Jos Luhukay und Dieter Hecking begrüßen sich vor dem Anpfiff des Derbys.
  • Jos Luhukay und Dieter Hecking begrüßen sich vor dem Anpfiff des Derbys.
  • Foto: Bongarts/Getty Images

Derby-Kommentar: Luhukay ist der große Gewinner – Heckings Zeichen beeindruckt

Jos Luhukay wäre nicht Jos Luhukay, wenn er Dinge tun würde, die das Umfeld von ihm erwartet. Dass der St. Pauli-Trainer gegen den HSV sein System verändert und mit Henk Veerman und dem noch vor zwei Wochen ausgemusterten Dimitrios Diamantakos zwei Stürmer aufbietet, dass er Matt Penney, der nach einem Fauxpas gegen Stuttgart noch hart kritisiert worden war, aufstellt, dass er trotz 2:0-Führung schon nach 33 Minuten Marvin Knoll einwechselt, um sein System zu stabilisieren, durfte daher nur auf den ersten Blick überraschen.

Letztlich ist sich Luhukay aber auch im Derby einfach nur treu geblieben, und er darf sich nach seinem sechsten Sieg im sechsten Spiel gegen den HSV (bei 12:0 Toren) kräftig auf die Schultern klopfen lassen. Für den Niederländer war es ein Tag, der nicht besser hätte laufen können. Jede seiner Maßnahmen hatte Erfolg. Seine Mannschaft zeigte sich nach der wackligen Anfangsphase gnadenlos effektiv, spielte mit Herz und Leidenschaft und versetzte die Fans des Kiezklubs in einen Freudentaumel.

St. Pauli-Präsident Oke Göttlich weint auf der Tribüne

Welcher Druck auf allen Beteiligten bei diesem Derby gelastet hatte, war allein schon am Gesicht des Präsidenten abzulesen. Oke Göttlich, der ein großer Fan des Trainers ist, vergoss auf der Tribüne Freudentränen. Vieles wäre auf den Prüfstand gestellt worden, wenn St. Pauli verloren und seine Abstiegssorgen vergrößert hätte.

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St. Pauli darf mit dem Abstiegskampf nichts zu tun haben

Nun aber hat der Kiezklub die Chance, eine größere Lockerheit walten zu lassen. Selbst Luhukay, und das war dann am Samstagnachmittag doch überraschend, zeigte, dass er über seinen Schatten springen kann, als er sich davon überzeugen ließ, der Mannschaft zwei freie Tage zu schenken. Schafft es St. Pauli, die neue Euphorie so zu lenken, dass daraus ein Vertrauen in die eigene gezeigte Stärke entsteht, darf diese Mannschaft, die nun mehrfach unterstrichen hat, dass sie mit den Top-Teams der Liga mithalten kann, mit dem Abstiegskampf nichts zu tun haben.

Fehlende Leidenschaft ist nicht das Problem des HSV

Luhukays Gegenüber Dieter Hecking setzte derweil ein beeindruckendes Zeichen nach seiner zweiten Derby-Pleite. Er nahm die Schuld an der Niederlage komplett auf die eigene Kappe, stellte sich schützend vor seine Spieler und versuchte so, die aufkeimende Mentalitäts-Debatte im Keim zu ersticken. Einer Mannschaft, bei der Beobachter noch vor einer Woche hervorheben durften, dass sie über eine beeindruckende Moral verfügen muss, da sie in dieser Saison bereits sechs Tore in der Nachspielzeit erzielt hat, nun die Leidenschaft abzusprechen, ist tatsächlich wenig zielführend. Der HSV hatte schlicht und ergreifend keine Antworten gefunden auf die Nackenschläge in den Minuten 20 und 29.

Für den HSV ist nichts verloren – St. Pauli muss schnell nachlegen

Es ist nachvollziehbar, dass die Fans nach einer so schmerzhaften Pleite nun wieder zurückschauen und ausreichend viele Erklärungen finden, warum der HSV auch in dieser Saison zum Scheitern verdammt ist. Sollte sich ein Funken der Nüchternheit der Trainer aber auch auf die Anhängerschar übertragen, dann dürfte auch dieser schon mit Blick auf das kommende Wochenende klar werden, dass es für den HSV auch in Aue um drei Punkte geht – so wie für St. Pauli gegen Osnabrück. Und so wie am vergangenen Samstagnachmittag im Volkspark, an dem letztlich nur eine einzige Entscheidung gefallen ist: die über die Stadtmeisterschaft.

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