Herz
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Es drohen Schlaganfall oder Herzinfarkt: Wenn der Druck zu hoch wird

Eine unglaubliche Zahl: In Deutschland hat jeder dritte erwachsene Mensch Bluthochdruck. Aber viele spüren das gar nicht. Sie sind weiter leistungsfähig, fühlen sich fit und gesund. Dabei ist ein hoher Blutdruck äußerst gefährlich und sollte immer ärztlich behandelt werden. Sonst können Herzinfarkt oder Schlaganfall drohen. Prof. Martin Bergmann ist der Chefarzt der Kardiologie, Pneumologie und internistischen Intensivmedizin an der Asklepios-Klinik in Hamburg-Altona. Im Gespräch erklärt er, wie man Bluthochdruck erkennen kann und wie er behandelt wird.

MOPO: Bis 140 zu 90 ist alles o.k., oder?

Prof. Martin Bergmann: Völlig richtig. Für junge Menschen sind 120 zu 80 die Standardwerte, die jeder kennt. 140 zu 90 ist die Grenze. Wenn die häufiger überschritten wird, beginnen die Organ-Schäden. Und dann sollte man handeln.

Gelten die Werte für alle gleich?

Ja, dieser Oberwert gilt für alle – egal ob Mann oder Frau, alt oder jung – erst einmal gleich. Im Einzelfall muss man aber abwägen, ob man dann schon eine Tabletten-Therapie beginnen muss.

Ab wann muss denn dringend mit der Therapie begonnen werden?

Das ist nicht ganz so einfach zu beantworten. Denn den Bluthochdruck gibt es nicht – Patienten haben schwankende Werte. Wir und auch die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen in den Praxen erleben immer wieder, dass wir einen Blutdruck von z.B. 160 zu 95 messen aber der Patient morgens selbst einen normalen Druck zu Hause gemessen hat.

Prof. Dr. Martin Bergmann
Prof. Martin Bergmann ist der Chefarzt der Kardiologie, Pneumologie und internistische Intensivmedizin an der Asklepios Klinik in Hamburg Altona.

Der Weißkittel-Effekt?

Meist eher nicht. Deshalb brauchen wir weitere Hinweise, damit wir unterscheiden können zwischen den Patienten, die wirklich durch ihren Bluthochdruck gefährdet sind, und denen, die noch ganz am Anfang stehen. Hier helfen vielleicht noch eine Ernährungsumstellung oder Gewichtsreduktion. Wir entwickeln uns zunehmend dahin, dass wir die Organ-Schäden betrachten, die durch den Bluthochdruck ausgelöst werden. Steife Gefäße können wir mittels Ultraschall darstellen. Auch am Herz können wir eine Versteifung der Muskulatur nachweisen. All das zusammen – also hohe Werte plus Organschaden, Befunde des Ultraschalls, vielleicht ein CT – fließt in die Bewertung ein, ob der Patient eine Hypertonie – so nennen wir das – entwickelt hat, die dann medikamentös behandelt werden muss.

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Auch die Nieren können geschädigt werden?

Die Nieren kontrollieren einerseits über bestimmte Botenstoffe, die sehr gut erforscht sind, den Blutdruck. Genau an diesen Botenstoffen setzen auch unsere Medikamente an. Andererseits führt langjähriger Bluthochdruck dazu, dass die Nieren sich selbst ein bisschen vom Netz nehmen. Das wiederum führt aber zu einer eingeschränkten Nierenfunktion. Dann sind wir schnell in einem Teufelskreis, in dem schlecht arbeitende Nieren und immer weiter steigender Blutdruck ein großes Problem darstellen.

Behandelt wird immer mit Tabletten?

Das sagt die Leitlinie ab einem Blutdruck von 140 zu 90. Im Gegensatz zu früher wird heute ein Wirkstoffmix in geringer Dosis gegeben mit besseren Ergebnissen als früher.

Sie führen auch gerade eine Studie durch. Worum geht es?

Es gab bereits vor zwölf Jahren erste vielversprechende Ansätze. Es geht darum, die so genannte sympathische Innervation – das ist die Verbindung zwischen vegetativem Nervensystem und den Nieren – zu kappen. Wir hatten damals schon den Eindruck, dass dieses Verfahren insbesondere Patienten in der Anfangsphase der Erkrankung hilft. Damalige Studien konnten das Ergebnis nicht valide untermauern. Aber jetzt gibt es neuere Ansätze. Ich bin sehr froh, dass wir jetzt Patienten, die unter der Standardtherapie keine ausreichende Blutdrucksenkung erfahren, dieses Verfahren wieder anbieten können. Über einen Eingriff durch die Leiste können wir in der Wand der Nieren-Arterien diese sympathischen Nervenfasern kappen. In unserer aktuellen Studie überprüfen wir, ob dieses Verfahren den Blutdruck senken kann. Zwei Jahre betreuen wir im Rahmen dieser Studie diese Patienten. So lange müssen wir also noch auf gesicherte Ergebnisse warten.

Was sind die ersten Anzeichen für Bluthochdruck?

