PSG-Boss Nasser al-Khelaifi präsentierte 2017 den 222-Millionen-Einkauf Neymar.
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paidEffenberg, PSG, Bayern, jetzt WM: So lockt Katar die Welt in die Wüste

Die Fußball-WM in Katar ist der Höhepunkt, vielleicht sieht die Welt auch bald Olympische Spiele in Doha. Mit sportlichen Großveranstaltungen will der Golfstaat sein Image verbessern. Geld spielt dabei keine Rolle. Die MOPO schaut auf die Strategie der Kataris und wirft einen Blick auf die Sportgeschichte des Landes.

Wenn Hapag Lloyd mal wieder hohe Dividenden ausschüttet, freut sich nicht nur Hamburgs Finanzsenator. Die Qatar Investment Authority hält 12,3 Prozent Anteile am Schifffahrtsriesen, nur etwas weniger als die Hamburger Gesellschaft für Vermögens- und Beteiligungsmanagement (13,9 Prozent). Nicht die einzigen Verflechtungen des Emirats mit ranghohen deutschen Unternehmen: Qatar Holding gehört 10,5 Prozent der Volkswagen AG, der Herrscherfamilie al-Thani knapp zehn Prozent der Deutschen Bank.

Im vergangenen Jahrzehnt fanden viele Weltmeisterschaften in Katar statt

Die Beispiele verdeutlichen: Das Land mit seinen gerade 300.000 Staatsbürgern mischt in der globalen Wirtschaft mit. Öffentlichkeitswirksam hat sich Katar in den vergangenen Jahren aber vor allem auf der Bühne des Sports präsentiert. Zahlreiche Weltmeisterschaften fanden im Golfstaat statt: 2014 Schwimmen, 2015 Handball, 2016 Radsport, 2018 Turnen, 2019 Leichtathletik. Neben der Vorbereitung der Fußball-WM war 2021 noch Platz für ein Formel-1-Rennen.

Der 1971 unabhängig gewordene Wüstenstaat gibt Gas, wenn es um sportliche Großereignisse geht – und um Einflussnahme. Bayern München kassiert jährlich 17 bis 20 Millionen Euro von Qatar Airways, weshalb der Rekordmeister sein Wintertrainingslager in Katar abhält. Bayerns Champions-League-Gegner Paris St. Germain gehört seit 2011 Qatar Sports Investments, was den Klubboss Nasser al-Khelaifi zu einer der mächtigsten Personen im europäischen Fußball macht. In nahezu allen wichtigen internationalen Sportverbänden wie IOC oder FIFA ist Katar in einflussreichen Positionen vertreten.

„Sportswashing“ hat Katar nicht erfunden – aber perfektioniert

Und nutzt dies zum „Sportswashing”, dem Aufpolieren des Images durch Großereignisse, die von Missständen im eigenen Land – mangelnde Menschenrechte, Ausbeutung von ausländischen Arbeitern – ablenken sollen. Kein neues Phänomen: Die Olympischen Spiele in Moskau 1980, Seoul 1988 oder Peking 2008 folgten einer ähnlichen Logik. Doch der Golfstaat beherrscht das Spiel mit Bravour.

„Die Sportpolitik Katars ist strategisch ausgerichtet und zeichnet sich durch eine besondere Systematik aus”, resümiert der langjährige deutsche Leichtathletik-Funktionär Helmut Digel: „In vergleichbarer Weise wurde bislang noch in keinem anderen Land der Welt das Phänomen des Sports zu einem industriellen Sektor, durch den gemeinsam mit dem Sektor des Tourismus neue Einnahmequellen erschlossen werden sollen.”

