Havertz und Füllkrug sind enttäuscht
Havertz und Füllkrug sind enttäuscht
  • Der Schock saß bei den deutschen Spielern (hier Havertz und Füllkrug ) nach dem WM-Vorrunden-Aus tief.
  • Foto: imago/Moritz Müller

Gescheitert auf allen Ebenen! So kam es zum deutschen WM-Desatser

Dem schmerzhaften Vorrunden-Aus folgte der gigantische Kater danach. Deprimiert und gescheitert trat das DFB-Team gestern Mittag die Heimreise aus Katar an, der gesamten Delegation war das Lachen gründlich vergangen. Und sie wurden von bohrenden Fragen begleitet. Nach dem dritten frühen Turnier-Aus steht gerade im Hinblick auf die 2024 stattfindende Heim-EM alles auf dem Prüfstand. Bereits in der kommenden Woche geht es um die Jobs von DFB-Direktor Oliver Bierhoff und Bundestrainer Hansi Flick. Alles ist möglich, auch ein Aus des Duos.

Bernd Neuendorf gab sich Mühe, die passenden Worte zu finden. Das war gewiss nicht leicht nach der Nacht, die hinter dem DFB-Präsidenten lag und in der er kaum in den Schlaf finden wollte. Doch noch bevor der 61-Jährige gemeinsam mit der Mannschaft um 14.42 Uhr von Doha nach Frankfurt abhob, wollte er etwas loswerden. Kern der Botschaft: Bierhoff und Flick müssen Antworten liefern, wie es zum erneuten Total-Crash kommen konnte.

Das vorzeitige WM-Aus schockt den DFB – Diskussionen um Flick und Bierhoff

„Das Ausscheiden schmerzt außerordentlich“, erklärte Neuendorf und stellte klar, dass bereits in wenigen Tagen der erste große Krisengipfel anstehe. Neben Bierhoff, Flick und Neuendorf wird dann auch DFB-Vize Hans-Joachim Watzke dabei sein. „Meine Erwartung an die sportliche Leitung ist, dass sie zu diesem Treffen eine erste Analyse vornimmt, eine sportliche Analyse dieses Turniers“, sagte Neuendorf und fuhr fort: „Dass sie aber auch Perspektiven entwickelt für die Zeit nach dem Turnier mit dem Blick auf die EM im eigenen Land.“ Mehr noch: „Diese Analyse muss auch die Entwicklung der Nationalmannschaft und unseres Fußballs seit 2018, seit der letzten WM, umfassen.“


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Es war vor allem der letzte Satz, der aufhorchen ließ. Denn er setzt nicht zuletzt Bierhoff unter Druck. Anders als Flick, der erst vor 16 Monaten das Amt des Bundestrainers übernahm, hat der DFB-Direktor auch das schmachvolle Scheitern bei der WM 2018 und das unterm Strich sang- und klanglose Achtelfinal-Aus bei der EM 2021 mitzuverantworten. Neuendorf und Watzke wollen von Bierhoff nun hören, welche Lehren er aus den jüngsten drei Pleiten-Turnieren gezogen hat.

DFB-Direktor Oliver Bierhoff steht in der Kritik. imago/Sven Simon
DFB-Direktor Oliver Bierhoff steht in der Kritik.
DFB-Direktor Oliver Bierhoff steht in der Kritik.

Damit wird die Luft für den 54-Jährigen, der seit 18 Jahren in verantwortlicher Position beim DFB arbeitet, dünn. Denn von grundlegenden Reformen sah er trotz aller Missstände in den Vorjahren ab. Stattdessen wird seine Mängelliste lang und länger. Mit am gravierendsten: Wie schon 2018 lag er mit der Wahl des WM-Teamquartiers voll daneben. Als einziger Turnier-Teilnehmer wohnte das DFB-Team hoch oben im Norden Katars, nicht nur abgeschottet, sondern auch spürbar isoliert in seiner eigenen Blase. Der Schuss ging nach hinten los und nervte auch Flick, der vor allen drei Gruppenspielen lange Autofahrten zur Abschluss-Pressekonferenz nach Doha in Kauf nehmen musste, eine Stunde hin, eine zurück. Völlig unüblicher und vor allem unnötiger Stress bei Turnieren.

