Flughafen Kabul: Afghanische Frauen versuchen aus dem Land zu fliehen.
  • Flughafen Kabul: Afghanische Frauen versuchen aus dem Land zu fliehen.
  • Foto: picture alliance/dpa/Ministry of Defence

Frauenverein in Hamburg: „Man weiß nicht, ob in Kabul gleich Sprengstoff hochgeht“

Vor zwei Wochen haben die Taliban in Afghanistan die Macht übernommen. Frauen und Kinder verbarrikadieren sich in ihren Häusern, Männer halten Wache, andere flüchten oder haben es vor. Der Afghanische Frauenverein e. V. mit Sitz in der Sternschanze versucht, mit Helfer:innen vor Ort Betroffene zu unterstützen, sie zu versorgen und ihnen Schutz zu geben. Die MOPO sprach mit Christina Ihle, der Geschäftsführerin des Vereins, über die aktuelle Situation in Afghanistan und über die Entwicklungen in den vergangenen zwei Wochen.

MOPO: Frau Ihle, wie sehr fürchten Sie um das Leben der Menschen, die Sie aus der Ferne betreuen?

Christina Ihle: Die Sorge ist natürlich immens. Man weiß momentan noch nicht, welches Szenario eintreten wird. Bisher sind die Ansagen der Taliban noch moderat. Es ist nicht einzuschätzen, ob sich innerhalb der Taliban immer extremere Lager durchsetzen werden.

Wie ist die aktuelle Situation vor Ort?

Die Situation ist nach wie vor sehr volatil. In Kabul ist es verhältnismäßig ruhig. Menschen gehen nur auf die Straße, wenn sie zwingend müssen. Wer nicht muss, der bleibt zu Hause. Es herrscht die Sorge, dass Gewalt ausbricht. Die Lage ist sehr angespannt. Vor allem die Frauen und Kinder bleiben zu Hause. In Kundus ist es anders. Dort ist das normale Leben fast wieder eingekehrt. Die Schule ist geöffnet, auch Mädchen gehen dort ganz normal hin. Das ist alles sehr unterschiedlich. Wir haben insgesamt 15 Hilfsprojekte vor Ort und sechs davon laufen ganz normal weiter. In Kabul haben wir ein großes Projekt zur medizinischen Versorgung neu Geflüchteter aus den Nordprovinzen. Ihre humanitäre und hygienische Situation ist sehr prekär. Es werden unter anderen Kleinkinder versorgt, die dehydrieren. Viele sind mangelernährt und haben schwere Atemwegsinfektionen. Wir müssen schnellstmöglich helfen.

Christina Ihle, Geschäftsführerin des Afghanischen Frauenvereins mit Sitz in der Sternschanze.
Christina Ihle, Geschäftsführerin des Afghanischen Frauenvereins mit Sitz in der Sternschanze.

Gibt es derzeit Verhandlungen mit den Taliban?

Von unserer Seite aus nicht. Wir verhandeln im Moment nicht mit den Taliban. Das liegt in den Händen der internationalen Gemeinschaften. Im Moment arbeiten wir noch mit den Genehmigungen, die wir von der alten Regierung erhalten hatten. Wir sind sonst immer in Kooperation mit den lokalen Behörden vor Ort gewesen. Nun ist die Situation anders. Die Behörden werden von den Taliban übernommen. Und im Moment liegen viele Behörden noch brach.

Hamburg: Afghanischer Frauenverein hilft Frauen in Kabul aus der Ferne

Beginnen die Frauen vor Ort, sich den Forderungen der Taliban zu fügen?

Die Sicherheitslage ist schwierig einzuschätzen. Für alle. Wir würden es hier vermutlich auch nicht anders handhaben. Frauen und Kinder, aber auch Männer und Söhne bleiben zu Hause. Die Menschen bewegen sich möglichst wenig draußen, weil man nicht weiß, ob gleich irgendwo Sprengstoff hochgeht. Frauen, die alleine leben und einkaufen gehen müssen, ziehen sich schon konservativer an als vor dem 15. August. Sie versuchen, möglichst wenig zu exponieren. Und sonst herrscht ein großes banges Warten.

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Wie wird es in Zukunft weitergehen?

Viele Szenarien sind jetzt möglich und welches sich durchsetzen wird, wissen wir nicht. Die große Bitte an die Politik lautet, nicht wegzugucken. Auch wenn die ausländischen Personen ausgeflogen sein werden. Die Angst in der Bevölkerung ist groß, dass dann niemand mehr darauf achtet, was in Afghanistan passiert. Die internationale Gemeinschaft muss ganz eng dran und in Verhandlungen bleiben.

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