Katar profiliert sich über Sport gegen seinen großen Nachbarn Saudi-Arabien

Seitdem der Öl- und Gashandel die Perlenfischerei als Haupteinnahmequelle ersetzt hat, spielt Geld für die Mächtigen in Katar beim Verfolgen ihrer Ziele keine Rolle. Glänzen wie eine Perle sollen die Bilder, die der Sport hervorbringt. Einerseits, um dem Lokalrivalen Abu Dhabi ein gehöriges Stück vom großen Tourismuskuchen abzuknapsen. Andererseits hat die umtriebige Akquise von Sportereignissen der 11.500 Quadratkilometer großen Halbinsel mit ihren drei Millionen Bewohner:innen erst zu einer globalen Wahrnehmung verholfen.

„Für Katar ist Sportswashing auch eine Art Selbstverteidigung gegenüber seinem großen Nachbarn Saudi-Arabien“, schätzt Ex-Profi Benjamin Adrion ein, der über die WM den ProSieben-Film „Das Milliardenspiel” gedreht hat. Das Auswärtige Amt in Berlin spricht von einer „sensiblen politischen Lage” zwischen Katar und Saudi-Arabien sowie den Vereinigten Arabischen Emiraten, die den kleinen Nachbarn jahrelang isoliert haben. Erst Anfang 2021 erreichte Katar beim Treffen des Golfkooperationsrats eine gewisse Entspannung der Situation.

Die Aspire Academy in Doha brachte einen Olympiasieger hervor

Der Golfstaat will nicht nur Gastgeber sein, sondern auch erfolgreich. Die 2004 gegründete Aspire Academy in al-Rayyan markiert die Ambitionen. Sie ist ein riesiges Zentrum zur Ausbildung sportlicher Talente, das unter anderem Hochsprung-Olympiasieger Mutaz Essa Barshim hervorgebracht hat. Der 31-Jährige ist ein katarisches Eigengewächs – und damit nicht unbedingt die Regel. Während rund 90 Prozent der Bevölkerung die Staatsbürgerrechte vorenthalten werden, ist die Einbürgerung von Spitzensportlern kein Problem: Für die Handball-WM 2015 im eigenen Land verpflichtete Katar kurzerhand Ex-Nationalspieler aus Frankreich, Montenegro und Kuba und gewann mit seinem internationalen Team die Silbermedaille. Die aktuelle Fußball-Nationalmannschaft hat Verstärkung aus Ägypten, Algerien, Irak und den Kapverden erhalten.

0:4 gegen Deutschland: 1981 erreichten Katars Junioren das WM-Endspiel

Nicht erst der Gewinn der Asienmeisterschaft 2019 hat Katar fußballerisch ins regionale Rampenlicht geführt. Schon 1981 kam die U20-Auswahl mit Siegen über Brasilien und England ins WM-Endspiel, das gegen die deutsche Elf um Michael Zorc allerdings 0:4 verloren ging. „Das haben wir als Sprungbrett genutzt, um Stadien zu bauen und Vereine zu gründen”, erinnert sich der damalige Trainer, Brasiliens ehemaliger Nationalspieler Evaristo. Seine Kicker erhielten damals 15.000 Dollar, ein Haus und einen Mercedes – generöse Spitzensportförderung hat in Katar Tradition. Rekordmeister al-Sadd gewann 1989 und 2011 die asiatische Champions League. Für eine WM-Endrunde reichte es aber trotz aller Bemühungen bisher nicht.

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Die heimische Qatar Stars League, in der acht der zwölf Teams aus Doha kommen, tut sich ebenfalls schwer, auch wenn ab 2003 prominente Kicker wie Stefan Effenberg, Mario Basler und Pep Guardiola den Herbst ihrer Karriere am Persischen Golf verbrachten. Nur selten verfolgen mehr als 1000 Zuschauer:innen das Geschehen. „Die vielen ausländischen Arbeitskräfte identifizieren sich mit den Vereinen in ihren Heimatländern”, stellen Bernd M. Beyer und Dietrich Schulze-Marmeling in ihrem Buch „Boykottiert Katar 2022!” fest, „oder den globalen Fußballmarken wie Real Madrid, Barcelona, Bayern oder Manchester United”.

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