Oliver Bierhoff schließt nach WM-Aus seinen Rücktritt aus

Bierhoff selbst schloss einen Rücktritt seinerseits aus. „Das müssen andere entscheiden“, erklärte er nach dem 4:2 gegen Costa Rica, das sich als letztlich wertlos herausstellte. Klar ist: Der Direktor wird sich vor Neuendorf und Watzke selbstkritisch und reformwillig geben müssen. Ansonsten wird es sehr eng für ihn.

Flick dürfte da bessere Karten haben, obwohl auch er bei dieser WM mehrfach danebenlag. Zum Turnierstart gegen Japan (1:2) setzte der Coach auf eine offensichtlich falsch zusammengesetzte Abwehrkette, schwächte sein Team dazu beim Stande von 1:0 mit der sinnfreien Auswechslung Ilkay Gündogans. Seine Nibelungentreue zu Routinier Thomas Müller fiel ihm bei der WM genauso auf die Füße wie der fehlende Mut, die ursprünglich als Ergänzungsspieler mitgenommenen Lukas Klostermann oder Niclas Füllkrug gegen Costa Rica von Beginn an aufzubieten – wie sie es sich aufgrund ihrer Joker-Auftritte gegen Spanien (1:1) verdient hätten. Wieder schwebt über Flick der Vorwurf, Konflikten lieber aus dem Weg zu gehen, als neue und mutige Wege zu beschreiten.

Dennoch: Für den 57-Jährigen spricht, dass er zu kurz im Amt ist, um als Hauptverantwortlicher gelten zu können. Unterm Strich hat er weiterhin Kredit, zudem gibt es einen Mangel an Alternativen. Die große Ausnahme wäre Jürgen Klopp (55), sollte bei ihm – trotz aller Dementi – nach nun siebeneinhalb Jahren und einem klaren Abwärtstrend in Liverpool die Lust auf etwas Neues wachsen.

Hansi Flick will im Amt bleiben: „An mir wird’s nicht liegen“

Flick selbst verschwendet jedenfalls keinen Gedanken an ein vorzeitiges Ende seiner Amtszeit. „Mir macht es Spaß, wir haben gute Spieler, die nachkommen, an mir wird’s nicht liegen“, stellte er nach dem WM-Aus klar.

Welche Spieler er damit meinte, ist hingegen alles andere als klar, und vermutlich hätte der Bundestrainer auch Probleme bekommen, nur eine Handvoll Profis aufzuzählen, die für ein erneuertes DFB-Team stehen könnten. Denn bei genauerem Hinsehen wird auch Flick erkennen und sicherlich längst wissen, dass ein größerer Umbruch nicht möglich ist. Er wird mit 70, 80 Prozent der Spieler in Richtung EM marschieren müssen, die schon in Katar dabei waren. Ob das wirklich Mut macht?

Hansi Flick scheiterte als erster DFB-Trainer bei seinem Turnier-Debüt schon in der Vorrunde. imago/Laci Perenyi
Hansi Flick scheiterte als erster DFB-Trainer bei seinem Turnier-Debüt schon in der Vorrunde.
Hansi Flick scheiterte als erster DFB-Trainer bei seinem Turnier-Debüt schon in der Vorrunde.

Immer augenscheinlicher wird, dass das Nationalteam auf mehreren Positionen einen Mangel an überdurchschnittlich gut ausgebildeten Spielern aufweist. Diesen sprach nun auch Flick an. Das gelte für beide defensiven Außenbahnen wie auch das Sturmzentrum. Denn so achtbar sich dort Niclas Füllkrug (zwei Joker-Tore bei der WM) auch schlug – als Sinnbild für eine gute Zukunft kann der 29-Jährige nicht gelten.

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So blieb bei dieser WM der Eindruck einer Mannschaft, die ohne die allerletzte und entscheidende Kompromisslosigkeit auftrat und an ihrer begrenzten Klasse scheiterte. Die Folgen: Bierhoff wackelt, Flick muss sich zumindest vor der Verbandsspitze erklären und aufzeigen, was er aus diesem Aus gelernt hat. Wie und ob es mit beiden weitergeht, wird sich nicht bereits nach dem ersten Gesprächs-Gipfel entscheiden, auch das stellte Neuendorf klar. Man brauche Zeit. Sicher ist nur: Das große Beben nach dem WM-Aus hat gerade erst begonnen.

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