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Frau steht auf einem Esstisch, schwingt ein Band, um sie herum sitzen fein gekleidete Gäste
  • Szene aus „Salome“ an der Staatsoper Hamburg
  • Foto: Georg Wendt/dpa

Antisemitische Klischees? Skandalstück „Salome“ an der Hamburger Staatsoper

Schmeichelnd, gurrend, kompromisslos: Die Sopranistin Asmik Grigorian ist der strahlende Mittelpunkt von Dmitri Tschernjakows Inszenierung von „Salome“ an der Staatsoper Hamburg. Richard Strauss‘ Oper ist ein Skandalstück. Erst lässt Salome bei dem berühmten Schleiertanz vor ihrem Stiefvater Herodes die Hüllen fallen, und dann bekommt sie als Belohnung auch noch den Kopf des Propheten Jochanaan serviert.

Dmitri Tschernjakow verzichtet darauf, diese beiden Momente auf der Bühne zu zeigen. Um so genauer fragt der russische Regisseur in seiner Inszenierung, wo die Grausamkeit des Mädchens herrührt: Gekleidet in T-Shirt und Sneakers zum seidenen Rock, ist diese Salome mal eine junge Frau bei der Erprobung ihrer sexuellen Macht, mal ein bockiger Teenager und mal ein durch Missbrauch traumatisiertes Kind.

Weltstar Asmik Grigorian triumphiert an der Staatsoper

Die litauische Sopranistin Asmik Grigorian, die in der Rolle der Salome 2018 bei den Salzburger Festspielen gleichsam über Nacht zum Weltstar wurde, nähert sich der Figur in allen Facetten an. Ihr Sopran kann schmeicheln und gurren, er kann noch in höchster Höhe farbenreich strömen und hat keine Schwierigkeiten, über das riesiggroß besetzte Orchester hinweg zu klingen.

Zudem ist Grigorian eine kompromisslose Darstellerin. Die Vergeblichkeit von Salomes Werben um den prinzipientreuen Propheten übersetzt sie in körperliche Wut. Nachdem Jochanaan sie verflucht hat, zittert ihr Kinn wie das einer Fünfjährigen, die ihr Spielzeug nicht bekommen hat.

Die Sopranistin Asmik Grigorian ist der strahlende Mittelpunkt in der Hamburger Aufführung von „Salome“. Monika Rittershaus
Bühne, ein Zimmer, Grigorian steht in einem Türbogen und schreit unter Umständen
Die Sopranistin Asmik Grigorian ist der strahlende Mittelpunkt in der Hamburger Aufführung von „Salome“.

Tschernjakow erzählt die Geschichte geradlinig und klar. Vieles vermittelt er durch die Körpersprache der Figuren. Die Handlung hat Tschernjakow – er hat auch das Bühnenbild gestaltet – vom biblischen Jerusalem in ein Gründerzeit-Palais verlegt.

Dort gibt Herodes ein Festessen. Sogar Jochanaan, der bei Strauss zunächst nur von seinem Verlies aus zu hören ist, sitzt mit am Tisch. Seine unbewegte Haltung und der sakrale Charakter seiner Gesangspartie machen allerdings deutlich, dass er nicht zu der dekadenten Gesellschaft gehört. Der Bassbariton Kyle Ketelsen singt meist mit dem Rücken zum Publikum, ist aber erstaunlich gut zu verstehen.

„Salome“: Skandalstück nach Richard Strauss

Salomes zweiter Gegenspieler ist der übergriffige Herodes. Der Tenor John Daszak verkörpert ihn mit hellem Timbre als einen unreifen Gecken. An einem herumliegenden Toten stört den Herrscher vor allem, dass dieser nicht auf seinen Befehl umkam, sondern von eigener Hand. Das Orchester vollführt dazu einen sarkastisch stelzenden Rhythmus, doch schon im nächsten Moment geht in einem An- und Abschwellen der Streicher und Flöten ein eiskalter Windhauch, der Herodes ängstigt. Es sind Schuld und Vorahnung, die ihn da anwehen.

Ständig verwebt und überblendet Strauss die unterschiedlichen Stile, Motive und Stimmungen. Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester meistern die komprimierte Partitur mit viel Flexibilität und Reaktionsvermögen.

Den eigentlichen Skandal könnten heutige Hörer und Hörerinnen in den antisemitischen Klischees des Operntextes sehen – erst recht nach den Vorfällen in Deutschland infolge der Terroranschläge der Hamas. Die Inszenierung geht zwar nicht auf die aktuelle politische Lage ein, die Verantwortlichen distanzieren sich aber im Programmheft ausdrücklich von den betreffenden Textpassagen. (dpa)

Staatsoper: 4./8./15.11., je 19.30 Uhr, 12.11., 17 Uhr, 7-129 Euro

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