• Johann Mühlegg verbaute sich mit einem der wohl größten Doping-Skandale der Olympischen Winterspiele seine komplette Karriere.
  • Foto: imago images/Sven Simon

„Er ist nicht der Hellste gewesen“: Das wurde aus Doping-Phantom Johann Mühlegg

Der Weg Johann Mühleggs vom Jahrhundert-Talent zum größten Dopingsünder Olympischer Winterspiele ist beispiellos. Am Sonntag wird das Skilanglauf-Phantom 50.

Wie und wo Johann Mühlegg am Sonntag seinen 50. Geburtstag feiert, ist nicht bekannt. Ebenso wenig, wie der rätselhafteste und umstrittenste Skilangläufer der Geschichte heute über alles denkt. Denn Johann Mühlegg schweigt. Seit Jahren. Und vielleicht ist das auch besser so, für alle.

Mühlegg größter Dopingsünder der Olympischen Winterspiele 

Was er heute macht, ist zumindest halbwegs nachvollziehbar: Mit Immobilien handelt der gebürtige Allgäuer in der Küstenstadt Natal im Norden Brasiliens, so der letzte Stand der Dinge. Skilanglauf, das alte Leben, ist weit weg. Sein Weg vom Jahrhunderttalent zum größten Dopingsünder Olympischer Winterspiele aber wird beispiellos bleiben.

„Johann hätte die Langlauf-Welt über Jahre beherrschen können wie ein Dählie“, sagte Ex-Bundestrainer Jochen Behle einmal, als er 2017 über seinen alten Weggefährten sprach. In Lahti war das, dort wo Mühlegg 2001 Weltmeister über 50 Kilometer wurde, über diese mörderische Distanz, die er einst so unvergleichlich dominierte.

Ex-Bundestrainer Jochen Behle: „Er ist nicht der Hellste gewesen“

„Er hat so viel Begabung mitgebracht, er hat so viel verbockt“, sagte Behle, der gemeinsam mit Mühlegg lief und ihn danach kurz betreute, als jener längst nicht mehr von dieser Welt war: „Er ist nicht der Hellste gewesen. Daran ist er schließlich gescheitert.“

Mühlegg sei ein Arbeitsmonster gewesen, sagte Behle, „lief vormittags 60 Kilometer und wollte nachmittags dann richtig trainieren“. Im Deutschen Ski-Verband verzieh man ihm manche Marotte, vor allem den Hang zu Aberglaube und Übersinnlichem.

Mühlegg und sein „Retter und Führer in allen Lebenslagen“

Das Unheil begann, als Mühlegg plötzlich nur noch in Begleitung seiner portugiesischen Putzfrau auftrat. Bürgerlich hieß sie Justina Agostinho, Mühlegg nannte sie „die Gnade“, die sein „Retter und Führer in allen Lebenslagen“ sei.

Durch diese habe der „ewige Vater“ ihm mitgeteilt, dass Bundestrainer Georg Zipfel ihn verflucht habe und ihm nach dem Leben trachte, die weitere Zusammenarbeit gestaltete sich schwierig. Mühlegg reiste fortan mit von „Gnaden“-Hand geweihtem Wasser an, „die ganze Geschichte war sein Untergang“, sagte Behle.

Behle: „Er hätte gar nicht dopen müssen“

Irgendwann war Mühlegg nicht mehr tragbar, 1998 kam der Rausschmiss beim DSV, 1999 der Wechsel zum spanischen Verband. Von Grimm und Verfolgungswahn zerfressen, beginnt Mühlegg einen Kampf gegen böse Mächte.

Und wie er kämpft! In Lahti holt Mühlegg WM-Gold – mit zwei Minuten Vorsprung. 2002 rennt er bei den Winterspielen in Salt Lake City alles in Grund und Boden, Schaum vor dem Mund, der Kopf röter als sein Rennanzug. Sieg im Skiathlon, über 30 Kilometer, über 50 Kilometer – und dann Niederlage gegen die Dopingkontrolleure. „Dabei hätte er gar nicht dopen müssen, so überlegen war er“, sagt Behle.

Mühlegg mit einem der größten olympischen Skandale der Geschichte

Mühlegg gibt sich uneinsichtig. Auf die Frage, ob er wirklich gedopt habe, sagt er: „Ich warte die B-Probe ab.“ Einer der größten olympischen Skandale endet mit dem Verlust der Goldmedaillen und zwei Jahren Sperre. Mühlegg ist erledigt. Er hätte eine Legende werden können, stattdessen wird er ein Phantom.

2006 taucht er ab. Mal heißt es, Mühlegg verkaufe christliche Holzschnitzereien in Oberammergau, dann, er arbeite als Tour-Guide in Südtirol, schließlich, er sei Surf-Lehrer in Südamerika.

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Die schwedische Zeitung „Expressen“ spürt den „meistgehassten Betrüger der Skiwelt“ 2014 in Natal auf. Es existiert ein 60-sekündiger Video-Mitschnitt, wie der Mann, der früher einmal Johann Mühlegg war, die vielleicht letzte öffentliche Erklärung seines Lebens abgibt. „Ich will über das, was gewesen ist, nicht sprechen“, sagt er: „Ich habe diese Welt für immer verlassen.“ (mp/sid) 

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