FIFA-Präsident Gianni Infantino steht unter Druck.
FIFA-Präsident Gianni Infantino steht unter Druck.
  • FIFA-Präsident Gianni Infantino steht unter Druck.
  • Foto: Imago / Shutterstock

Amnesty zur Katar-WM: „Die FIFA muss sich um die Toten kümmern“

Im Kampf der Teams um die K.o.-Runde bei der WM mit dem verstärkten Fokus auf das Geschehen auf dem Rasen drohen die Bemühungen um Menschenrechte, Gerechtigkeit und Reformen im Emirat auf der Strecke zu bleiben. Amnesty International will den Gastgeber und auch den Weltverband FIFA nicht davonkommen lassen. Der Vorwurf: Die FIFA und Katar spielen auf Zeit. Die Befürchtung: Nach dem Ende der WM könnte es zu spät sein.

Football first. Das ist die Marschroute der FIFA seit dem Anstoß zur WM. Das Problem: Alle anderen Themen hat der Weltverband hintangestellt. Die Verhandlungen über einen millionenschweren Entschädigungsfonds für die Angehörigen von zu Tode gekommenen Gastarbeitern etwa, den Menschenrechtsorganisationen fordern, stocken.

Amnesty-Sprecherin Wesemüller: „Wir werden weiter Druck auf die FIFA machen“

„Die FIFA muss sich um die Toten und die Angehörigen kümmern. Das ist ihre Verantwortung und Verpflichtung“, fordert Ellen Wesemüller, Sprecherin von Amnesty International Deutschland, im Gespräch mit der MOPO. „Es hätte dem Weltverband und auch Katar gut zu Gesicht gestanden, sich vor WM-Beginn für das von uns und anderen geforderte Entschädigungsprogramm auszusprechen.“

Katars Arbeitsminister Marri hat den Plan kürzlich als „PR-Gag“ verspottet und als „nicht durchführbar“ bezeichnet und dies unter anderem mit der unklaren Anzahl der Opfer begründet. Er fragte: „Wo sind die Namen?“ Das dürfte für viele Hinterbliebene angesichts der mangelhaften Aufklärung von Todesfällen bei Gastarbeitern im Emirat wie purer Zynismus klingen. 

Die Zahl der Todesopfer beim WM-Stadionbau bleibt weiter umstritten

„Die Debatte um die Zahl der Toten macht einmal mehr das Problem deutlich, dass Todesfälle von Arbeitsmigranten in Katar unzureichend aufgearbeitet werden“, kritisiert Wesemüller. „Es sieht nicht danach aus, dass es große Bemühungen gab und gibt, dies zu tun. Wir müssen leider annehmen, dass der politische Wille fehlt, die Todesfälle aufzuklären.“

Vor wenigen Tagen hatte Katars WM-Chef die Zahl der Arbeiter, die auf Baustellen mit WM-Bezug gestorben sind, auf „400 bis 500“ beziffert und damit für Aufsehen gesorgt. Denn vor Turnierbeginn hatten FIFA und WM-OK von lediglich drei Todesfällen bei Arbeiten auf WM-Baustellen und 37 weiteren Todesfällen von WM-Arbeitern ohne Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit gesprochen.

Amnesty warnt: „Die FIFA läuft Gefahr, ihre Chance zu verpassen“

Für Amnesty International sind all diese Zahlen inakzeptabel. „Wir haben Experten nachträglich auf die von der FIFA bis 2021 eingeräumten 33 Todesfälle schauen lassen, die mit der WM zu tun hatten“, berichtet Wesemüller. „Bei 18 davon wurde keine detaillierte Todesursache angegeben – man kann also überhaupt nicht sagen, ob sie mit der Arbeit zu tun hatten.“

Der Verdacht liegt nahe, dass Todesfälle auf WM-Baustellen verschleiert wurden. Weder Katar noch die FIFA haben ein Interesse an einer hohen Zahl von Todesfällen, die mit der WM in Verbindung stehen.

Der Weltverband komme weiterhin seiner Verantwortung nicht nach. „Wir geben nicht auf und werden weiter Druck auf die FIFA machen“, sagt Wesemüller. „Die FIFA läuft Gefahr, die Chance zu verpassen, diese WM doch noch mit einem positiven Vermächtnis der Entschädigung zu versehen.“ 

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Will der Weltverband überhaupt Verantwortung übernehmen und Treiber für Reformen in Katar sein? „Die Diskussion um die One-Love-Armbinde hat uns gezeigt“, so Wesemüller, „dass die FIFA sehr viel Zeit darauf verwendet hat, ein Zeichen gegen Diskriminierung zu verhindern, anstatt sich genauso intensiv um das wichtige Thema Entschädigung zu kümmern.“

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