Der Jungfernstieg in Hamburg
  • Der Jungfernstieg gilt als Prachtstraße im Herzen Hamburgs.
  • Foto: Imago

Jungfernstieg: Warum „autofrei“ irreführend ist

Ein Ort zum Entspannen und für Begegnung, mit Sitzgelegenheiten und Bepflanzung, fernab von Autolärm und dreckiger Luft: So haben sich viele den „autofreien Jungfernstieg“ vorgestellt. Doch nach einem Jahr mit veränderter Verkehrsführung fehlt nach wie vor die gewünschte Aufenthaltsqualität an der Straße. Eine Expertin erklärt, wie man die Situation verbessern könnte.

Seit Mitte Oktober 2020 sind private Pkw am Jungfernstieg tabu. Um die Aufenthaltsqualität auf der bekannten Straße im Herzen Hamburgs zu steigern, erlaubt eine Regelung des rot-grünen Senats dort nur noch Busse, Taxis, Liefer- und Entsorgungsverkehr. Bei Kontrollen zog die Polizei immer wieder Privatfahrzeuge aus dem Verkehr. Dennoch zeigte sich die Verkehrsbehörde gegenüber der MOPO zufrieden: Der Privatverkehr sei seit dem Verbot um 90 Prozent zurückgegangen. Einzelne Falschfahrten könne man auch langfristig nicht verhindern.

Mögliche Maßnahmen für einen „autoarmen“ Jungfernstieg

Auch Mobilitätsforscherin Dr. Philine Gaffron von der Technischen Universität Hamburg sagt: „Verstöße wird es immer geben. Die kann man nur mit physischen Barrieren wie Schranken oder Pollern verhindern. Das ist am Jungfernstieg aber nicht vorgesehen, da es weiterhin Bus-, Taxi-, Entsorgungs- und Lieferverkehr geben soll.“ Das Wort „autofrei“ sei irreführend, erklärt die Expertin im Gespräch mit der MOPO. „Bei manchen – zum Beispiel immobilen – Menschen weckt es unnötige Ängste, bei anderen unerfüllbare Erwartungen.“

Dr. Philine Gaffron
Mobilitätsforscherin Philine Gaffron von der TU Hamburg hat Ideen, wie man die Aufenthaltsqualität am Jungfernstieg erhöhen kann.

Dennoch sieht die Expertin Verbesserungspotenzial. Zum jetzigen Zeitpunkt weisen nur kleine Schilder auf das Verbot von privaten Pkw hin. Eine deutlich auffälligere Alternative wäre laut Philine Gaffron eine abgesetzte Pflasterung. „Die Verengung der Fahrbahnen und eine Absenkung der Bordsteine könnten den Jungfernstieg optisch zu einem Ort der Begegnung machen. Sitzgelegenheiten und eine ansprechende Bepflanzung würden die Aufenthaltsqualität weiter erhöhen.“

Austausch mit anderen Ländern ist wichtig

Der Jungfernstieg könne zu einem zukunftsfähigen und sicheren Ort werden, der die Gesundheit der Besucher fördere, sagt Philine Gaffron. Und zwar sowohl „passiv“ als auch „aktiv“: Indem Schadstoffbelastungen von außen reduziert würden und sich die Menschen wieder mehr zu Fuß oder mit dem Rad als mit dem Auto fortbewegten.

Beispiele für verkehrsberuhigte Straßen gibt es im europäischen Ausland. Die Mariahilferstraße in Wien wurde im Jahr 2015 zu einer Fußgängerzone, die in einen sogenannten „shared space“ (geteilter Raum) übergeht, in dem Autos in Schrittgeschwindigkeit fahren und Fußgänger generell den Vortritt haben. Das Seine-Ufer in Paris ist vollständig autofrei – hier gibt es aber eine Parallelstraße, auf die die Fahrzeuge ausweichen können.

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Der Austausch mit anderen Städten und Ländern ist wichtig, sagt Philine Gaffron. „So können wir voneinander lernen und die Innenstädte zu ruhigeren, klimafreundlicheren und lebenswerteren Orten machen.“

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