Es läuft nicht rund: St. Pauli hat seit September kein Zweitliga-Spiel mehr gewonnen.
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Absturz statt Aufbruch: St. Paulis Sportchef: „Es ist natürlich frustrierend“

Das K-Wort mag beim FC St. Pauli nach wie vor niemand in den Mund nehmen, dabei geben es die Zahlen absolut her, von Krise zu sprechen. Nur ein Sieg aus zehn Spielen, acht Partien in Folge ohne Dreier, zuletzt vier Niederlagen in Serie, Abstiegsplatz 17. Die Kiezkicker stehen zur Adventszeit mal wieder im Tabellenkeller. Kennt man ja. Doch diesmal trifft die sportliche Talfahrt den Verein besonders hart. Ins Mark. Denn er richtet sich neu aus, will vieles anders, besser und dabei alles richtig machen, auch im sportlichen Bereich. Doch der Fußball spielt leider nicht mit.

Die Besorgnis erregende sportliche Negativserie erwischt den Kiezklub zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Gerade stellt der Verein Weichen, erklärt voller Überzeugung getroffene Entscheidungen, wirbt für neue Wege, stemmt riesengroße Projekte, will den Klub voranbringen und seine Mitglieder begeistern, mitnehmen, einbinden. Und dann das …

St. Paulis Spannungsfeld aus Aufbruch, Aufbau, Anspruch, Ambition und Absturz 

Wer begreifen will, wie tief Frust und Enttäuschung sitzen bei den handelnden Personen des FC St. Pauli, seinen Mitgliedern und Fans, der darf nicht nur auf die Tabelle blicken, sondern muss den Kontext betrachten, in dem der ungebremste Absturz, den die niederschmetternde Niederlage in Braunschweig beschleunigt hat, passiert. Es ist eine schwierige Gemengelage, ein riesengroßes Spannungsfeld, gekennzeichnet vom Buchstaben A.

St. Pauli befindet sich zwischen Aufbruchstimmung zu Saisonbeginn nach der mutigen Beförderung des U19-Trainers Timo Schultz zum Chefcoach, dem Aufbau einer neuen Mannschaft, dem Anspruch, einen mitreißenden und mittelfristig erfolgreichen Fußball zu spielen, der gerade erst erneuerten grundsätzlichen Ambition, mal wieder in die Bundesliga aufzusteigen  – und dann aber dem aktuellen sportlichen Absturz. Ein Gegensatz, der mit jeder Niederlage extremer wird.

St. Pauli-Sportchef Bornemann: „Es ist natürlich frustrierend“

„Es ist eine schwierige Phase, die wir durchlaufen“, sagt Sportchef Andreas Bornemann im Gespräch mit der MOPO. „Es ist natürlich frustrierend, wenn man etwas Neues aufbauen und entwickeln möchte, aber die Ergebnisse nicht kommen und man unter Druck gerät.“

Bornemann hält zu Schultz

Sportchef Andreas Bornemann lässt keine Diskussion über Trainer Timo Schultz zu.

Foto:

imago images/Christian Schroedter

Den totalen Ergebnisdruck hatte man unbedingt vermeiden wollen. Auf dem Weg, etwas Nachhaltiges zu entwickeln, ist er kontraproduktiv. Angesichts der brenzligen Lage geht es jetzt aber um Resultate, stellt Bornemann klar: „Wir wollen in den Spielen bis Weihnachten mitnehmen, was geht, um ein paar Tage durchschnaufen zu können.“

„Die nächsten Spiele zeigen, auf wen wir bauen können“

Reinen Ergebnisfußball wollte man nicht spielen, weil man diesen mittelfristig nicht als erfolgversprechend sieht. Jetzt ist St. Pauli dazu gezwungen. Der Zweck heiligt die Mittel. Bornemann sieht es wie Schultz, dass zu viele Spieler das Vertrauen und die Geduld des Trainers nicht mit ausreichend Leistung zurückgezahlt haben.

Die kommenden drei Partien gegen Aue am kommenden Sonntag, in Würzburg (16.12.) und gegen Düsseldorf (20.12.) sind auch Bewährungsproben für jeden einzelnen Kiezkicker. „Die nächsten Spiele werden zeigen, auf wen man mittelfristig bauen kann“, betont Bornemann.

St. Paulis Probleme bleiben – auch das mit dem Ausrüster

Trainer Schultz hatte bereits nach der niederschmetternden Niederlage in Braunschweig Konsequenzen angekündigt, auch personeller Natur. Ein Weiter-so und ein Warten, dass der vielzitierte Knoten platzt, wird es nicht geben. „Man kann nicht davon ausgehen, dass sich die Probleme in Luft auflösen“, sagt Bornemann. „Wir müssen daran aktiv arbeiten und auch Maßnahmen einleiten.“ 

Zurück zum A. Denn da ist ja auch noch das Thema Ausrüster, für das der sportliche Tiefflug zur Unzeit kommt. Kein Wunder, dass es angesichts der quasi parallel laufenden Niederlagenserie für das spannende, ambitionierte, durchaus gewagte und vom Großteil der Fans positiv aufgenommene Vorhaben, die Spielkleidung der Mannschaft künftig selbst und nachhaltig herzustellen, auch Kritik und jede Menge Spott gab.

Unglückliches Trikot-Timing trifft sportliche Misere

Ein unglückliches Timing. Nicht nur, weil eine Siegesserie vermutlich deutlich verkaufsfördernder wäre als Pleiten am laufenden Band, sondern auch, weil St. Pauli das für den Verein zentrale und zukunftsweisende Ausrüster-Thema zumindest in der Öffentlichkeitsarbeit auf kleinerer Flamme als geplant köcheln lassen muss, so lange auf dem Rasen nicht gewonnen wird.

Auch wenn das Thema Ausrüster bei St. Pauli schon lange auf der Agenda stand und der Vorverkauf des neuen Trikots im Weihnachtsgeschäft lange geplant war – und finanziell auch Sinn ergibt: Nicht nur für viele Außenstehende ist der Eindruck entstanden, St. Pauli kümmere sich mal wieder um alles Mögliche, nur nicht um Fußball. Klamotten seien wichtiger als Kicken. 

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Die Kiezkicker brauchen dringend einen Sieg. Der ganze FC St. Pauli braucht einen Sieg, damit sich das Blatt wendet und der Verein aufatmen und an allen Fronten mit Hochdruck weiterarbeiten kann. Auch die Hoffnung beginnt mit dem Buchstaben A. Aue.

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