Michael Westhagemann, im Hintergrund ein Containerschiff
  • Michael Westhagemann (parteilos), Senator für Wirtschaft und Innovation, erklärt im Interview, wie wir den Hafen grün kriegen.
  • Foto: /dpa

Wie kriegen wir die Stinker aus dem Hafen, Herr Senator?

Ein klimaneutraler Hafen bis 2040? Das erklärte Ziel der Politik. Einerseits ist er ein Rückgrat der Hamburger Wirtschaft, sichert als drittgrößter Hafen Europas indirekt bundesweit mehr als 600.000 Arbeitsplätze, 124.000 davon in der Metropolregion Hamburg. Doch er ist auch ein riesiges Industriegebiet mit dreckiger Luft – und das mitten in der Stadt. Die MOPO hat mit Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos) über einen grüneren Hafen gesprochen.

MOPO: Herr Westhagemann, was sind die größten Umweltprobleme im Hafen?

Michael Westhagemann: Die Frage ist: Wo kann man am meisten CO2 einsparen? Hamburg hat konkrete Klimaziele. Rund die Hälfte der Emissionen kommen aus dem wirtschaftlichen Bereich, auch aus dem Hafen. Hier ist das größte zusammenhängende Industriegebiet in Europa tätig, da können wir CO2 sparen.

Wie soll denn die Hafenindustrie sauberer werden?

Wir setzen auf eine Wasserstoff-Wirtschaft und fangen mit dem Stahlwerk ArcelorMittal an. Es soll ab 2025/26 mit grünem Wasserstoff aus Moorburg versorgt werden, wo wir einen 100-Megawatt-Elektrolyseur bauen, der direkt mit grünem Strom von Offshore-Windanlagen versorgt wird. Das soll perspektivisch auch noch weiter ausgebaut werden.


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Was ist mit den Schiffen? Auch sie stoßen CO2 und Stickoxide aus.

Landstromanlagen werden ausgebaut, damit festgemachte Schiffe ihre Dieselgeneratoren abschalten können. Dafür investieren wir über 90 Millionen Euro, Hamburg ist hier weltweit Vorreiter. Es gibt weitere Stellschrauben: Täglich sind 17.000 Lkw im Hafen unterwegs, auch hier können wir Verbesserungen erreichen. Brennstoffzellen mit Wasserstoff sind eine Möglichkeit, aktuell wird aber auch viel im Bereich des synthetischen Kraftstoffs geforscht.

Ambitionierte Pläne. Bis wann soll denn was umgesetzt werden?

Mit dem neuen Hafenentwicklungsplan wird eine strategische Grundlage geschaffen. Ein konkreter Zeitplan für einzelne Maßnahmen ist aber nicht so einfach, weil wir davon abhängig sind, wie schnell wir finanzielle Förderungen bekommen oder wie die Regulatorik angepasst wird

Was meinen Sie damit?

Ich denke, dass die Höhe der CO2-Besteuerung Einfluss auf das Tempo haben wird.

Zieht die Hafenwirtschaft mit?

Ja. Wir müssen den Umbau aber so gestalten, dass wir Betriebe und Arbeitsplätze nicht gefährden. Wir brauchen viele Unternehmen, die diesen Weg mitgehen wollen – und die brauchen eine Förderung, um mitgehen zu können. Grundsätzlich glaube ich aber, dass durch die Klimadiskussion ein so hoher Nachhaltigkeitsdruck auf den Unternehmen liegt, dass es in ihrem eigenen Interesse ist, CO2 einzusparen.

Gerade im Bereich der Landstromanlagen scheint Freiwilligkeit aber nicht zu funktionieren – die meisten Schiffe haben keine passenden Anschlüsse. Wie bringt man Reedereien dazu, mitzumachen?

Michael Westhagemann im Schutzanzug
Der Senator (vorn) mit Atemschutzmaske und Schutzanzug in der Weströhre des Alten Elbtunnels

Die Reedereien wissen, dass sie perspektivisch umschwenken müssen. Wir in der Politik sorgen dafür, dass sich die Rahmenbedingungen für die Landstromversorgung verbessern: So hat insbesondere Hamburgs Initiative dazu geführt, dass die EEG-Umlage für Landstromanlagen um 80 Prozent reduziert wurde. Auch beim Hafengeld gibt es Rabatte, wenn Schiffe Landstrom nutzen. Klar ist: Wenn wir nicht zu der CO2-Reduzierung kommen, die wir erreichen müssen, werden wir mit anderen Maßnahmen nachjustieren müssen. Wichtig ist, dass in den großen europäischen Häfen die gleichen Regeln gelten, damit es keine Wettbewerbsverzerrung zulasten Hamburgs gibt.

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Der Großteil der Emissionen geht ja von Containerschiffen aus. Andere Häfen haben schon eine Landstrompflicht eingeführt. Warum hinkt Hamburg da hinterher?

Ich schließe nicht aus, dass sie auch bei uns kommen kann. Es kommt darauf an, wie andere Maßnahmen greifen. Am Ende muss die gesamte CO2-Bilanz stimmen. Wir müssen aber aufpassen: Wenn der Druck zu hoch wird, könnten Reedereien entscheiden, Hamburg nicht mehr anzulaufen. Das ist auch nicht gut für den Hafen. Das gefährdet Arbeitsplätze. Dort müssen wir die richtige Balance finden.

Aktuell sind noch elf Landstromanlagen geplant – im Vergleich zu den rund 290 Liegeplätzen im Hafen nur ein Bruchteil. Schätzungen zufolge würden sie nur vier Prozent des jährlichen Schiffsverkehrs abdecken. Ein Tropfen auf den heißen Stein …

Wir sind gerade in einer Übergangsphase für neue Technologien. Wir werden Landstromanlagen zunächst an den größten Liegeplätzen bis 2023 fertigstellen. Zudem kann eine Landstromanlage mehrere Liegeplätze bedienen und so bedarfsgerecht eingesetzt werden. Das bringt eine ganze Menge. Zusätzlich gibt es neue Entwicklungen im Bereich synthetischer Kraftstoffe. Der Vorteil daran wäre, dass Bestandsflotten nicht umgebaut werden müssen. Die Herausforderung ist, diese Stoffe marktreif zu bekommen und deren wirtschaftliche Nutzung zu ermöglichen.

Was ist mit dem Flüssigerdgas LNG?

Durch LNG werden zwar weniger Stickoxide ausgestoßen, daher ist es umweltfreundlich, aber nicht ideal, da man auch genau schauen muss, wo es herkommt und ob es gefrackt ist. Ich sehe die Zukunft in Wasserstoff, Brennstoffzelle und synthetischen Kraftstoffen.

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