St. Pauli-Trainer Timo Schultz und Sportchef Andreas Bornemann
  • St. Pauli-Trainer Timo Schultz und Sportchef Andreas Bornemann
  • Foto: imago images/Sven Simon

Schlaflose Nächte bei St. Pauli: So ziehen Schultz und Bornemann Bilanz

Endlich Sommerpause. Die Freude auf den Urlaub ist allerdings getrübt. Die 0:3-Pleite in Regensburg, die dem FC St. Pauli einen Niederlagen-Hattrick zum Saisonende und ein Abrutschen auf Platz zehn bescherte, sorgt für ein kleines Stimmungstief nach dem wochenlangen Höhenflug. In ihrer großen Saisonbilanz ziehen Trainer Timo Schultz (43) und Sportchef Andreas Bornemann (49) dennoch ein positives Fazit der denkwürdigen Spielzeit, blicken zurück und voraus, und sprechen über…

… den enttäuschenden Schlusspunkt: Schultz war nach der 13. Niederlage der Saison angefressen, sie sei ein „fader Beigeschmack“ und sorge für ein „schlechtes Gefühl“. Der Coach konstatiert: „Wenn wir nicht am Anschlag sind – das muss man ganz klar festhalten – dann haben wir Probleme mit jeder Mannschaft der Liga. Das haben die letzten Spiele auch schon verdeutlicht.“

… die Gesamtbilanz der Spielzeit: Ein vielversprechender Start, ein dramatischer Absturz, Abstiegsangst, sportliche Auferstehung, Höhenflug und teilweise spektakulärer Fußball. Bornemann spricht von einer „sehr aufregenden“ und auch „besonderen Saison“. Schultz stellt bei allem Ärger über den Abschluss die grundsätzlich bärenstarke Rückrunde in den Vordergrund. „Auf das, was wir seit Januar geschafft haben, können wir stolz sein.“ Als gesamter Verein, betont der Coach. „Es zeichnet uns als Verein aus, dass wir auch in so schweren Phasen zusammenhalten und es dann auch meistern.“

St. Pauli-Trainer Schultz hatte im Dezember schlaflose Nächte

… die mentale Belastung in der Krise: Zwischen dem 7. und 16. Spieltag stand St. Pauli auf Rang 17, war zwischenzeitlich 13 Spiele in Serie ohne Sieg. „Harte Wochen“, so Bornemann. Auch für den Coach. „Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich Sachen relativ gut und emotionslos einordnen kann, auch wenn ich mal aus der Haut fahre“, sagt Schultz. Er mache „aber kein Hehl daraus, dass die Zeit im Dezember mit einigen schlaflosen Nächten und mit Magengrummeln verbunden war. Ich habe versucht, immer nüchtern zu bleiben, zu analysieren und bei mir zu bleiben.“ In der Krise sei er gewachsen. „Andreas hat im Februar gesagt, dass mir diese sechs Wochen für meine Karriere vielleicht mehr gebracht haben als meine gesamte Trainerausbildung. Es war ‘real life‘.“

… wichtige Veränderungen im Winter: Ein härterer Kurs mit Sanktionen habe nicht eingeschlagen werden müssen, denn mangelnde Einstellung sei nicht das Problem gewesen. „Was Fleiß und Disziplin angeht, habe ich schon eine kleine Streber-Mannschaft“, sagt Schultz. Es sei vielmehr an vielen Stellschrauben gedreht worden. So habe man den Spielern auf dem Trainingsgelände Frühstücksangebote gemacht, die Pflege-Maßnahmen optimiert oder Vor- und Nachbereitung der Spiele noch intensiver und individueller gestaltet.

