• Im Express-Kommentar erklärt, Reiner Calmund wie die Bundesliga seiner Meinung nach weitergehen könnte und welche Szenarien realistisch seien.

Gast-Kommentar von Calmund: Jetzt muss man den Fußballern auf die Finger schauen

Köln –

Am Donnerstag schalten sich die 36 Vertreter der Profi-Vereine wieder zu einer Videokonferenz zusammen. In der Vollversammlung geht es darum, die Details für den Neustart der Bundesliga mit Geisterspielen zu klären. Von der Politik gab es grünes Licht für die Fortsetzung der Liga ab dem 9. Mai. (Hier lesen Sie mehr)

Kritiker führen aber auf, dass bis Saisonende rund 20.000 Corona-Schnelltests nötig sind, um Spieler, Trainer und Betreuer alle drei Tage zu testen und bemängeln die Sonderrolle des Profi-Fußballs. Der frühere Bundesliga-Topmanager Reiner Calmund (71) hat seine Meinung dazu für EXPRESS in einer Gast-Kolumne verfasst.

Reiner Calmund: „Sehe für den Start absolut realistische Chancen“

Es geht jetzt darum, wie man die Nummer wieder ans Laufen bekommt. Die Aussagen der Politiker sind ein wunderbares Geschenk für alle Fußball-Fans, bedeuten aber auch eine Verpflichtung. Ich sehe für den Start absolut realistische Chancen.

Die Szenarien für den Spiel- und Trainingsbetrieb mit besonderer Achtung auf Hygiene und Gesundheit können alle Klubs in den ersten beiden Ligen mit hochqualifizierten Medizinern und Personal leisten. Der innere Zirkel ist mit 50 oder maximal 100 Personen – Management, Trainer, Mediziner, Physiotherapeuten, Spieler, Betreuer und Sicherheitskräfte – übersichtlich und organisatorisch gut zu führen. Erfahrene Ärzte haben mir erklärt, dass man diesen Personenkreis medizinisch und logistisch mit eigenen Ressourcen regelmäßig kontrollieren kann. 

Reiner Calmund: Behauptungen zu Tests sind nicht haltbar

Dr. Karl-Heinrich Dittmar, medizinischer Direktor von Bayer 04 Leverkusen und schon seit einigen Jahren Pandemie-Beauftragter, sieht genau wie die medizinische Task-Force von DFB und DFL keine Probleme in der Umsetzung der notwendigen Maßnahmen, insbesondere muss niemand außerhalb des Fußballs auf Tests verzichten.

Allerdings sind die Vereine nun auch verpflichtet, den Spielern im Privatbereich genau auf die Finger zu schauen. Hundertprozentige Disziplin ist da vonnöten. Vielleicht kann sogar mit einer Handy-Ortung überprüft werden, ob sich die Spieler daran halten, keinen Kontakt zu anderen Personen zu haben. Ich verstehe auch die Ultras, dass sie gerne im Stadion wären und Geisterspiele ablehnen. Auch ich schaue Spiele lieber live als vor der Glotze. Aber vorerst geht es einfach nicht anders.

Reiner Calmund: „Klar ist: Alle wollen das!“

Am Ende ist das alles kein Machtspiel, keine Frage, welcher Verbands-Funktionär oder Politiker sich mit seiner Position durchsetzt. Es geht hier nicht um persönliche Eitelkeiten oder Wahlkampf.

Ich bin den Ministerpräsidenten Armin Laschet, Markus Söder und unserem Gesundheitsminister Jens Spahn dankbar für das Vertrauen in den Profi-Fußball. Verantwortliche in der Regierung treffen zwar letztlich die Entscheidungen, doch alle sind in erster Linie vom Urteil der Virologen, Wissenschaftler und Experten abhängig.

DFL-Chef Christian Seifert zeigt, dass er nicht nur gute TV-Verträge aushandeln kann, er ist in dieser schwierigen Krise ein zuverlässiger Fels in der Brandung. Nur wenn es vertretbar ist, gibt es grünes Licht für die Geisterspiele.

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Klar ist: Die übergroße Mehrheit aller, die den Fußball lieben, will das! Man sollte es sich nicht so einfach machen, den Profi-Fußball mit anderen Sportarten in einen Topf zu werfen.

Ich zähle auch zu den 40 Millionen Fußballfans in Deutschland, ebenso zu den 20 Millionen, die an jedem Spieltag Bundesliga und 2. Liga bei Sky, ARD, ZDF, RTL und auf vielen Regional- bzw. Sport-Kanälen verfolgen. Das ist ein riesiger Unterhaltungsdampfer, der im Gegensatz zu anderen Genres in der Unterhaltung ein komplettes Jahr unter Dampf steht.

Reiner Calmund sehnt sich nach Fußball

Man sollte auch nicht außer Acht lassen, dass die 36 Profi-Klubs pro Jahr rund 1,4 Milliarden Euro an das Finanzamt sowie die Sozial- und Unfallversicherungen abführen. Auch ich sehne mich nach dem Fußball, selbst auf Geisterspiele, von denen ich früher absolut kein Fan war, freue ich mich nun.

Anders sieht die Lage in der 3. Liga und in den fünf Regionalligen aus. Bei Geisterspielen fallen die benötigten Zuschauer-Einnahmen und das derzeit gezahlte Kurzarbeiter-Geld weg, trotzdem werden sechsstellige Organisationskosten für die restliche Saison fällig.

Allein die 3. Liga müsste rund 20 Millionen Euro Verlust an Zuschauer-Einnahmen kompensieren. Ein Weiterspielen kann man daher wie ein „Russisches Roulett“ betrachten, wonach am Ende sicher vielen Klubs auch noch die Insolvenz droht.

Reiner Calmund: Das ist sein Vorschlag

Mein persönlicher Vorschlag: Der DFB muss mit seinen Vereinen genau überprüfen, ob man eine Fortsetzung wirtschaftlich vertreten kann. Bei einem Abbruch gibt es dann zwei Aufsteiger und einen Relegations-Teilnehmer für die Zweite Liga. Die 3. Liga würde einschließlich der fünf Regionalliga-Aufsteiger aus 25 Vereinen bestehen.

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Eine denkbare Alternative wäre auch, aus jeder Regionalliga einen weiteren Klub aufsteigen zu lassen und damit eine zweigleisige 3. Liga Nord und Süd zu installieren. Sollten von den 25 sportlich qualifizierten Klubs einige keine Lizenz bekommen, wäre auch weiter eine eingleisige 3. Liga möglich. DFB und DFL haben aufgrund der Corona-Krise zwar Erleichterungen im Lizenzierungs-Verfahren zugesagt, doch das muss nicht heißen: freie Fahrt für alle Vereine…“ 

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