Die Marienstraße in Hamburg-Harburg
  • Drei der vier Todespiloten des 11. Septembers lebten in Hamburg – auch in der Marienstraße in Harburg. (Archivbild)
  • Foto: Christian Charisius/dpa

Spurensuche in Hamburg: Hier lebte die Terrorzelle vom 11. September

Vor den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA lebten und studierten drei der vier Todespiloten in Hamburg. Mohammed Atta und seine Komplizen trafen sich in Harburg. Im Stadtteil im Hamburger Süden erinnert zwanzig Jahre später fast nichts daran – und manchem ist das ganz recht so.

Vor dem 11. September 2001 war das „Tor zur Welt“, wie sich Hamburg gern nennt, auch für Terroristen geöffnet. Im Stadtteil Harburg wohnten und studierten in den 90er Jahren zwei der Todespiloten. Mohammed Atta und Marwan Alshehhi. Ihr Mitbewohner war Ramzi Binalshibh, der „Bankier“ der Terrorzelle und seit bald zehn Jahren in Guantánamo inhaftiert. Gemeinsam lebten, lernten und beteten sie im Haus an der Marienstraße 54. Weitere Al-Kaida-Mitglieder sollen aus- und eingegangen sein, darunter der dritte Todespilot, Ziad Jarrah. Nichts an dem schlichten, hellgrau verputzten Nachkriegsbau erinnert heute daran.

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Das Treppenhaus ist einfach, schmucklos und sauber. An der ehemaligen Wohnung von Atta und Komplizen fehlt ein Namenschild. Niemand öffnet. Dafür zeigt sich ein Bewohner ein Stockwerk höher sehr offen und freundlich. Er wohne seit April in der Wohnung, zusammen mit seinem Bruder und einem Freund, sagt der 32-Jährige aus Bangladesch. Er sei völlig überrascht, von der Geschichte des Hauses zu erfahren. „Es ist das erste Mal, dass ich davon höre“, sagt der Umweltmanager, der für eine internationale Organisation arbeitet. Er sei froh gewesen, eine günstige Wohnung in Hamburg zu finden. Als Asiate fühle er sich in dem Migrantenviertel wohl.

Ein anderer Hausbewohner zeigt sich ebenfalls überrascht. Er lebe seit mehreren Jahren in der Marienstraße, sagt der Mann aus Ghana. Ein paar Mal habe er Kamerateams vor dem Haus gesehen und sich gewundert. „Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich vielleicht nicht hier eingezogen“, sagt der fast 60-Jährige. Die Anschläge vom 11. September seien so schlimm gewesen.

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Nur wenige Schritte entfernt befindet sich die Kita „Marienkäfer“. Leiterin Angelika Bergeest hatte die Aufregung vor 20 Jahren direkt mitbekommen. Heute seien die Ereignisse im Alltag aber kein Thema mehr. „Wenn man über die Anschläge spricht, empfinde ich das als Geschichte“, sagt die 54-Jährige. Die Eltern der Kinder wüssten gar nicht, dass in dem Haus, auf dessen Rückfront ihre Kleinen beim Spielen schauen können, einst die Terroristen ihr Quartier hatten.

„Ich hoffe, dass in dem Haus keiner mehr wohnt von der Familie“, sagt ein Mann, der auf der gegenüberliegenden Seite wohnt, grinsend. Kürzlich habe es dort einen Polizeieinsatz gegeben, aber das müsse wohl einen anderen Grund gehabt haben. In der Nachbarschaft lebten viele Studenten, es sei ein Kommen und Gehen, sagt der 30-Jährige in Jogginghosen. Als er vor sieben Jahren in die Straße zog, habe ihm ein Kumpel erzählt, dass die Attentäter einst gegenüber wohnten. Eine ältere Frau im Nachbarhaus beobachtet das Gespräch vom Fenster aus, sie selbst will sich aber nicht äußern.

TU Hamburg: „Wir haben alle Statements getätigt“

Ein etwa 35-Jähriger, der mit seinen beiden kleinen Hunden Gassi geht und um die Ecke wohnt, ist völlig ahnungslos. Das gilt auch für eine junge indische Studentin, die zum gut 250 Meter entfernten Campus der Technischen Hochschule Hamburg (TUHH) geht. Dass Mohammed Atta und Marwan Alshehhi, die die Flugzeuge in die New Yorker Türme lenkten, einst hier studierten, hat sie noch nie gehört. Ein deutscher Kommilitone weiß dagegen Bescheid. Seine ältere Schwester und deren Freunde seien damals im Studentenausschuss aktiv gewesen. In der Nähe ihres Büros habe sich die von Atta gegründete Islam-AG getroffen. „Da soll spät abends immer noch Licht gebrannt haben“, sagt der etwa 30-Jährige.

Atta Wohnhaus Marienstraße
Ein Blick auf das Wohnhaus in der Marienstraße 54 in Harburg, in dem der Terrorist Mohammed Atta gewohnt hat.

