Johannes Bitter war bei seinem Comeback-Turnier ein starker Rückhalt im Tor.
  • Johannes Bitter war bei seinem Comeback-Turnier ein starker Rückhalt im Tor.
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Riesen-Coup, Größenwahn, Alkohol-Eklat: Die Gewinner und Verlierer der Handball-EM

Ende gut, alles gut? Mit Platz fünf haben Deutschlands Handballer bei der EM einen versöhnlichen Abschluss eines schwierigen Turniers feiern können. Es bleibt dennoch das Gefühl, dass trotz der personellen Ausfälle vor dem umstrittenen Drei-Länder-Turnier mehr drin war für die Mannschaft von Bundestrainer Christian Prokop. Die MOPO nennt die großen Gewinner und Verlierer dieser EM – nicht nur im deutschen Team.

DIE GEWINNER:

Johannes Bitter: Der 37-jährige Hamburger war ein Gewinn für die Mannschaft – längst nicht nur sportlich. Neun Jahre nach seinem letzten Einsatz für den DHB fand der Keeper vom TVB Stuttgart zunächst schwer ins Turnier, glänzte dann in der Hauptrunde, wo er zweimal zum „Man of the Match“ gekürt wurde und hielt auch in der Schlussphase des Spiels um Platz fünf den Sieg fest. Führungsspieler, Publikumsliebling. Seine Nominierung: ein Riesen-Coup! Der 2,05-Meter-Hüne ist absolut ein Mann für die nächsten zwei, drei Turniere – Olympia-Quali im April inklusive.

Hendrik Pekeler: Der Kieler ist am Finaltag als bester Abwehrspieler (und als einziger DHB-Akteur) ins „All Star Team“ der EM gewählt worden. Pekeler war vor allem in der zweiten Phase des Turniers Fels in der Brandung, ging auf dem Parkett und abseits voran, trotzte seinen anhaltenden Achillessehnenbeschwerden und lebte den vielzitierten Teamgeist vor. Auch im Angriff stark (15 Tore bei 15 Versuchen). Der Kreisläufer ist ein meinungsstarker Wortführer, der Klartext (siehe die Kritik an Daniel Stephan) nicht scheut. Die Kapitänsrolle ist überfällig – auch wenn „Peke“ die Binde nicht braucht. Es wäre das richtige Signal. Aber nicht vor der Olympia-Qualifikation im April in Berlin. Das würde zu viel Unruhe stiften.

Timo Kastening: Der Senkrechtstarter. In der Vorrunde war Bundestrainer Christian Prokop kurzzeitig sogar der Name des EM-Debütanten entfallen, jetzt kennt ihn die ganze Handballwelt. Der blitz- und gedankenschnelle Rechtsaußen aus Hannover schnappte Tobias Reichmann früh den Stammplatz weg und war mit 27 Toren bester DHB-Werfer im Turnier (neben Julius Kühn).

Philipp Weber: In der Vergangenheit ein Sorgenkind, gilt der Leipziger jetzt als Hoffnungsträger für die Operation Olympia. Der 27-Jährige war bester deutscher Rückraumspieler der EM. Zeigte endlich auch im DHB-Dress sein Potenzial und übernahm Verantwortung. Torgefährlich, aber auch spielstark und als Lenker auf der Mitte überzeugend.

Christian Prokop: Der Bundestrainer stand während der Handball-EM schwer in der Kritik

Bundestrainer Christian Prokop geht aus der zwischenzeitlichen Diskussion um seine Person gestärkt hervor.

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Christian Prokop: Ja, die Mannschaft hat bei seinem dritten Turnier zum zweiten Mal das selbstgesteckte (und angesichts einiger Ausfälle hohe) Ziel Halbfinale verpasst. Aber aus der Diskussion um seine Person nach dem vorzeitig besiegelten Aus für den Medaillenkampf geht Prokop gestärkt hervor. Weil sich viele Spieler so demonstrativ wie nie hinter den Coach stellten und weil der 41-Jährige dem öffentlichen Druck standhielt. Die Episode hat Trainer und Team enger zusammengeschweißt. Gut möglich, dass DHB-Vizepräsident Bob Hanning genau das bezwecken wollte, als er nach der Niederlage gegen Kroatien sagte, dass sich in den verbleibenden EM-Spielen zeigen müsse, dass Team und Trainer auf einer Linie sind und die Spieler dem Coach weiter folgen.

Deutsch-kroatische Kulisse: Die wohl beste Stimmung bei dieser EM gab es beim Hauptrunden-Krimi zwischen Deutschland und Kroatien in Wien. Gefühlt 5000 frenetische kroatische Fans und 4000 lautstarke deutsche Anhänger in der mit 10.000 Zuschauern prall gefüllten Stadthalle boten eine hochemotionale Kulisse, die eines Finals würdig war.  

Portugal: Die Entdeckung des Turniers. Der Außenseiter avancierte zum Favoriten-Schreck, warf die Medaillen-Kandidaten Frankreich und Schweden raus, spielte einen mutigen und erfrischenden Handball und landete bei seiner ersten EM-Teilnahme seit 2006 auf Platz sechs. Der Erfolg der portugiesischen Auswahl, deren Spieler größtenteils beim FC Porto unter Vertrag stehen, dürfte keine Eintagsfliege sein. Bei den EM-Turnieren der U19, U20 und U21 war Portugal jeweils Halbfinalist.

