• Nach einer Stunde im Schneidersitz ist nur das linke Bein unserer Autorin entspannt: Es ist eingeschlafen. (Symbolbild)
  • Foto: Getty Images/Digital Vision

„Innerlich brodele ich wie ein Vulkan“: Wie mich Meditieren wahnsinnig gemacht hat

Köln –

Seit einigen Jahren praktiziere ich Yoga. Nicht so häufig, wie es angesichts meiner Rückenschmerzen angemessen wäre, aber durchaus so regelmäßig, dass ich nicht mehr verzweifelt zu meiner Nachbarin schielen muss, wenn es im Tadasana heißt: „Wir wechseln in Utkatasana“. Leider aber nicht so oft, dass ich wöchentlich den gleichen Kurs in meinem Fitnessstudio besuche. Das hätte den Vorteil, dass ich die anderen Teilnehmer auch mal so kumpelig begrüßen könnte, wie Andreas und Martina das immer vormachen. Und es hätte den Vorteil, dass ich ganz sicher wüsste, dass dienstags um fünf irgendein Yoga-Kurs stattfindet und nicht: Meditation. 

Es dauert allerdings einen Moment, bis ich das bemerke. Denn zunächst ist erstmal alles gleich: Matte und Block holen, freien Platz suchen, hinsetzen, warten. „Bisschen leer für eine Yogastunde am Nachmittag“, denke ich noch. Das erkläre ich mir aber mit der Lehrerin, die ich nicht kenne. Vermutlich eine Vertretung. Andreas und Martina sind auch nicht da, die wussten das natürlich.

Schwerelos, wie die weißen Fallschirmchen einer flauschigen Pusteblume

Egal. Es geht es los: Schneidersitz, aufrechte Sitzhaltung, zur Ruhe kommen, gleichmäßig atmen. Schön, dass du da bist. Kein Unterschied zum Yoga. Nimm einen tiefen Atemzug. Innerlich freue ich mich schon auf den ersten Sonnengruß, der meine verspannte Muskulatur löst, der mich auseinanderzieht wie ein verstaubtes Akkordeon. Stattdessen hört die Lehrerin nicht auf zu sprechen: Du kannst heute Blockaden lösen (ja!), Energie tanken (auch gut!)  oder einfach nur ein bisschen träumen…. Hä? Ich wollte doch Sport machen.

Und dann – ganz sanft und mit Sehr. Vielen. Pausen. dazwischen, fällt der Satz, bei dem ich endgültig weiß: Hier stimmt was nicht. Du kannst heute deinen Gedanken etwas mehr Leichtigkeit verleihen. Du kannst sie so leicht werden lassen. Dass sie. Ganz wie von selbst. Scheinbar schwerelos werden. So leicht und schwerelos wie die weißen Fallschirmchen einer flauschigen Pusteblume. EINER WAS?!

Möchtest du die Meditation einmal ausprobieren? Nein, lieber nicht

Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und unterbreche den sanften Singsang der Frau mit meiner Frage: „Welcher Kurs ist das hier?“. „Angewandte Meditation. Möchtest du es mal ausprobieren?“. Nein, will ich nicht, denke ich, sage aber das Gegenteil. Sie hat wirklich nett gefragt und man soll doch offen bleiben für Neues. Ich beschließe, mich zu bemühen.

Ein Fehler. Schon nach fünf Minuten sehne ich mich nach einer anderen Sitzposition, mein Rücken tut weh. Die Lehrerin beginnt derweil mit dem Bodyscan: Spür einmal in deine Oberschenkel. Deine Waden. Deine Zehen. Deine Zehenzwischenräume. Entspanne deine Zunge. Ich spüre überhaupt keine Entspannung, im Gegenteil: Je mehr Körperteile zur Sprache kommen, desto größer wird der Schmerz in jedem einzelnen.

Wir sitzen seit einer Stunde im Schneidersitz, mein linkes Bein ist eingeschlafen

Aber es kommt noch schlimmer: die Meditationsfrau stellt Fragen. Leider nicht: „Wie geht es dir? Möchtest du vielleicht doch gehen?“ Sondern: Wer willst du heute sein? Wie möchtest du dich heute fühlen? Wie möchtest du heute sein? Was möchtest du heute geben? Stopp! Das sind zu viele Fragen. Das sind zu große Fragen. Wer kann das mal eben im Fitnessstudio beantworten? Was würde diesen Tag wundervoll machen? Ein Glas Wein. Jetzt.

Mein linkes Bein ist eingeschlafen. Wir sitzen schon seit fast einer Stunde im Schneidersitz und ich habe keine Ahnung, wie lange der Kurs noch geht. Äußerlich bleibe ich ruhig, aber innerlich brodelt ein Vulkan. Ich bin sauer, weil mir die wenige Zeit, die ich mir in der Woche für Sport einräume, verschwendet erscheint. Weil ich jetzt nicht ent- sondern verspannt bin. Und irgendwie auch, weil es mir nicht gelungen ist, mich auf die Meditation einzulassen.

Der Kurs endet nach eineinhalb Stunden. Eine Frage kann ich am Ende immerhin beantworten: Wer willst du heute sein?
Die Frau, die weiß, wann sie besser aufsteht und geht.

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