Seeler und Bähre
  • Freunde fürs Leben: Uwe Seeler und Harry Bähre 2016
  • Foto: WITTERS

Seelers Freund Harry Bähre: „Uwe ist der größte Botschafter Hamburgs“

„Uns Uwe“ Seeler – keiner kennt ihn besser als seine geliebte Ehefrau Ilka, mit der er nun seit 62 Jahren glücklich verheiratet ist, drei Töchter hat. Aber auch Harry Bähre (80) weiß genau, was Hamburgs ewigen Vorzeige-Fußballer Nummer eins ausmacht, warum er so ist, wie er ist. Der ehemalige HSV-Kollege, bei der Einführung der Bundesliga 1963 mit der legendären Passnummer 001 ausgestattet, schildert exklusiv in der MOPO zum 85. Geburtstag seines Freundes am 5. November: „Darum ist mein Uwe so beliebt.“

Ich kenne Uwe seit 63 Jahren. Wir sind relativ schnell Freunde geworden. Lustig: Ich habe ihn bereits als Balljungen am Rothenbaum-Sportplatz bewundert. Und als ich das erste Mal mit ihm zusammen trainieren durfte, habe ich ihn – wie auch fast alle anderen Spieler – gesiezt. Das fand Uwe gar nicht witzig, er sagte: „Wir spielen zusammen Fußball, da sagen wir ‚Du‘ zueinander.“

Harry Bähre (unten, ganz links) und Uwe Seeler (Mitte, 2. von rechts) und das HSV-Team 1961/62

Harry Bähre: Ich kenne Uwe Seeler seit 63 Jahren

Ich war als Nachfolger des großartigen Klaus Stürmer vorgesehen, war ziemlich aufgeregt, mit ihm und den anderen HSV-Größen wie Jupp Posipal, Jürgen Werner oder Jochen Meinke in einer Mannschaft zu sein. Schnell merkte ich, warum Uwe so erfolgreich war: Neben seinem Talent war er auch noch extrem ehrgeizig, wollte sich immer verbessern. Als die meisten schon nach dem Training geduscht waren und das Gelände verließen, übte Uwe immer noch am Kopfballpendel.

Seeler
Beginn der Bundesliga-Zeit: Harry Bähre und Uwe Seeler begrüßen den Gegner aus Münster.

In der Hierarchie der Mannschaft war ich anfangs ganz unten. Ich war deshalb natürlich immer bereit, die Koffer mit den Klamotten und Schuhen zu tragen. Wie die anderen älteren Spieler sah Uwe meinen guten Willen und war sich auch selbst nicht zu schade, sich die Koffer zu schnappen. Manchmal nahm er auch zwei und erklärte augenzwinkernd: „Sonst sind meine Arme unterschiedlich lang.“

Viele schwärmen zurecht von seinem Hinterkopftor bei der WM 1970 In Mexiko gegen England. Ein Treffer hat mich aber fast noch mehr begeistert. Beim 4:4 am 20. November 1963 im Europapokal der Pokalsieger in Barcelona sprintete er entschlossen in eine Flanke von Fritz Boyens und rammte den Ball mit einem wuchtigen Flugkopfball in die Maschen – so was hatte ich bis dato noch nie gesehen.

HSV-Legende Harry Bähre: Uwe war nicht immer der nette Herr Seeler

Uwe war immer gut drauf, immer freundlich, scherzte mit uns in der Kabine und bei Feiern. Aber eines muss man wissen: Auf dem Platz war er nicht immer der nette Herr Seeler. Da war er ein anderer Mensch. Sein Ehrgeiz war grenzenlos, er war ein Sieger-Typ und wollte nicht verlieren. Wenn etwas nicht klappte, kam er mit puterrotem Kopf und beschimpfte uns. Einmal kam er nach hinten gerannt und moserte angesäuert herum. Da bekam er Zoff mit seinem Bruder Dieter, der zurückpöbelte: „Dicker, sieh‘ zu, dass du vorne die Dinger reinmachst. Hinten machen wir das schon.“ Vor Dieter hatte er großen Respekt, trollte sich dann. Hinterher entschuldigte er sich oft bei der Mannschaft: „Tut mir leid, aber ich wollte doch nur mit euch zusammen gewinnen.“

HSV
Harry Bähre (M.) und Uwe Seeler 1964 gegen Kölns Hannes Löhr

Was viele übrigens nicht wissen: Uwe hat sich oft nicht draußen auf dem Platz, sondern unter der Dusche mit Gymnastik und Sprungübungen warmgemacht.

Harry Bähre: Bierverbot bei Papa Old Erwin Seeler

Auch zu seinem Papa Old Erwin schaute er auf. Der hatte Uwe in Sachen Beharrlichkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit geprägt. Schon früh durfte ich mit zu den Seelers nach Hause. Mama Anni hat dann auf Bestellung Königsberger Klopse oder Hamburger Gurkenfleisch für uns gemacht. Als ich einmal zu spät zum Essen in die Bismarckstraße kam, wurde ich von Vadder bestraft. Um mich zu erziehen, bekam ich keine Flasche Bier, die es sonst immer am Tisch gab. Bis heute darf ich bei Uwe nicht zu spät kommen, dann zischt er mich an: „Bähre, was ist los mit dir?“

HSV
Keine einfache Zeit: HSV-Präsident Uwe Seeler und Vize Harry Bähre

Ansonsten ist es zwischen uns stets innig. Er ist sehr aufmerksam, hat meinen Geburtstag noch nie vergessen, ruft immer als einer der Ersten an. Er weiß sogar, dass ich vor zehn Uhr nicht ans Telefon gehe.

Für seine Geduld im Umgang mit seinen Fans bewundere ich ihn. Er schreibt sich die Finger wund, gestattet Fotos und lässt keinen stehen. Er kann nicht Nein sagen. Ich denke oft: Es ist doch nicht normal, dass Uwe so normal ist. 

Seelers Freund Harry Bähre: „Uwe ist der größte Botschafter Hamburgs“

Noch heute bekommt er Autogrammpost aus aller Welt, sogar aus Russland und China. Weil ich früher als Lithograf mein Geld verdient habe, statte ich Uwe mit speziellen Autogrammkarten aus. Unterschriften vom Dicken sind immer noch so begehrt, dass ich manchmal mit dem Nachschub Probleme habe.

Uwe ist der größte Botschafter Hamburgs, was ich auf meinen Reisen in alle Welt stets gespürt habe, und auch des HSV. Ohne ihn hätte es das heutige Volksparkstadion, zumindest zum damaligen Zeitpunkt, nicht gegeben. Ich bin stolz darauf, dass Uwe mein Freund ist und freue mich auf alles, was noch vor uns liegt.

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