Neben der reinen Messung sind die vorrangigen Symptome die Herzschwäche mit Luftnot unter Belastung. Wir denken als Kardiologen dann häufig an Durchblutungsstörungen des Herzens, sehen aber bei mindestens der Hälfte der Patienten, dass schwankende Blutdruckwerte das eigentliche Problem sind. Das Herz muss gegen den Widerstand der Gefäße anpumpen, das Blut staut sich zurück in die Lunge. Und das merkt man als Luftnot unter Belastung. Obwohl sich die Symptome wie Asthma anfühlen, sollte auch immer Bluthochdruck mitbedacht werden – gerade bei älteren Menschen, bei denen Asthma äußerst selten ist.

Wenn ich mir unsicher bin, ob ich an Bluthochdruck leide, dann reicht doch sicherlich eine Messung in der Apotheke nicht aus …

Wir arbeiten sehr eng mit den Hausärzten zusammen, die als erste Anlaufstelle fungieren. Ergänzend kann es eine 24-Stunden-Blutdruckmessung geben. Das bedeutet, dass der Patient die ganze Zeit eine Manschette am Arm trägt, die sich regelmäßig aufbläst und den Blutdruck misst. Dadurch bekommen wir einen Verlauf und können gut ablesen, wie weit die Erkrankung ist. Bei gesunden Menschen senkt sich der Wert nachts ab.

Ist hoher Blutdruck z. B. über 200 ein medizinischer Notfall?

Nein. Ein Notfall ist wirklich nur derjenige, der unter starker Luftnot und starken Kopfschmerzen leidet. Aber trotzdem sollte man zum Hausarzt gehen, denn ein so hoher Blutdruck kann auch eine Hirnblutung auslösen.

Blutdruckmessgerät am Handgelenk
Blutdruckmessgeräte für zu Hause können für manche Patienten sinnvoll sein.

Ist Bluthochdruck eine Lifestyle-Erkrankung?

Früher hieß es immer, Bluthochdruck und Herzinfarkt sind Manager-Krankheiten. Das ist medizinwissenschaftlich komplett vom Tisch. Ab einem Alter von etwa 40/45 Jahren steigen bei fast allen von uns genetisch bedingt die LDL-Cholesterinwerte. Das führt zu einer Versteifung der Gefäße genauso wie das Rauchen. Diabetes ist auch ein Risikofaktor. Was wir allerdings nicht beeinflussen können, sind zwei Risikofaktoren, die aber auch erheblich sind: das Älterwerden und das männliche Geschlecht.

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Kann man den Blutdruck durch z. B. gesunde Ernährung oder mehr Sport alleine wieder senken?

Einen hohen LDL-Wert bekommen Sie nicht ohne Medikament derart gesenkt, um Bluthochdruck oder Herzinfarkt vorzubeugen. Das größte Problem bei Bluthochdruck ist das Übergewicht. Ich kann Patienten nicht sagen: Nehmen Sie erst einmal ab und dann sehen wir uns im nächsten Jahr wieder. Durch die beschriebene Luftnot sind die Patienten gar nicht leistungsfähig genug, um entsprechend Kalorien abzubauen. Deshalb ist meine Strategie: Am Anfang stehen die Medikamente, dann kommt auch die Leistungsfähigkeit zurück, sodass mehr Sport gemacht werden kann. Wenn dann die überflüssigen Kilos weg sind, unterhalten wir uns über eine Reduzierung der Tabletten.

Wie sehen Sie naturheilkundliche Verfahren? Yoga oder Thai Chi beruhigen ja.

Da steckt sicherlich zusätzliches ergänzendes Potenzial drin. Aber man kommt um eine medizinische Behandlung nicht drum herum. Aber wer denkt, er könne erst einmal mit Bluthochdruck ein Jahr zum Yoga gehen und dann sehen wir mal weiter, ist auf dem Holzweg. In diesem Jahr können schon ernsthafte Organschäden auftreten.

Was kann man selbst als Vorsorge machen?

Das Thema Diabetes spielt eine große Rolle und da gibt es den eindeutigen Zusammenhang zum Gewicht. Wer also auf sein Gewicht achtet, kann vermeiden, im späteren Alter Tabletten nehmen zu müssen.

Lohnt sich ein Blutdruckmessgerät für zu Hause?

Sicherlich nicht für jeden, weil man sich auch verrückt machen kann. Aber so ein Gerät als Ergänzung zur Messung beim Arzt – vielleicht auch unter Belastung –, um auch zu überprüfen, ob man richtig eingestellt ist, macht durchaus Sinn.

Bringt eigentlich eine Smart-Watch etwas zur Kontrolle?

Also die Blutdruck-Messung mit Smartphone ist noch nicht so verlässlich und ausdrucksstark. Es gibt aber schon die EKG-Überwachung. Bluthochdruck und auch das Vorhofflimmern steigern das Schlaganfall-Risiko. Mit den Smartwatches fallen hier Unregelmäßigkeiten früher auf als mit unseren klassischen Methoden – so ist jedenfalls unser Eindruck.

Dieses Interview ist ein Auszug aus der aktuellen Podcast-Folge „Butter bei die Nierchen“ mit Prof. Martin Bergmann. Diesen – wie alle anderen MOPO-Podcast auch – gibt es überall dort, wo es gute Podcast gibt. Und gleich hier: Klicken Sie einfach auf den Player.