Auf Abstand: Nicht nur bildlich gibt es eine Distanz zwischen Trainer Jos Luhukay und seinen Profis.
  • Auf Abstand: Nicht nur bildlich gibt es eine Distanz zwischen Trainer Jos Luhukay und seinen Profis.
  • Foto: Imago/Markus Gilliar

Kommentar: Luhukay-Aus bei St. Pauli ist richtig, aber nicht die Lösung

Das Aus von Jos Luhukay beim FC St. Pauli ist noch nicht beschlossene Sache, denn die Entscheidung ist noch nicht durch die Gremien abgesegnet, aber sie wird als unumgänglich angesehen. Beim Kiezklub gibt es einen Konsens der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes, dass es keine Basis für eine künftige vertrauensvolle und erfolgreiche Zusammenarbeit gibt. Luhukays vorzeitiger Abschied nach Saisonende ist ein nötiger Schritt – aber längst nicht die Lösung aller Probleme.

Das Modell Luhukay hat nicht funktioniert. Die Tabelle, der aktuelle Punktestand, der Punkteschnitt des Trainers, die Stimmung in der Mannschaft, im Team drumherum und auch im ganzen Verein ist Ausweis genug – vom Anhang der Braun-Weißen ganz zu schweigen.

Richtige Idee, richtiges Ziel – falscher Mann für den Job, falsche Gangart.

Jos Luhukay: Falscher Mann für die richtige Idee

Das müssen sich auch Präsident Oke Göttlich und die Führungsetage ankreiden lassen, die bei der euphorisch gefeierten Verpflichtung Luhukays dessen durchaus bekannte Defizite bei Kommunikation und Menschenführung außer Acht gelassen und dem Coach – vielleicht auch im Überschwang beider Derbysiege – nicht früher mehr oder weniger behutsam Grenzen gesetzt haben.

Das könnte Sie auch interessieren: FC St. Pauli trennt sich von Jos Luhukay

Bei der Verpflichtung des 57-Jährigen hatte man womöglich zu sehr auf die Einschätzungen von Luhukays größtem Fürsprecher vertraut: Andreas Rettig, der im September als Geschäftsführer abgedankt hat und dessen Wirken man bei allen Verdiensten durchaus auch kritisch sieht.

Andreas Rettig hatte sich für Luhukay stark gemacht

Dazu muss man wissen, dass Luhukay vor seiner Verpflichtung schon mehrfach bei St. Pauli auf dem Zettel gestanden hatte. Die Gelegenheit, ihn endlich bekommen zu können, hat im April 2019 womöglich den Blick darauf verstellt, dass Luhukay zu diesem Zeitpunkt schon vier Jahre lang nicht mehr wirklich erfolgreich als Trainer gearbeitet hatte und zunehmend ungeduldiger wurde beim Versuch, an seine besten Zeiten anzuknüpfen, wie Menschen berichten, die ihn länger kennen.

Der Kiezklub will auch mit einem neuen Trainer den vereinbarten Weg der Veränderung weitergehen, um nach Jahren des Stillstandes wieder sportlich erfolgreich zu sein.

FC St. Pauli: Auch die Mannschaft ist verantwortlich

Intern ist man sich einig, dass nach dieser enttäuschenden Spielzeit nicht nur auf der Trainerposition, sondern auch bei der Mannschaft Konsequenzen gezogen werden müssen, auch personeller Art.

Den Grundgedanken, beim FC St. Pauli endlich den Leistungssportgedanken und Professionalität in den Vordergrund zu rücken, gesunden Konkurrenzkampf zu fordern und zu fördern, sportlichen Ehrgeiz zu wecken und Spieler mit Ambitionen zu stärken oder zu verpflichten, denen es nicht genügt, alle 14 Tage vor 30 000 Zuschauern in Liga zwei zu kicken – diesen Grundgedanken will die Vereinsführung um Göttlich weiter vorantreiben.

Oke Göttlich will Leistungsgedanken vorantreiben

Luhukay hatte verkrustete Strukturen aufbrechen sollen. Die Klubbosse hatten dabei so etwas wie Grundsanierung und Neuaufbau der Mannschaft im Sinn. Luhukay ging zwar mit dem Selbstverständnis eines Star-Architekten zu Werke, agierte aber allzu oft wie ein Ein-Mann-Abrissunternehmen. Kaum ein Stein liegt noch auf dem anderen.

Der ebenso ehrgeizige wie eigensinnige Niederländer, lautet ein Vorwurf, habe zunehmend Augenmaß, Vertrauen, Geduld und letztlich auch die Übersicht auf das große Ganze verloren und insbesondere in den vergangenen zwei Wochen nicht mehr im Interesse des Vereins gehandelt, sondern im eigenen – und das im Harakiri-Stil.

Jos Luhukay agierte zuletzt im Harakiri-Stil

Der neue Coach fängt quasi bei null an. Er wird alles andere als eine funktionierende Mannschaft und einen ausgewogenen Kader vorfinden. Der Umbau des Teams war, ist und bleibt eine Herkulesaufgabe. Luhukays permanente Formationswechsel und die Demontage einiger Akteure haben die Probleme eher verschärft.

Intern wird (wie schon vor Luhukays Verpflichtung) beklagt, dass zu viele Spieler mit langfristigen und gut dotierten Verträgen zu oft verletzt sind oder zu selten die Leistung bringen, die man erwarten können muss.

Mannschaftsgefüge bei St. Pauli passt nicht

Die Schnittmenge zwischen Leistungsträgern und Topverdienern sei bei weitem nicht so groß wie sie sein sollte, um dauerhaft sportlich erfolgreich sein und oben mitspielen zu können. Gleiches gelte für die Schnittmenge zwischen Leistungsträgern und Wortführern.

Auch viele Fans, die die Trennung von Luhukay für richtig halten, verweisen darauf, dass auch die Spieler ihren Anteil an der Misere haben – und das nicht erst seit einem Jahr.

Luhukay-Nachfolger braucht Härte und Empathie

St. Pauli sucht nun einen Trainer, bei dem sich ein klarer Plan, konsequentes Handeln, die nötige Härte, aber auch viel Herz, Empathie und psychologisches Gespür nicht ausschließen. Einen konstruktiven Kritiker und optimistischen Realisten, der ein gesundes Reizklima schafft und kein ungesundes. Der dabei die Werte des Kiezklubs immer im Blick hat.

Damit sportlicher Erfolg gedeihen kann, muss wiederum der Verein ein Klima schaffen, in dem ein Spieler das Gefühl hat, dass es beim FC St. Pauli nicht auch, sondern in erster Linie um Fußball geht.

Email
Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp