Johnny Logan sitzt in Lederjacke und mit viel Schmuck auf einer Kiste, nach vorne gebeugt und blickt in die Kamera, im Hintergrund ein dunkler Werkstattraum
  • Johnny Logan feierte am Freitag seinen 68. Geburtstag in Hamburg. Am Samstagabend begleitet der die ESC-Show im Ersten.
  • Foto: Krestine Havemann

Grand-Prix-Legende Johnny Logan: „Es ist an der Zeit, dass der ESC politisch wird“

Johnny Logan ist Rekordhalter beim „Eurovision Song Contest“: Er ist der einzige Künstler, der mehr als einmal gewonnen hat. 1980 (mit „What’s Another Year“) und 1987 (mit „Hold Me Know“) entschied er den Wettbewerb für sich, zusätzlich gewann er 1992 als Komponist für seine irische Landsfrau Linda Martin. Freitag feierte er seinen 68. Geburtstag in Hamburg, Samstagabend tritt er beim „ESC-Countdown“ auf (ARD, 20.15 Uhr). Die MOPO sprach mit ihm über persönliche Erfolge und Misserfolge und seinen Tipp, wer dieses Jahr das Rennen macht.

Mr. Logan, herzlichen Glückwunsch nachträglich! Sie sind am Freitag 68 geworden. Haben Sie den Tag in Hamburg verbracht?

Johnny Logan: Ja! Mit Proben für den ESC-Countdown. Ich bin kein Mensch, der Überraschungspartys liebt. Bei einem schönen ruhigen Essen konnte ich meinen Geburtstag genießen. 

Sie sind der einzige Künstler, der den ESC gleich drei Mal gewonnen hat. Verpflichtet das, ihn jedes Jahr anzuschauen?

Ich gucke ihn nicht immer. Aber wenn, habe ich Spaß daran. Den Schluss spare ich allerdings immer aus. Ich kann mir die Punkteverteilung nicht anschauen, denn es bringt mich mental an einen Platz zurück, den ich mit Stress und Anspannung verbinde. Mein Herzschlag erhöht sich dann automatisch. Drei Mal habe ich das durchlitten.

Johnny Logan tritt beim ESC-Countdown auf

Aber Sie haben doch gewonnen!

Das sagt mir jeder. (lacht) Aber ich musste trotzdem das ellenlange Voting durchsitzen. Jeder Moment davon hat sich in mein Hirn gebrannt. Ein Trauma! Wenn ich den Showteil gucke, dann ist das zum Glück fast eine Lossagung davon.

Es gibt also auch Nachteile, wenn man den ESC gewonnen hat.

Oh ja. Nach meinem ersten Sieg 1980 mit „What’s Another Year“ befand ich mich vier Jahre lang im Rechtsstreit – das war einen Höllenzeit. Mehrere Plattenfirmen und Manager waren involviert und verklagten sich gegenseitig. Sämtliches Geld verschwand. Ich verkaufte mein Haus. Als ich dann 1987 zum zweiten Mal antrat, war ich nicht nur Interpret, sondern auch Komponist und Texter. Das war auch meine Art von Statement dazu. Ach, und es gab auch noch andere Tiefschläge.

Der Sänger hat den „Grand Prix“ drei Mal gewonnen

Nämlich?

Sie kennen vermutlich die Ballade „Raise Me Up“, oder? Brian Kennedy hatte damit einen großen Hit. Tatsächlich hatte der Songwriter Brendan Graham das Lied für mich geschrieben. Aber die Plattenfirma entschied, dass sie keine Assoziation mit dem ESC wollten und luden sechs Sänger ein, die meinen Gesangsstil des Demos kopierten. Ich war sehr enttäuscht damals. 

Wenn man sich die Fotos von Ihrem ersten Sieg 1980 anguckt, tragen Sie eine hübsche langhaarige Föhnfrisur.

Ich finde, ich sah mit 24 aus wie ein Fußballspieler aus den Siebzigern! Immerhin schaffte ich es mit dieser Matte in eine Wandmalerei in einer Bar in Oslo. Ich fragte damals die Bedienung, wer denn das Mädchen hinter Bob Geldof und neben irischen Legenden wie Bono von U2, Sinead o’Connor und James Joyce sei. Und sie sagten: „Das bist du!“ Da wusste ich, dass ich vielleicht doch mal einen neuen Haarschnitt brauche. Aber Haare hin oder her – die Performance damals in Den Haag war toll. Ich ignorierte die Kameras komplett, saß auf einem Barhocker und konzentrierte mich nur auf den Song. Das hat mir den Gewinn beschert.

Jeder Song wird es dieses Jahr schwer haben, die Ukraine zu schlagen. 

Johnny Logan über den ESC 2022

Heutzutage ist die Performance mindestens genauso wichtig wie der Song. 

Heutzutage sind das Licht und die Bühne der Star! Das Live-Orchester können sie sich angeblich nicht leisten, aber allein in Düsseldorf kostete die Bühne mit den vielen Plasma-Monitoren 26 Millionen Euro. Ich sage nicht, dass jeder ein Orchester nutzen sollte, aber es wäre gut, wieder eins zu haben. Nun wird darüber gesprochen, auch noch Amerika miteinzubinden in den Wettbewerb. Der ESC ist sehr anders heute und hat sich längst in Richtung einer Talentshow verschoben. 

Wer sind Ihre Favoriten in diesem Jahr?

Ich mag den Norwegischen Beitrag sehr. Es ist ein klasse Dancesong. Im Refrain heißt es: „Before that wolf eats my grandma – give that wolf a banana.“ Ich finde das witzig. Aber jeder Song wird es dieses Jahr schwer haben, die Ukraine zu schlagen. 


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Aus politischen Gründen. 

Ja, Eurovision sollte nicht politisch sein, aber diesmal habe ich Verständnis dafür. Was in der Ukraine passiert, ist so falsch. Und jeder weiß das. Deshalb ist es 2022 an der Zeit, Eurovision politisch zu machen, um die Unterstützung für das Land zu demonstrieren. Ich sollte so was eigentlich nicht sagen… 

Was halten Sie von dem deutschen Beitrag – Malik Harris mit „Rockstars“?

Es ist einer der besten deutschen Beiträge seit langer Zeit. Wer auch immer den Song geschrieben hat, dürfte meinen irischen Landsmann und Songwriter Dermot Kennedy gehört haben. Aber es ist leider nicht die gleiche Energie und Stärke in der Performance. Wenn du gewinnen willst, musst du aus der Masse hervorstechen, aber so klingt es für mich nicht. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob der Song Menschen berührt, was auch wichtig ist. 

Es ist einer der besten deutschen Beiträge seit langer Zeit. Aber: Ich bin mir nicht sicher, ob der Song Menschen berührt, was auch wichtig ist. 

Johnny Logan über „Rockstars“ von Malik Harris

Ganz anders als Ihre Sieger-Songs. Besonders „Hold Me Now“ ist ein Balladen-Klassiker.

Ich realisierte irgendwann: Obwohl es mein Song ist, den ich über unerwiderte Liebe geschrieben hatte, gehört er nun allen Menschen, die Erinnerungen damit verbinden. Auch für mich bedeutet er heute etwas anderes. Meine Tante, die wie eine zweite Mutter für mich war, starb während der Pandemie. Wir haben gerade ihren Grabstein fertigen lassen. Wir ließen „We’ll always be together“ eingravieren – die Zeile aus „Hold Me Now“. Denn immer, wenn meine Tante betrunken war, rief sie meinen Namen, nahm mich in den Arm und sang laut „We’ll always be together…“. Ich habe den Song auch bei ihrer Beerdigung mit meinem jüngsten Sohn in der Kirche auf Akustikgitarren gespielt. Und plötzlich war es kein Liebessong mehr, sondern ein Abschiedslied.

Schwarzweißfoto, Johnny Logan sitzt auf dem Boden im weißen Anzug, Mikrofon in der Hand, vor ihm ein Glas Sekt. Im Hintergrund stehen Männer
Entspannt und auf dem Boden: Logan 1987 nach seinem zweiten „Grand Prix“-Sieg

Und ein Fußball-Song ist „Hold Me Now“ auch noch!

Das stimmt. Ich bekam nach einem TV-Auftritt in Irland die Nachricht, ich sollte mich mal bei den Bohemians, dem ältesten Fußballclub Irlands melden. Sie luden mich ein zum nächsten Spiel und wollten den Song für den Abschied ihres Kapitäns benutzen. Es war unglaublich, wie 10.000 tiefe Männer-Stimmen im Stadion den Refrain von „Hold Me Know“ sangen. Ich fühlte mich so geehrt. Und das Tolle ist: Wenn mich Kinder auf der Straße anhalten und nach einem Foto fragen, hat das nichts mit Eurovision zu tun, sondern nur damit, dass sie Bohemian-Fans sind. 

Am 28. Mai ist Logan im Gruenspan in Hamburg

Es gibt auch eine Dance-Version von „Hold Me Now“, aber Sie versprechen, bei ihrem Hamburg-Konzert am 28. Mai im Gruenspan die Balladen-Version zu spielen, oder?

In Dänemark beispielsweise würden sie mich lynchen, wenn ich als Rausschmeißer nicht die Dance-Version spielen würde! Da liegen die Menschen übereinander, sobald das Tempo anzieht. Deshalb spiele ich das Lied zwei Mal, als dritten Song gibt es die Balladenversion. 

Wie kommt es eigentlich, dass Sie noch nie zuvor eine Deutschland-Tour gemacht haben?

Es klingt unglaublich, aber es gab in 42 Jahren nie die Möglichkeit dazu! Ich habe immer nur mal hier und da ein Promo-Konzert in Deutschland gespielt, während wir in Irland die Hallen füllten. Ich bin sehr dankbar für die Chance und werde mit meiner dänischen Band die ESC-Hits und reichlich irisches Liedgut spielen. Denn es gab auch ein künstlerisches Leben jenseits der ESC-Siege. 

Gruenspan: 28.5., 20 Uhr, 47 Euro 

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