Christoph Lieben-Seutter lehnt in seinem Büro an einer Säule, durch die Scheibe sieht man im Hintergrund die Elbe
  • Lässig: Christoph Lieben-Seutter, Intendant der Elbphilharmonie
  • Foto: picture alliance/dpa/Daniel Reinhardt

Elbphilharmonie-Chef vor 5-Jahr-Feier: „Damit war nicht zu rechnen“

Für Intendant Christoph Lieben-Seutter ist es „die schönste Aufgabe der Welt“: Seit der Eröffnung der Elbphilharmonie am 11. Januar 2017 konnte der gebürtige Wiener das Who-is-Who der Klassikszene begrüßen. Wenn das kein Grund zum Feiern ist! Und damit auch jede:r was davon hat, gibt’s das große „Festkonzert“ am Dienstagabend hier im Stream. Kurz vor dem Jahrestag hat der 57-Jährige im Interview das Erfolgsrezept der Elbphilharmonie verraten – und auch, für welchen Künstler es im Terminkalender keinen Platz mehr gab.

MOPO: Seit fünf Jahren begeistert die Elbphilharmonie die Besucher. Haben Sie mit so einem Erfolg gerechnet?

Christoph Lieben-Seutter: Es war schon klar, dass das Gebäude erstmal große Aufmerksamkeit auf sich zieht. Fast jedes neu eröffnete Haus hat ein, zwei Jahre eine Top-Auslastung. Dass aber auch im fünften Jahr – nach einem längeren Lockdown – die Leute gleich wieder zurück sein würden und alle Konzerte fast ausgebucht sind, damit war nicht zu rechnen.

Was macht die Faszination der Elbphilharmonie aus?

Es geht um das Gesamterlebnis. Die Berühmtheit des Gebäudes lockt die Menschen an, und sie haben schon ein tolles Erlebnis, wenn sie ankommen: Die Elbphilharmonie von außen, ihre Lage am Wasser, die Rolltreppe, die Plaza, die tollen Foyers. Und dann kommen sie endlich in das Innere, in das Herz, den Großen Saal – und sind auf besondere Weise aufnahmebereit für die Musik. In unseren Konzerten herrscht fast immer eine ganz besondere Stimmung. Seit der Corona-Krise spielt das Konzert auch als Gemeinschaftserlebnis eine noch größere Rolle, weil man die anderen Besucher so gut sieht.

Baustelle: Der Kaispeicher A in der HafenCity umringt von Kränen. Hier entstand die Elbphilharmonie
2008 war alles noch eine Baustelle: der Kaispeicher A in der HafenCity

Mit 1,2 Millionen Besuchern in Elbphilharmonie und Laeiszhalle kommen drei Mal so viele Menschen pro Saison in klassische Konzerte wie vor der Eröffnung der Elbphilharmonie. Hat die Elbphilharmonie eine neue Begeisterung für Klassik ausgelöst?

Ja, in Hamburg auf jeden Fall. Die Kernaufgabe der Elbphilharmonie – Erweiterung des Publikums für klassische Musik – ist absolut erfüllt. Man merkt das auch im täglichen Leben, bei Nachbarn, im Freundeskreis, beim Taxifahren: Klassische Musik ist viel mehr Thema als vor der Eröffnung der Elbphilharmonie.

So ziemlich jeder, der in der Musikwelt einen Namen hat, ist bereits in der Elbphilharmonie aufgetreten. Gibt es noch jemanden, den Sie sich wünschen, der noch nicht aufgetreten ist?

In der Klassikbranche eigentlich nicht. So gut wie alle großen Orchester waren schon mehrfach da. Aber jenseits der Klassik gibt es noch einige. Da bekommen wir auch Anfragen der allergrößten Namen und Legenden, die gerne hier auftreten würden. Das Problem ist meistens der Terminkalender, der auf Jahre ausgebucht ist. Zum Beispiel finden wir gerade keinen Termin für Bob Dylan.

Wie für viele andere Kultureinrichtungen war die Corona-Pandemie auch für die Elbphilharmonie ein schwerer Schlag. Wann, glauben Sie, werden Sie sich davon erholt haben?

Die Elbphilharmonie war für Corona gut aufgestellt: Mit einem motivierten Team und wirtschaftlichem Rückhalt durch die Stadt, durch Förderer und Sponsoren, konnten wir aus jeder Situation das Optimum herausholen. Corona war für uns bisher auch eine gute Lektion in Flexibilität und Gelassenheit. Trotzdem bleibt natürlich jedes geplante Konzert, das nicht stattfindet, eine traurige Angelegenheit.


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Vor der Pandemie waren fast alle Konzerte ausverkauft. Wie wollen Sie die Menschen wieder in die Elbphilharmonie locken?

Um die Auslastung mache ich mir gar keine Sorgen, auch wenn nicht mehr jeder Abend automatisch ausverkauft ist, wie es in der Anfangszeit der Fall war. Wenn Corona noch länger dauert, habe ich eher die Sorge, dass die Vielfalt der Veranstalter nicht so schnell wieder da sein wird. Es wird dann ein, zwei Jahre brauchen, bis sich die Branche erholt hat. (dpa/gw)

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