwischen sind es bereits 22 und es werden mehr. Und es brauchte eine große Halle, in der die Produktionsanlagen ihren Platz finden.

Der wurde 2021 in der Nähe des ISI-Gründerzentrums in Buchholz geortet – zwei Hallen inklusive Labore. Im Gründerzentrum selbst sitzt Anne Lamp mit einigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die Kommunikation mit Co-Founderin Johanna Baare läuft zumeist via Video: „Wir sprechen jeden Tag miteinander.“

„Traceless“: Diese Investoren sind mit an Bord

Um die Finanzierung steht es gut: Unter anderen haben der High-Tech-Gründerfonds HTGF, die nachhaltige Investment-Firma Planet A oder der Europäische Innovationsrat Beträge in Millionenhöhe in „Traceless“ investiert. Und in Zusammenarbeit mit der Otto-Gruppe ist ein erstes Pilot-Projekt für eine Versandpackung aus „Traceless“-Material in Arbeit.

Auch Otto will Verpackungsmüll reduzieren und Versandverpackungen immer umweltfreundlicher gestalten. Wobei allen Beteiligten klar ist: Dieses Start-up wird nicht sofort profitabel sein, dafür ist die Entwicklung des Biomasse-Materials zu komplex. Umso bedeutender, dass Investoren das enorme Potenzial von „Traceless“ erkennen und fördern.


Verfahrenstechnikerin Anne Lamp hat in Harburg studiert und promoviert.

Zahlen, Daten, Fakten

Gründerin Anne Lamp (31) über ihr Start-up Traceless.

Idee: Entstanden 2019

Gründung: 2020

Startkapital: In eine GmbH bringt man 25.000 Euro ein bei der Gründung. Weiteres Kapital kam dann nach sieben Monaten (Seed Investment, Hamburger Förderungen), und weitere fünf Monate später kam unsere EU-Förderung hinzu

Mitarbeiter heute: 22

Wie viele Mitarbeiter sollen es in 5 Jahren sein? 200


Was allerdings „Traceless“ noch auszeichnet, sind die beiden Gründerinnen, die übrigens schon 2021 das meistprämierte deutsche Start-up leiten. Denn immer noch sind Start-ups männerdominiert. „Frauen fehlt manches Mal noch der Mut zur Gründung“, stellt Anne Lamp fest, „denn ein Start-up ist halt kein Sicherheits-Ding.“

Abgesehen davon: „An unseren Universitäten wird der Gründergeist zu wenig befeuert“, meint Anne Lamp. „Während meines Studiums waren Entrepreneurship-Vorlesungen nicht Teil des Lehrplans – das beginnt sich zu ändern, aber da muss noch mehr Gas gegeben werden.“

Das könnte Sie auch interessieren: Grüne Gründer: MOPO und About YOU suchen Hamburgs nachhaltigstes Start-Up

Und was macht Anne Lamp, wenn sie mal nicht in Sachen „Traceless“ unterwegs ist? Vor einigen Jahren hat sie das Kite-Surfen für sich entdeckt, gern auf Fehmarn oder in St. Peter-Ording. Da, Richtung Himmel, denkt sie ausnahmsweise mal nicht an das pulsierende Start-up. Zumal die Erde dort vom Wasser aus zu schön aussieht.

Als wir uns verabschieden, ist sie jedoch in ihren Gedanken wieder ganz bei „Traceless“ und in der Zukunft: „2030 wollen wir eine Million Tonnen Traceless-Material produzieren.“ Das wäre schon ein richtig großer Beitrag zur Rettung unserer Welt vom Plastikmüll.

Email
Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp