DHB-Vize Bob Hanning sieht die Handball-WM in Ägypten als Turnier der Möglichkeiten.
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DHB-Vize: Das sagt Hanning zum Handball-Zoff zwischen Wolff und den Kollegen

Es wird ernst. Heute fliegen Deutschlands Handballer nach Ägypten, morgen beginnt dort die Weltmeisterschaft, Freitag steigt das erste Spiel des DHB-Teams gegen Außenseiter Uruguay. In der MOPO spricht DHB-Vizepräsident Bob Hanning (52) über ein Turnier in Corona-Zeiten und die brisanten Themen rund um die WM und das Nationalteam.

MOPO: Im Vorfeld der WM haben Sie sich vergleichsweise rar gemacht, waren auch nicht bei den Spielen gegen Österreich. Eine neue Zurückhaltung?

Hanning: Nein, das war einfach dem Faktor Zeit geschuldet. Die Corona-Situation stellt den Handball tagtäglich vor riesengroße Herausforderungen, und ich hatte als Geschäftsführer der Füchse Berlin alle Hände voll zu tun. Jetzt reise ich mit der Mannschaft nach Kairo, um mich in die Bubble zu begeben.  

Mit welchen Gefühlen gehen Sie in die WM?

In erster Linie spüre ich Vorfreude. Es ist das Turnier der Möglichkeiten – in vielerlei Hinsicht.

Inwiefern? 

Zum einen wollen und können wir den Handball über den Fernseher zu den Menschen bringen. Wir wollen in schwierigen Zeiten für gute Laune in den Wohnzimmern sorgen und mit einer charakterstarken Mannschaft im Idealfall ein großes Wir-Gefühl erzeugen. Zum anderen haben ganz viele unserer Spieler eine Chance, die sie sonst nicht bekommen hätten.

Sie sprechen von den Nachrückern, die von den Absagen oder Ausfällen prominenter Spieler profitieren?

Spieler wie Johannes Golla, Marian Michal­czik, Sebastian Firnhaber oder Juri Knorr können sich zeigen, auf dem WM-Parkett beweisen und Erfahrungen sammeln. Andere rücken jetzt mehr in den Fokus und in die Verantwortung. Es hat eine Hierarchieverschiebung gegeben.

Wie sieht die aus? Wer steht oben?

Da sind natürlich die ganz erfahrenen Spieler wie unsere Torhüter Andi Wolff, Jogi Bitter und Silvio Heinevetter, natürlich unser Kapitän Uwe Gensheimer, aber auch Paul Drux und Tobias Reichmann, die schon lange dabei sind.

Julius Kühn

Julius Kühn gehört zu den erfahreneren Spielern im deutschen WM-Aufgebot.

Foto:

imago images/Laci Perenyi

Dann gibt es etablierte Spieler wie Philipp Weber, Kai Häfner oder Julius Kühn, die stärker im Fokus stehen und mehr Verantwortung übernehmen. Die Neulinge bringen frischen Wind rein. Diese Kombination ist spannend und bietet Chancen. Das ist ein unbezahlbarer Mehrwert.  

Sind die vielen Absagen eher Vorteil als Nachteil?

Natürlich bedeutet die Absage von Topspielern einen Qualitätsverlust, keine Frage. Mittel- und langfristig gesehen ist dieser Kader aber die Vorwegnahme einer Neuausrichtung, die es nach den Olympischen Spielen wohl ohnehin gibt, wenn der eine oder andere seine Nationalmannschaftskarriere beendet. Die jetzige Konstellation ist für alle und alles eine Riesenchance.

Andreas Wolff hat sehr deutlich gesagt, was er von den Absagen hält, die er „sehr, sehr kritisch“ sieht. Das hat in der WM-Vorbereitung für Wirbel und Missstimmung gesorgt. War das nötig?

Andi ist ein sehr meinungsstarker Spieler und wir wollen ja auch meinungsstarke Spieler in der Mannschaft haben, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Das kann man nicht einerseits fordern und ihnen andererseits den Mund verbieten.

Fragwürdig ist aber der Zeitpunkt der Aussagen so kurz vor der WM, denn die Absagen-Thematik war doch eigentlich längst geklärt.  

Das ist richtig. Wir haben im Vorfeld der WM allen Spielern aufgrund der Corona-Situation freigestellt, ob sie das Turnier spielen oder nicht. Die individuellen Entscheidungen gilt es zu respektieren. Und Alfred Gislason hat auch recht, wenn er als Bundestrainer sagt, dass er eine neuerliche Diskussion jetzt nicht gebrauchen kann. Das Thema ist beendet.

Dennoch äußerte sich Wolff in einem am Montag erschienenen Interview im „Kicker“ erneut kritisch dazu und stellte die Berechtigung der Absagen in Frage …

Das Timing ist extrem ärgerlich, denn das Interview wurde vor einiger Zeit geführt, bevor die Sache intern besprochen und abgehakt wurde. Das muss man wissen. Es ist also kein neuer Vorgang. Ich finde es auch grundsätzlich nicht in Ordnung, wenn Andi Wolff jetzt an den Pranger gestellt wird. Das ist übertrieben.

Apropos mündige Spieler: 14 Teams haben sich in einer gemeinsamen Aktion beim Weltverband gegen WM-Spiele vor Zuschauern ausgesprochen – mit Erfolg. Waren Initiative und Ergebnis Ihrer Meinung nach richtig? 

Gesellschaftspolitisch ist das in der aktuellen Corona-Lage richtig und nachvollziehbar. Es ist ein Zeichen. Inhaltlich wäre meiner Meinung nach das Hygienekonzept mit einer 20-prozentigen Auslastung in Abwägung der Risiken durchführbar und tragbar gewesen. Man darf in dieser ganzen Diskussion nicht vergessen, dass die Entscheidung, die Spiele nun doch ohne Zuschauer auszutragen, für den ägyptischen Verband dramatische finanzielle Auswirkungen hat.

Wie lautet die Zielsetzung des DHB bei dieser WM?

Ich würde von drei Zielen sprechen. Erstens: Wir wollen alle gesund nach Hause kommen. Zweitens: Wir wollen die Menschen vor den Fernsehern begeistern und ihnen in einer schwierigen Zeit Freude machen.

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Drittens: Wir wollen uns über eine gute Vorrunde und eine möglichst erfolgreiche Hauptrunde für das Viertelfinale qualifizieren. Das ist mit dieser Mannschaft auch drin. Alles weitere wäre die Kirsche auf der Sahne auf der Torte. 

Bei den vergangenen Turnieren sind Sie durch extravagante Kleiderwahl aufgefallen, was für Aufsehen und auch Kritik gesorgt hat. Behalten Sie diese „Tradition“ bei?

(lacht) Da wir uns seit einiger Zeit im Lockdown befinden und ich kein Internet-Shopper bin, sondern gerne im Geschäft kaufe, habe ich meine Garderobe in letzter Zeit nicht großartig erweitern können. Es wird bei der WM dezenter ausfallen. Das eine oder andere bunte Teil ist aber im Gepäck.

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