Frau vor einem weißen Hausboot
  • Sushila Glocker (54) vor ihrem 30 Meter langen Hausboot
  • Foto: Patrick Sun

Behörde kündigt Liegeplatz: Riesiges Hausboot muss weg – aber wohin?

Ärger im Harburger Binnenhafen: Weil die Kaimauern saniert werden, muss Bewohnerin Sushila Glocker (54) mit ihrem Hausboot weichen. Aber wohin? Es gibt in ganz Hamburg keinen Ersatzliegeplatz für ihr 30 Meter langes schwimmendes Zuhause. Die Unternehmensberaterin fühlt sich von den Behörden im Stich gelassen.

Sushila Glocker, gebürtige Britin, lebt seit zweieinhalb Jahren auf dem langgestreckten ehemaligen DDR-Arbeitsschiff. Zuvor spielte sich das Leben der dreifachen Mutter „ganz bürgerlich“ in einem Einfamilienhaus in Bergedorf ab: „Als meine jüngsten Kinder ausgezogen waren, erinnerte ich mich daran, dass ich schon immer von einem Hausboot geträumt habe.“ Kurz darauf kaufte die energische Frau mit den drei Berufen – Chemikerin, Unternehmensberaterin in der Lebensmittelbranche und Künstlerin – das im langgezogene Metallschiff („ich war schockverliebt“), schuf daraus ein lichtes, gemütliches Heim.

Hausboote: Kaum Liegeplätze in Hamburg

Für ein Schiff von diesen Ausmaßen gibt es nur wenige Liegeplätze in Hamburg. Seit zwei Jahren liegt Sushila Glocker mit ihrem Boot im Harburger Binnenhafen – an eben dem Steg am Treidelweg, an dem vor Jahren auch das berühmte Hausboot von Gunter Gabriel lag – zahlt 650 Euro Liegegebühr im Monat. Das Problem: Die Kaimauer wird saniert, alle Boote müssen weg. Während die kleineren Hausboote Ausweichquartiere fanden, blieb Sushila Glocker glücklos: „Ich habe die Elbe rauf und runter gesucht, bis nach Hitzacker, habe aber keinen Liegeplatz gefunden“, sagt sie: „Ich konnte schon nicht mehr schlafen, hatte Alpträume.“

Frau in einem Hausboot
Schwimmendes Zuhause: Sushila Glocker (54) in ihrem Hausboot

Mitte Juli 2021 kam der endgültige Räumungsbescheid des Bezirks Harburg: Am 1. September muss sie ihr Hausboot verlassen. Hat sie bis dahin keinen neuen Liegeplatz gefunden hat, wird sie abgeschleppt: „Aber wohin wollen die das Riesending denn schleppen?“, fragt sich die zunehmend verzweifelte Hausbootbesitzerin. Tatsächlich wurde der große Lieger am 1. September nicht abgeschleppt.

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Kein Platz für Hausboote in der Hafenstadt? Dabei war das „Wohnen auf dem Wasser“ von der Politik früher einmal durchaus gewollt: 2003 waren Hausboote sogar Senatsprojekt unter Bürgermeister Ole von Beust (CDU), Wohnraum im Hafen und auf den Kanälen sollte Teil der „Wachsenden Stadt“ sein, 100 neue Liegeplätze wurden in Aussicht gestellt. Was ambitioniert begann, versandete irgendwann: „Im Bezirk Hamburg-Mitte wurden 27 Hausboote genehmigt, davon sind fünf bewohnt, im Bezirk Hamburg-Nord wurden zehn Hausboote genehmigt, davon sind sieben bewohnt“, heißt es in einer Senatsanfrage aus dem Jahr 2010. Schon 2006 hatte der Senat sich aus dem Programm verabschiedet und die Zuständigkeit für das Wohnen auf dem Wasser auf die Bezirke übertragen.

Baustelle am Ufer
Die Kaimauer im Harburger Binnenhafen muss erneuert werden.

Was heißt das im Fall von Sushila Glocker? Ein Sprecher des Bezirks Harburg erklärt gegenüber der MOPO, dass man für die Probleme einer Hausbootbesitzerin nicht zuständig sei. Vertragspartner sei der Stegbetreiber und den habe man bereits im Mai 2019 informiert: „Die wasserrechtliche Genehmigung des Vermieters wurde mit großem Vorlauf widerrufen. Das Bezirksamt stellt keine Ersatzliegeflächen zur Verfügung.“

Kaum Platz für Wohnen auf dem Wasser in Hamburg

Hat die Bootsbewohnerin zu lange die Augen verschlossen vor dem unausweichlichen Umzug? Nein, sagt Sushila Glocker: „Der Stegbetreiber sagte immer, ich soll mir keine Sorgen machen, er regele das mit der Behörde. Ich glaube, er wollte einfach weiter jeden Monat die Liegegebühr kassieren.“ Seit Juli 2019 hat sie ihren Liegeplatz gepachtet, nicht ahnend, dass ihr Stegbetreiber bereits seit Mai 2019 keine Genehmigung mehr hatte. Auf Nachfrage der MOPO räumt der Vermieter ein: „Solange die Behörde nichts gesagt hat, habe ich meine Mieterin in Ruhe gelassen.“

Für Sushila Glocker hat sich wenige Tage nach Ablauf der behördlichen Räumungsfrist doch noch ein kleines Wunder ereignet: „Ich habe einen Liegeplatz gefunden, weit außerhalb Hamburgs.“

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