„Wir haben die Geschichte aufgearbeitet, wir haben alle Statements getätigt“, teilt eine Sprecherin der Hochschule mit. „Der Sachverhalt war erschütternd, wir haben uns klar davon distanziert“, fügt sie hinzu. Doch wie geht die Universität heute mit der Tatsache um, dass vor gut 20 Jahren mehrere der schlimmsten Massenmörder der Geschichte zu ihren Studenten gehörten? Wird auf islamistische Bestrebungen mehr geachtet? Gibt es ein Präventionsprogramm? Warum hat die 1978 gegründete Hochschule 2018 den Begriff Harburg aus ihrem Namen gestrichen? War sie es leid, mit den Anschlägen in Verbindung gebracht zu werden? Zu solchen Fragen will sich die Universität nicht äußern.

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Auch ein Pressefoto im Zusammenhang mit dem Thema 11. September darf nicht mehr auf dem Gelände der Hochschule gemacht werden. Das begründet die Sprecherin so: Zum einen habe der Campus von heute kaum noch etwas mit dem von damals gemein. Zum anderen habe die Hochschule der Presse und der Weltöffentlichkeit bis fünf Jahre nach den Anschlägen jede Information und nahezu jede Drehmöglichkeit gegeben. „Wir haben seinerzeit immer wieder deutlich gezeigt, dass die TU Hamburg nicht der Ausgangspunkt und schon gar nicht der Hort für Terroristen oder für die Planung terroristischer Aktionen war“, erklärt die Sprecherin.

Prof. Dittmar Machule (81), der Ende der 90er Jahre die Diplomarbeit von Mohammed Atta im Fach Stadtplanung betreute, vertritt eine andere Position. In einem Podcast der Zeitung „Welt“ sagt er zum Umgang mit der Vergangenheit: „Es gibt nur einen Weg: völlige Offenheit. Wir haben nichts zu verbergen.“ Nur so öffne man nicht die Tür für Spekulationen und Vermutungen.

Ex-Professor von Atta fordert „völlige Offenheit“ der TU

Im dpa-Gespräch fügt Machule hinzu: Aus Ereignissen wie den Anschlägen vom 11. September erwachse immer eine Verantwortung, für die Hochschule ebenso wie für jeden Politiker und jede Institution. Auf islamistische Tendenzen unter Studenten müsse man achten. „Man muss das im Auge behalten“, sagt der emeritierte Hochschullehrer. „Ich persönlich meine, dass man mit anderen Religionsgemeinschaften tolerant umgehen muss. Aufpassen muss man, wenn sie unsere christliche Werteordnung gefährden.“ Das friedliche Zusammenleben sei wichtig. Ihn beschäftige bis heute die Frage: „Was müssen wir tun, um zu verhindern, dass Menschen so etwas machen?“

Die von der TU Hamburg genannte Fünf-Jahres-Frist für die Aufarbeitung der Anschläge konnte für die Justiz nicht gelten. Mounir el Motassadeq, der wenige Hundert Meter entfernt von Atta gewohnt hatte und zu der Gruppe gehörte, stand jahrelang vor Gericht. Erst 2007 wurde er rechtskräftig wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Beihilfe zum Mord in 246 Fällen verurteilt. Die Zahl der Opfer bezog sich auf die Passagiere und Besatzungsmitglieder der vier entführten Flugzeuge. Seine Strafe von 15 Jahren verbüßte Motassadeq fast vollständig. Kurz vor Ablauf der Haftzeit im Herbst 2018 schoben ihn die deutschen Behörden in sein Heimatland Marokko ab.

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17 Jahre nach den Anschlägen war den Beamten der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel nicht bewusst, welche Regeln im Kampf gegen den Terrorismus noch immer Gültigkeit hatten. Am Tag seiner Abschiebung übergaben sie Motassadeq einen Umschlag mit knapp 7200 Euro in bar. Das waren die Ersparnisse des Terrorhelfers aus der Haftzeit. Die Auszahlung war rechtswidrig, weil Motassadeq wegen seiner Mitgliedschaft im Terrornetzwerk Al-Kaida weiterhin auf der EU-Terrorliste weltweit stand. Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelte, ein Jahr später mussten mehrere der Beamten Geldbußen bezahlen.

Nicht vergessen kann die Hamburgerin Sibylle Dircks die Anschläge vom 11. September 2001. Sie hat damals ihren Bruder verloren. Er war einer der elf deutschen Todesopfer. Der 42-Jährige lebte in New York und war an jenem Morgen zu einem Arbeitsfrühstück ins World Trade Center gegangen. „Das ist eine Sache, die wird mich bis an mein Lebensende begleiten, dass ich mir überlege: Wie waren seine Gedanken?“, sagt Dircks im „Welt“-Podcast.

9/11 forderte auch elf deutsche Todesopfer

Es habe anderthalb Stunden gedauert, bis der Nordturm einstürzte und auch die Menschen im Restaurant über den brennenden Stockwerken starben. „Von ihm ist keine Zelle übrig geblieben, nichts. Mit dem Turm hat er sich aufgelöst.“ (dpa)

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