Spanien: Die „alten Säcke“ haben es wieder getan! Trotz diverser Leistungsträger jenseits der 30 haben die Spanier ihren Titel verteidigt. Ihre Serie bei Europameisterschaften ist verdammt stark. 2012 Vierter, 2014 Dritter, 2016 Zweiter, 2018 Europameister, 2020 Europameister. Hut ab! 

THW Kiel: Die beiden herausragenden Spieler bei dieser EM waren Domagoj Duvnjak (Kroatien) und Sander Sagosen (Norwegen) – und ab Sommer gehen beide gemeinsam für den THW auf Tore- und Titeljagd. Kiels Superstar Duvnjak wurde zum „MVP“ des Turniers gekürt. Sagosen, der noch für Paris Saint-Germain spielt, war mit 65 Treffern Toptorschütze – das ist zugleich EM-Rekord.    

 

DIE VERLIERER:

DHB-Rückraum: Das Krisengebiet der deutschen Mannschaft. Von Philipp Weber einmal abgesehen kam aus dem Rückraum zu wenig. Weder der sporadisch starke Julius Kühn, noch Paul Drux, Kai Häfner oder Fabian Böhm konnten über die gesamte EM-Dauer überzeugen. Die aufgrund der vielen verletzungsbedingten Absagen vor Turnierbeginn in den Kader gerutschten EM-Debütanten David Schmidt und Marian Michalczik waren eindeutig überfordert. In den Top-Spielen gegen Spanien und Kroatien, den einzigen Niederlagen bei dieser EM, gelangen den sechs eingesetzten Rückraumspielern gemeinsam jeweils nur elf Treffer. „Im Rückraum haben wir das größte Potenzial. Da können und müssen wir viel besser werden, sonst bekommen wir Probleme“, betont DHB-Vize Bob Hanning.

Uwe Gensheimer: der Kapitän des DHB-Teams konnte bei der EM zu selten glänzen.

Uwe Gensheimer spielte kein gutes Turnier – mal wieder. „Ich kann es besser.“

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Uwe Gensheimer: Der 33-Jährige gilt als bester Linksaußen der Welt und einziger echter Weltklassespieler im DHB-Team. Und wieder spielte der gerade bei jungen Fans beliebte Ballkünstler ein durchschnittliches Turnier und wurde zudem im Verlauf der EM von Tobias Reichmann als Siebenmeterschütze Nummer eins abgelöst. „Ich denke, dass ich viel besser spielen kann“, lautete Gensheimers EM-Fazit. Vielleicht hilft es, wenn er die Kapitänsbinde abgibt.

Schweden-Quartett: Nach der erfolgreichen Qualifikation für die Hauptrunde gingen Mannschaftskapitän Jim Gottfridsson, Lukas Nilsson, Ex-HSV-Kreisläufer Andreas Nilsson und Kim Ekdahl Du Rietz in einer Bar einen trinken. Dem Vernehmen nach nicht viel, aber dennoch ohne Erlaubnis. Die Story sorgte für Wirbel und Diskussionen über die Vorbildfunktion von Sportlern im Land des Co-Gastgebers – und wurde mit dem Debakel im darauffolgenden Spiel vor heimischer Kulisse gegen Portugal (25:35) endgültig zum Bumerang.

Dänemark: Der amtierende Weltmeister, Olympiasieger von 2016 und heißeste Gold-Favorit schied bereits in der Vorrunde aus, weil Topstars wie der amtierende Welthandballer Mikkel Hansen zum Teil weit von ihrer Bestform entfernt waren.

Gigantismus: Größer, weiter – besser? Der Europäische Handball Verband EHF ist auf Expansionskurs. Das umstrittene Konzept einer Drei-Länder-EM im Zuge der Erweiterung des Teilnehmerfeldes von 16 auf 24 Teams ist aber kein Gewinn. Für die Mannschaften und viele Fans bedeuteten die Austragungsorte Norwegen, Schweden und Österreich weite Wege, Strapazen für Körper und Geldbeutel. Zwar war der Zuschauerzuspruch an den Vor- und Hauptrunden-Spielorten gut, aber ein echtes Turnier-Gefühl stellte sich nie ein.

Zudem rächte sich der Gigantismus, das Finalwochenende in einem Fußballstadion mit 22.000 Plätzen auszutragen. Im Finale waren es immerhin 17.800 Zuschauer. Zum Halbfinale kamen trotz Beteiligung der Norweger 16.500 Zuschauer, zum Spiel um Platz drei 13.000 und zur Partie um Platz fünf des DHB-Teams gegen Portugal verloren sich 6000 Zuschauer in der riesigen Arena. Eigentlich tolle Zahlen, aber angesichts Tausender leerer Plätze sieht der Handball da unnötig schlecht aus. Die Veranstalter hatten auf eine Halbfinal-Teilnahme der Dänen und Schweden spekuliert – und sich verzockt. Alles in allem gilt für diese EM: weniger ist mehr.

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