So denkt Bornemann heute über das Aus für St. Pauli-Keeper Himmelmann

… harte Personalentscheidungen: Die krasseste Veränderung war die Trennung vom langjährigen Keeper Robin Himmelmann im Winter, die für Wirbel und bei vielen Fans für Unmut sorgte. Rückblickend sagt Bornemann: „Ich finde, wir haben es sehr fair gemacht.“ Man sei dem Torwart gegenüber immer offen und ehrlich gewesen. „Dass wir uns große Vorwürfe machen oder machen lassen müssen, sehe ich nicht so.“ Schultz spricht von einer „ganz klar sportlichen“ Entscheidung. „Wir wollten das Beste für den Verein. Wenn man die Rückrunde anschaut, dann war die Entscheidung nicht die schlechteste.“ Von Vereinsseite habe man „keine schmutzige Wäsche gewaschen“.

… körperliche Qualen: Mit Grausen erinnert sich Schultz an den Nierenstein, der ihn beim ohnehin denkwürdigen Auswärtssieg in Heidenheim (4:3) plagte. „Das waren wirklich brutale Schmerzen.“ Die Schmerzmittel, verrät Schultz, hätten seine Wahrnehmung auf der Bank beeinträchtigt. „Ich musste mir das danach noch mal angucken, weil ich so zugedröhnt war.“ An diese Episode werde er „noch ganz, ganz lange zurückdenken“.

„Beschwerde“ bei Schultz: „Das ist nicht mehr mein St. Pauli!“

… den größten Spaß-Moment: Für Schultz steht eine amüsante Anekdote, die er als ein persönliches Highlight nennt, auch für die Entwicklung der Kiezkicker. Nach dem starken 3:1-Sieg in Aue im April habe er eine WhatsApp von „einem langjährigen Freund und ehemaligen Mitspieler“ bekommen. Dessen Botschaft: „Das ist nicht mehr mein St. Pauli!“ Ein Kompliment. Auch er selbst habe angesichts mehrerer beeindruckender Auftritte des Teams hintereinander gedacht: „So eine coole und perspektivisch starke Mannschaft habe ich bei St. Pauli lange nicht spielen sehen.“

… die Philosophie: „Wir wollen ein Stück weit ein Verbesserer-Verein sein“, formuliert Schultz den Ansatz des Trainerteams. „Wir wollen uns verbessern, aber auch die Jungs – und das nicht nur beim Fußballspielen.“

… die Stärke und Struktur der Mannschaft:In der jetzigen Zusammensetzung wird St. Pauli nie wieder spielen. Einige Leistungsträger, allen voran Leihspieler Rodrigo Zalazar, verlassen den Verein. Trotzdem betont Schultz: „Die Basis, das Gerüst der Mannschaft, ist schon sehr stabil. Wenn wir da noch ein paar i-Tüpfelchen personeller Art draufsetzen können, haben wir eine starke Mannschaft.“ Besonders wichtig sei es, einen guten Ersatz für die Zalazar-Position zu finden. Sein Abgang ist der sportlich schwerste Verlust.

Schultz freut sich auf St. Pauli in einer „mega-attraktiven Liga“

… Chancen, Ambitionen, Ziele in der neuen Saison:Auch aufgrund der Abgänge von Leistungsträgern tut sich Schultz schwer, St. Pauli einzuordnen, schon gar nicht in die Gruppe der Aufstiegskandidaten. „Es werden fünf, sechs Big Player in der Liga sein, die ganz andere Etats und einen ganz anderen Anspruch haben“, gibt er zu bedenken. Schultz freut sich auf eine „mega-attraktive“ Liga und stellt angesichts neuer Konkurrenten wie Schalke, Werder Bremen und möglicherweise auch Köln klar: „Es wäre arrogant zu sagen, dass wir eine gewichtige Rolle oben mitspielen wollen.“ Noch dazu so früh.

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Bornemann nennt als Ziel, „deutlich besser zu starten“ als vergangene Saison und sich „auf einem gewissen Niveau zu stabilisieren“. Er warnt, es könne in dieser Liga „gefährlich sein, Erwartungen zu schüren“. St. Pauli werde „ambitioniert unterwegs“ sein.  Das mag lahm klingen, aber für die Ausrufezeichen ist erfreulicherweise neuerdings die Mannschaft zuständig.

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