Windräder bei Düngenheim
  • Wenn Deutschland bis 2045 klimaneutral sein will, muss die Zahl der Windkraft- und Solaranlagen vervierfacht werden, sagt der Energie-Experte Werner Beba.
  • Foto: IMAGO / Rainer Unkel

Hamburger Forscher: Warum es bald viel mehr Windparks geben wird

Grüner Strom, leise Elektroautos und saubere Industrie – so sieht die Vision einer klimafreundlicheren Zukunft aus. Aber klappt die Energiewende auch? Werner Beba ist Leiter des Competence Centers für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz an der HAW, sitzt im Klimabeirat des Senats und hat das Großprojekt „Norddeutsche Energiewende 4.0“ koordiniert. Mit der MOPO hat der Experte über aktuelle Probleme gesprochen – und erklärt, warum wir uns mit noch viel mehr Windparks anfreunden müssen.

MOPO: Herr Beba, wie sieht es aus: Können wir den Klimawandel stoppen?

Werner Beba: Ich glaube fest daran. Allerdings müssen wir jetzt richtig zulegen. In Hamburg werden jährlich 16 Millionen Tonnen CO₂ produziert. Bis 2030 sollen sie auf 9,5 Millionen Tonnen reduziert werden, das sind 55 Prozent bezogen auf das Basisjahr 1990. Wir brauchen aber ein ehrgeizigeres Ziel, eigentlich müssten wir um 65 Prozent reduzieren. Die weiteren Schritte danach werden viel schwieriger.

Wie weit sind wir denn gerade?

Von den nötigen CO₂-Einsparungen haben wir rund ein Drittel erreicht. Der CO₂-Ausstoß teilt sich grob auf in Strom, Verkehr und Wärme in Industrie und Privathaushalten, bei Wärme und vor allem Verkehr sind noch große Anstrengungen nötig. In ganz Deutschland sind rund 53 Prozent des Stroms grün. Im Norden könnte rein rechnerisch sogar der gesamte Strom aus erneuerbaren Energien gespeist werden.

Werner Beba
Werner Beba ist Leiter des Competence Centers für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz an der HAW.

Warum nur rechnerisch?

Wir können Energie aus den erneuerbaren Quellen nicht gut speichern. Wenn der Wind geht, haben wir zu viel Strom, den wir abregeln müssen, um das Netz nicht zu überlasten. Wenn Flaute ist, haben wir zu wenig. Die Erzeugung und der Verbrauch müssen synchronisiert werden. Es gibt hierfür aber Lösungen.

Müssen wir unsere Gewohnheiten ändern?

Wir wollen das mithilfe der Digitalisierung lösen: In Norderstedt haben wir in 1000 Haushalten eine intelligente Steckdose eingebaut und mit Strompreisen gekoppelt: Wenn sie rot leuchtete, zahlten die Bewohner 27 Cent je Kilowattstunde. Wenn sie grün leuchtete, war überschüssiger grüner Strom da, der nur 5 bis 15 Cent kostete. Die Leute ließen dann Waschmaschinen laufen oder haben ihre Geräte aufgeladen. Auch in der Industrie gibt es große Potentiale für flexiblen Verbrauch. Für solche Modelle und positiven Anreize müssen rechtliche Bedingungen geschaffen werden. Auch Elektroautos könnten so günstig mit überschüssigem Strom geladen werden.

Apropos Elektroautos – wie stehen wir im Verkehr da?

Der Verkehr ist leider das große Stiefkind der Energiewende. Wir haben da in den letzten zehn Jahren nicht ein Gramm CO₂ eingespart.

Warum nicht?

