Sturmflut 1962 Hamburg
  • Ein Luftbild von Wilhelmsburg zeigt das Ausmaß der Katastrophe. Der Stadtteil war besonders von den Folgen der Sturmflut 1962 betroffen.
  • Foto: dpa

„Flut 1962 hat besonderes Bewusstsein in Hamburg geschaffen – das wirkt bis heute“

315 Tote, unfassbares menschliches Leid und enorme Zerstörung: Die Flut 1962 gehörte zu den prägendsten Ereignissen in Hamburgs Nachkriegsgeschichte, sie beschäftigt und bewegt die Hamburger:innen noch heute. Am 16. Februar jährt sich die Katastrophe zum 60. Mal. Aus diesem Anlass haben die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung, MOPO und NDR ein einzigartiges Projekt auf Twitter gestartet: Der Twitter-Account @HHFlut1962 erzählt die wichtigsten Ereignisse rund um die Flut 1962 in Echtzeit. Betreut wird er von der Historikerin Franziska Zollweg (30). Im Interview spricht sie über die Herausforderungen des Projekts – und erklärt, wie die Katastrophe vor 60 Jahren noch heute nachwirkt.

Frau Zollweg, wie sind Sie persönlich erstmals mit dem Thema Flut 1962 in Berührung gekommen?

Franziska Zollweg: Ich bin keine gebürtige Hamburgerin, sondern zum Studium hergezogen. Aber ich habe schon früh festgestellt, dass das ein unfassbar wichtiges regionalgeschichtliches Ereignis für die Hamburger:innen ist. Ein Thema, welches tief im städtischen Gedächtnis verankert ist, über das die Menschen aus allen Generationen heute noch sprechen. 

Warum ist das so?

Das liegt sicherlich zum einen daran, dass Flutkatastrophen auch heute omnipräsent sind – man denke nur an die Ereignisse im Sommer 2021 im Ahrtal. Die Klimakrise und Bewegungen wie Fridays For Future schaffen da natürlich auch ein besonderes Bewusstsein, gerade bei jungen Menschen. Zum anderen hat die Flut 1962 die Stadt auch insofern verändert, als dass sie ein besonderes Bewusstsein dafür geschaffen hat, dass man nah am Wasser lebt, das man mit dem Wasser lebt. Das wirkt bis heute nach.

Historikerin Franziska Zollweg
Historikerin Franziska Zollweg

Mit dem Twitter-Projekt zeichnen sie die Flut auf bislang nie dagewesene Weise nach. Warum gehen Sie diesen Weg?

Wir haben uns gefragt: Wie kann man dieses historisch so wichtige Thema greifbar und zeitgemäß aufbereiten? Auf Twitter (hier geht’s direkt zum Projekt-Account) haben wir die Möglichkeit, die Ereignisse in Echtzeit darzustellen – und damit auch diejenigen zu erreichen und zu interessieren, die vielleicht bislang keine Verbindung zu dem Thema hatten. Wir machen Geschichte für sie erlebbar. Ich möchte nicht so weit gehen, dass man das Ereignis durch die Tweets nachempfinden kann oder soll. Weil wir natürlich ganz großes Glück haben, dass wir das nicht müssen, dass wir Verluste und Todesängste nicht durchstehen müssen. Und trotzdem wird es durch das Projekt möglich, ein Gefühl von Zeit und Raum für die Ereignisse zu bekommen. Das ist schon etwas anderes, als in eine Ausstellung zu gehen. 

Sturmflut 1962: „Wenn man diese Bilder sieht, ist das sehr bewegend“

Historiker:innen sind es eher nicht gewohnt, sich kurz zu fassen. War die Vorbereitung des Twitter-Projekts für Sie eine Herausforderung?

Ja, eine enorme. Als Historikerin ist man natürlich gewohnt, eine These aufzustellen, die mit Quellen zu belegen und ausführlich zu analysieren. Bei Twitter haben wir nur 240 Zeichen Platz, das ist schon etwas anderes. Gleichzeitig war es mir wichtig, dass wir wissenschaftlich sauber arbeiten: dass wir nichts Ausgedachtes erzählen, sondern das, was wirklich passiert ist. Die Tweets, die wir senden, sind zwar verdichtet – aber wir können alles anhand von Quellen belegen. Ich war dafür bundesweit in mehreren Archiven, habe Informationen aus Literatur und Originaldokumenten zusammengetragen. Gemeinsam mit meinen Kolleg:innen aus der Kommunikation habe ich dann alles so aufbereitet, dass es nicht nur informativ ist, sondern auch spannend für die Leser:innen.

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Was hat Sie bei der Recherche besonders bewegt? 

Ich habe viele Originaldokumente und Fotos gesichtet, auch Polizeiakten. Dabei habe ich schon Gänsehaut bekommen, in Momenten, in denen mir ganz bewusst wurde, wie dramatisch die Flutereignisse gewesen sein müssen. Ich saß am Schreibtisch und wusste: Mir passiert nichts. Und trotzdem: Wenn man diese Bilder aus den Polizeiakten sieht – härtere Bilder als die, die Medien veröffentlichen – ist das sehr bewegend. Aus Pietätsgründen haben wir uns entschieden, solche heftigen Polizeifotos nicht zu zeigen. Aber wir machen mit vielen anderen Originaldokumenten und Bildern von damals die Ereignisse nahbar.

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