Viva con Agua-Chefin Carolin Stüdemann (M.) trifft Gina Pfeiffer (l.) und Nancy Menk von „Das Geld wächst an den Bäumen“.
  • Viva con Agua-Chefin Carolin Stüdemann (M.) trifft Gina Pfeiffer (l.) und Nancy Menk von „Das Geld wächst an den Bäumen“.
  • Foto: Florian Quandt

„Das Geld hängt an den Bäumen“ – mehr als nur ein Saftladen

Die MOPO stellt gemeinsam mit „Viva con Agua“-Geschäftsführerin Carolin Stüdemann in der Serie „Auf ein Wasser mit …“ Unternehmer:innen und Vordenker:innen vor, die eine bessere Welt schaffen. Heute spricht Carolin mit Nancy Menk und Gina Pfeiffer von „Das Geld hängt an den Bäumen“, ein inklusives, soziales Unternehmen, das fairen und nachhaltigen Saft aus Obst herstellt, das sonst ungenutzt bleiben würde.

Carolin Stüdemann: Moin Nancy und Gina, wie schön euch zu treffen, hier kann man sich ja direkt heimisch fühlen. „Das Geld hängt an den Bäumen“ – toller Name für ein tolles Projekt. Könnt ihr kurz was zu eurem „Saftladen“ sagen?

Nancy: Hi Caro, so schön, dass du da bist! Ja, unser kleiner Saftladen befindet sich in Wilhelmsburg und ist knapp 20 Mann/Frau stark. Wir vertreiben hier Säfte und Schorlen auf Apfelbasis mit unterschiedlichen Zutaten, aber auch Honig und kleine Präsente. Wir haben noch einen Garten- und Landschaftspflegebereich und unser Büro mit Öffentlichkeitsarbeit, Buchhaltung, Projektleiter:innen und einem Mitarbeiter für Förderungen.

Viva con Agua
Auf ein Wasser mit: Die Interview-Reihe von Viva con Agua und MOPO

Dafür habt ihr ein ganz besonderes Konzept: „Mit vergessenen Menschen vergessene Ressourcen ernten.“ Was steckt dahinter?

„Das Geld hängt an den Bäumen“ schafft ökosoziale Arbeitsplätze. Menschen, die es sonst nicht so leicht auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft haben, ernten ungenutztes Obst aus dem Hamburger Umland, lassen tolle Säfte & Schorlen daraus pressen und vertreiben diese im persönlichen Direktvertrieb.

Eure Mitarbeiter:innen haben viele völlig unterschiedliche Beeinträchtigungen. Gibt es manchmal auch schwierige Situationen?

Unsere Mitarbeiter:innen sind so facettenreich wie das Leben. Mit angeborenen Behinderungen, mit neu entstandenen Herausforderungen, mit Ängsten, Depressionen. Es gibt wie überall auch bei uns herausfordernde Situationen, allerdings erlebe ich hier ein sehr rücksichtsvolles und achtsames Miteinander. Wir möchten in einer Welt leben, in der wir im Selbstverständnis Schwächen anderer tragen, ohne uns zu profilieren. Ich glaube das macht manchmal den Unterschied.

Die Etiketten eurer Schorlen zeigen die Namen und Gesichter einiger Mitarbeiter:innen. Gina, du bekommst als nächstes deine eigene Schorle – was bedeutet das für dich?

Gina: Ich war völlig baff. Es ist eine totale Ehre für mich, denn wir haben bisher noch keine Frau auf den Schorlen – und vor allem niemanden aus unserem Gartenteam!

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Dabei bist du noch gar nicht so lange dabei. Wie bist du zu „Das Geld hängt an den Bäumen“ gekommen?

Ich habe das Gartenteam bei der Arbeit in einer Wohnanlage gesehen, als ich selbst bei meinem ehemaligen Arbeitgeber nebenan gearbeitet habe. Ich hatte schon länger Schwierigkeiten, weil ich nicht ganz so schnell war wie die anderen. In der Pause bin ich irgendwie mit einem Mitarbeiter ins Gespräch gekommen. Das war so nett, dass ich mich einfach beworben habe. Zum Glück konnte ich trotz der Pandemie starten. Und hier kann ich meine Stärken einbringen und wenn es ganz schnell gehen muss, dann erledigen wir das als Team.

Ihr seid nicht nur sozial, sondern auch fair und nachhaltig und schafft es wirtschaftlich zu bleiben. Wie gelingt euch dieser große Spagat?

Nancy: Dieser große Spagat gelingt nur, weil es unzählige Supporter:innen gibt, die uns auf unterschiedliche Art und Weise unterstützen. Wir schaffen mit sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen auch ganz schön viel Selbstwert, Gesundheit und Würde in den Menschen. Das ist eine gemeinsame, gesellschaftliche Verantwortung. Und die endet aus unserer Sicht eben nicht an der eigenen Haustür. Wir sind sehr dankbar, somit gemeinsam etwas bewirken zu können.

Inklusion spielt bei vielen Unternehmen keine Rolle – viele zahlen lieber eine Strafe, als jemanden mit Behinderung einzustellen. Was muss sich verändern?

Vielleicht kann es helfen, die Ausgleichsabgaben zu erhöhen. Denn dann überlegt der ein oder andere sich vielleicht doch, einen Arbeitsplatz zu schaffen. Mit der Erfahrung, dass ein:e Mitarbeiter:in mit Behinderung eine Bereicherung sein kann, kommen wir vielleicht ein Stück weiter.

In den meisten Fällen werden Menschen durch Barrieren behindert und nicht durch z.B. ihren Rollstuhl oder eine Gehörlosigkeit. Der Abbau von Barrieren und ermöglichte Zugänglichkeit sind elementar für eine inklusive Gesellschaft. Was können andere Unternehmen von euch lernen?

Das ist eine gute Frage, die ich gar nicht so einfach beantworten kann. Denn auch wenn es sich wie eine Floskel anhört: wir leben es im Selbstverständnis. Herausforderungen werden angepackt und gelöst, solange es beide Seiten wirklich wollen. Wir laden jede:n ein uns zu besuchen und etwas für sich mitzunehmen. Beispielsweise bei unseren Social Days, an denen Unternehmen in Zusammenarbeit mit uns Bäume pflanzen, Äpfel ernten oder Moore aufwerten.

Wir befinden uns gerade mitten im Winter, die Erntephase ist schon länger vorbei. Was gibt es bei euch aktuell dann zu tun?

Unsere Produkte werden ganzjährig von uns mit viel Liebe persönlich vertrieben und die inklusive Arbeit auf unterschiedlichen Plattformen vorgestellt. Außerdem bewirtschaften wir unsere eigens angelegten oder gepachteten Obstflächen und pflegen weiterhin Betriebsgelände und Privatgärten mit unserem Gartenteam. Die Ernte ist aber schon das Herzstück unseres Projekts, auf dass wir uns alle jedes Jahr freuen.


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Wenn man euch beim Erzählen zuhört, wirkt Inklusion in Unternehmen sehr selbstverständlich und einfach. Doch auch im Alltag sollte Inklusion dazugehören. Habt ihr Tipps für die Leser:innen, die sich weitergehend damit auseinandersetzen wollen?

Wir wünschen uns, dass wir dazu anregen können, wacher durch die Welt zu gehen. Es gibt etliche Gesetze, wirtschaftliche Best-Cases und Normen – es kann aber helfen neben dem Kopf auch das Herz sprechen zu lassen. Und das hört man eben nur beim genauen Zuhören.

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