Auch Daniel-Kofi Kyereh wirkte beim 0:3 gegen Hannover ratlos.
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paidLicht und Schatten: Holt St. Pauli wieder der Halbserien-Fluch ein?

Nein, 2022 ist noch nicht das Jahr des FC St. Pauli. Der mit Abstand erfolgreichste Zweitligist 2021 und strahlende Herbstmeister dieser Spielzeit punktet seit Beginn der Rückrunde wie ein Abstiegskandidat. Die Auftritte der Kiezkicker haben nur noch wenig mit dem in vielerlei Hinsicht unwiderstehlichen Fußball der überragenden Hinrunde gemein. Das sorgt für ein dunkles Déjà-vu: St. Pauli und die zwei Gesichter einer Spielzeit. 

Das alarmierende Formtief erinnert an das wahre oberste Saisonziel – das nicht Aufstieg heißt, sondern die Folge sein soll. Projekt 34. So betitelte die MOPO die Mission der Braun-Weißen vor ihrem Start in die Saison 2021/2022. Reichlich Vorschusslorbeeren hatte es gegeben nach der starken Rückrunde der vorangegangenen Spielzeit. St. Pauli wurde vielfach als Aufstiegskandidat, Aufstiegsaspirant oder Geheimfavorit bezeichnet. Durchaus zu Recht, wie die folgende Hinrunde zeigte.

FC St. Pauli spielt eine Saison nur selten konstant

Aber. Ein großes Aber. Eine Saison besteht bekanntlich aus 34 Spieltagen und läuft auch nicht von Januar bis Dezember. Beim Kiezklub kann man ein Lied davon singen, und es ist kein Party-Hit.

„Die größte Herausforderung für St. Pauli ist aber nicht der Kampf um die Spitzenplätze“, schrieb die MOPO Ende Juli 2021, „sondern eine gute Saison – eine ganze! Das klingt banal, ist für den Kiezklub aber seit Jahren ein echtes Problem.“ Holt der Halbserien-Fluch den FC St. Pauli wieder ein?

In der Rückrunden-Tabelle steht der FC St. Pauli auf Platz 15

In der Hinrunde erbeuteten Guido Burgstaller und Co. satte 36 Punkte aus 17 Spielen (2,11 Zähler pro Partie) bei einem Torverhältnis von 37:20. Tabellenplatz eins – mit sieben Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz. In der Rückrunde sind es nach sechs Spielen mickrige fünf Punkte (0,83 pro Partie) bei 8:14 Toren. Platz 15 in der Rückrundentabelle – mit einem Zähler Vorsprung auf den Relegationsplatz. 

Die Kiezkicker müssen nicht nur ihre aktuellen Probleme in den Griff bekommen und das schnellstmöglich, sondern damit auch die altbekannte Problematik der völlig unausgeglichenen Halbserien. Die Vorsaison ist noch eindrücklich im Gedächtnis – und nur eine in einer langen Reihe von (zu) vielen braun-weißen Licht-und-Schatten-Spielzeiten. 

Nur einmal hatte St. Pauli zuletzt keine starken Schwankungen

Beispiele: 2018/19 unter Trainer Markus Kauczinski waren die Kiezkicker nach der Hinrunde Vierter, stürzten dann – auch unter dem neuen Coach Jos Luhukay – total ab und waren Rückrunden-Vorletzter. In der Saison 2016/17 lag St. Pauli zur Halbzeit auf Platz 18, wurde aber dank der legendären Rekord-Rückrunde (Platz drei) am Ende Siebter. Auch die Spielzeiten 2014/15 (Hin: Platz 18/Rück: Platz 6) und 2013/14 (Platz 4/13) passen ins Muster.

Die einzige (!) Saison in den vergangenen zehn Jahren, in der St. Pauli sowohl in der Hin- als auch in der Rückrundentabelle einen einstelligen Platz belegte, ziemlich stabil agierte und punktete, war die Spielzeit 2015/16, die der Kiezklub als Vierter beendete (Hinrunden-Dritter, Rückrunden-Siebter).

St. Pauli braucht mindestens zwei Punkte pro Spiel für den Aufstieg

In der Rückschau klingen die Sätze, die Sportchef Andreas Bornemann im Juli 2021 der MOPO sagte, wie eine Mahnung: „Für uns geht es vor allem darum, mal eine komplette stabile, überzeugende und möglichst gute Saison zu spielen“, hatte Bornemann betont. „Das ist unser Ziel und unser Anspruch. Damit fängt es an. Eine Halbserie kann nie der Maßstab sein.“ Manch einer verwechselte das damals mit Understatement. Demut war definitiv im Spiel. Aus gutem Grund.

Um aufzusteigen, braucht es nicht eine überdurchschnittlich gute Halbserie, sondern zwei. Das ist nichts Neues – aber für St. Pauli wäre es etwas Neues. Eine gute zweite Hälfte ist akut in Gefahr.

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Noch kann St. Pauli die Kurve kriegen, aber es eilt. Der Turnaround ist jetzt nötig. In den verbleibenden elf Spielen muss der Punkteschnitt aller Voraussicht nach wieder auf mindestens zwei steigen, um am Saisonende mit 63 Punkten oder mehr eine realistische Chance auf einen der ersten drei Plätze zu haben. Alles andere wäre angesichts der Hinrunde, die man besser kaum spielen kann, eine Enttäuschung.