Der Verkehr hat zugenommen. Unser jetziges Mobilitätsverhalten und die Globalisierung tragen dazu bei. Wir brauchen bessere Konzepte und es müssen auch neue Antriebssysteme entwickelt und gefördert werden wie Elektroautos oder Autos mit Brennstoffzellen für grünen Wasserstoff. Für Lkws, Flugzeuge und Schiffe werden CO₂-neutrale synthetische Kraftstoffe entwickelt. Auch die funktionieren mit Wasserstoff, der durch Strom hergestellt wird. Letztlich läuft alles auf grünen Strom hinaus.

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Haben wir für eine gesamte Energiewende denn genug grünen Strom?

Aktuell nicht. Wenn wir 2045 in allen Sektoren klimaneutral sein wollen, müssen deutschlandweit Windkraft- und Solaranlagen vervierfacht werden. Im Norden stehen wir etwas besser da, hier brauchen wir dreimal so viel wie jetzt. Immer noch eine enorme Herausforderung.

Noch mehr Windparks – machen das die Bürger mit?

Die gesellschaftliche Akzeptanz ist ein Knackpunkt. Unsere Studien haben gezeigt, dass sie dort am größten ist, wo schon Windparks stehen. Doch viele Bürger wollen keine neuen Anlagen, wo noch keine sind. Aber die Energiewende gibt es nicht zum Null-Tarif. Das ist eine der Pillen, die wir schlucken müssen.

Wie kann man die Menschen überzeugen?

Mit Anreizen. Dort, wo neue Windparks entstehen, sollen die Bürger auch etwas davon haben. Dass eine neue Kita gebaut wird, zum Beispiel, oder ein Schwimmbad saniert. Aber die Menschen müssen auch verstehen, dass Klimaneutralität ohne den Ausbau einfach nicht geht.

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Und in Hamburg selbst? Brauchen wir mehr Solardächer?

Ja, da sehe ich ein großes Potenzial. Photovoltaik ist viel effizienter geworden und kann mit Wärmepumpen von Häusern gekoppelt werden. Dann könnten 70 bis 80 Prozent der Wärme und des Stromverbrauchs mit dem selbst erzeugten grünen Strom gespeist werden. Das wäre ein riesiger Beitrag. Aber auch hier: Technisch geht es, jetzt müssen Anreize geschaffen werden, dies auch umzusetzen.

Das Problem ist also nicht die Technik, sondern die Umsetzung.

Ja. Viele Technologien sind schon entwickelt. Sie müssen jetzt in größeren Maßstäben erprobt werden. Aber das größere Problem sind die Rahmenbedingungen, die überhaupt nicht zur neuen Energiewelt passen.

Was meinen Sie?

Zum Beispiel die EEG-Umlage und andere Abgaben auf Strom. Dadurch wird grüner Strom künstlich gegenüber Öl und Erdgas verteuert, die dagegen immer noch zu wenig kosten. Ein niedriger CO₂-Preis von 25 Euro pro Tonne reicht einfach nicht. In Wahrheit liegt der Preis bei 180 Euro.

Mit einem höheren CO2-Preis wird auch der Diesel fürs Auto teurer …

Ja, und ehrlich gesagt: Diese Entwicklung muss auch weitergehen. Im Gegenzug muss aber die EEG-Umlage abgeschafft werden. Durch günstigen grünen Strom werden Privatleute und die Industrie angereizt, in neue Techniken und Infrastrukturen zu investieren. Das sind nur zwei, drei Gesetze, die geändert werden müssen. Ich glaube, das kommt.

Wie sehen Sie in die Zukunft?

Ich glaube, dass 2035 rund 70 Prozent des Verkehrs über klimaneutrale Fahrzeuge fährt. Wir werden jederzeit 100 Prozent grünen Strom haben. Die Industrie wird noch nicht vollständig dekarbonisiert sein, aber wir werden große Schritte gemacht haben. Wenn wir uns nicht von Asien abhängen lassen wollen, können Hamburger Unternehmen eine weltweite Vorreiterrolle einnehmen. Ich sehe da wirklich eine blühende Zukunft – wenn wir jetzt entschlossen handeln.

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