Wenn die Waage Hilfe ruft. Noch Übergewicht oder schon Adipositas?
  • Foto: 2021 Getty Images

Boah, bist du dick, Mann! Jetzt ran an den Speck

Corona muss zurzeit für vieles herhalten. Auch für die Extra-Kilos, die wir uns während des Lockdowns auf die Hüften gepackt haben. Aber: Schon vor Corona haben Experten Alarm geschlagen. Wir werden alle zu dick! Die Weltgesundheitsorganisation rechnet sogar damit, dass in acht Jahren bereits jeder vierte Mann und jede fünfte Frau stark übergewichtig sein werden. Was das für Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat, ordnet Dr. Johannes Sander ein. Er ist der Chefarzt der Adipositas-Klinik an der Schön Klinik in Eilbek.

MOPO: Ich habe heute extra ein weites Hemd angezogen …

Dr. Johannes Sander: Den Trick kenne ich. Ab einem gewissen Alter haben viele ein kleines Problem mit dem Gewicht. Das sollte man aber noch nicht überbewerten.

Ab wann wird aus den paar Kilos zu viel Übergewicht?

Eine schwierige Frage, die man früher ganz anders beantwortet hat. Eine stattliche Figur galt damals als Zeichen des Erfolges: Schaut her, ich kann mir gutes Essen leisten – ich habe es geschafft. Heute ist das Schönheitsideal ein anderes. Wir möchten schlank sein und so aussehen wie bei „Germany’s Next Topmodel“ oder wie der Athlet bei den Olympischen Spielen. Das ist den meisten leider nicht vergönnt. Leichtes Übergewicht wird oft als kosmetisches Problem wahrgenommen. Es gibt aber zunehmend Menschen, die auch medizinisch unter ihrem Gewicht leiden. Anhand von verschiedenen Parametern können wir definieren, ob ein Mensch übergewichtig ist oder nicht. Da gibt es den bekannten Body-Mass-Index (BMI) als Maßeinheit. Dieser setzt das Gewicht ins Verhältnis zur Körpergröße. Denn nicht jeder, der 90 Kilogramm wiegt, ist automatisch übergewichtig. Dies mag bei einer Frau, die 1,61 Meter groß ist, der Fall sein, aber ein Mann mit einer Größe von 1,90 Meter hätte damit sein Normalgewicht. 

Der BMI ist so eine Formel?

Ja, man rechnet Körpergewicht geteilt durch Körpergröße zum Quadrat. Relativ willkürlich wurde das Normalgewicht mit einem Wert zwischen 18,5 und 25 definiert. Darüber hinaus wird in verschiedenen Abstufungen definiert, ob jemand übergewichtig ist oder sogar schon unter krankhaftem Übergewicht – der Adipositas – leidet.

Dr. Johannes Sander ist der Chefarzt der Adipositas Klinik an der Schön Klinik in Hamburg Eilbek.
Dr. Johannes Sander ist der Chefarzt der Adipositas Klinik an der Schön Klinik in Hamburg Eilbek.

Wie verlaufen die Abstufungen?

Übergewicht besteht bei einem Body-Mass-Index zwischen 25 und 30. Eine echte Adipositas, also ein Zustand, der oft auch aus medizinischer Sicht einen Krankheitswert beinhaltet, beginnt bei einem BMI ab 30. Wir unterscheiden verschiedene Schwere-Grade der Erkrankung. Die Adipositas Grad 1 ist der BMI von 30 bis 35. Grad 2 umfasst den BMI von 35 bis 40 und ab einem BMI von 40 sprechen wir von einer schwergradigen Adipositas oder einer Adipositas Grad 3.

Ist der BMI allein ausschlaggebend? Die WHO sagt, dass Menschen mit einem BMI von 27 am längsten leben. Dann ist man streng genommen schon übergewichtig.

Wie immer in der Medizin betrachten wir den Menschen als Ganzes – auch im Hinblick auf vielleicht schon bestehende Folgeerkrankungen. Ein Beispiel: Ein muskelbepackter junger Mann hat zum Beispiel einen BMI 28. Niemand würde auf die Idee kommen, diesen jungen Mann als übergewichtig zu bezeichnen. Er selbst leidet auch nicht unter seinem Gewicht. Andersherum gibt es Menschen, die beispielsweise unter einer chronischen Darmerkrankung leiden, die oft mit einem niedrigen Gewicht einhergeht. Diese Menschen haben zwar einen normalen BMI, können aber aufgrund verschiedener Mangelerscheinungen schwer krank sein. Das heißt, der BMI per se ist kein alleiniges Merkmal.

Warum werden wir überhaupt übergewichtig?

Der wichtigste Punkt ist sicher, dass wir seit Jahrzehnten Zugang zu Nahrungsmitteln im Überfluss haben. Industriell hergestellte Nahrungsmittel wurden immer fett- und zuckerhaltiger. Zudem bewegen wir uns im Job und in der Freizeit nicht mehr so viel wie früher. Zusammen mit der genetischen Veranlagung führt dieses dazu, dass wir über die Jahre die ersten Kilos zu viel bekommen – viele haben genau das in den vergangenen 18 Monaten der Corona-Pandemie erlebt. Es gibt auch Krankheiten, beispielsweise der Schilddrüse, die eine Gewichtszunahme als Begleiterscheinung haben, oder Medikamente wie Antidepressiva können ein starkes Hungergefühl und damit als Folge auch Übergewicht auslösen.

Hier sind nicht nur ein paar Kilos zu viel auf der Hüfte.
Hier sind nicht nur ein paar Kilos zu viel auf der Hüfte.

Stichwort Lebensmittel. Sollten wir besser zu zucker- und fettreduzierten Produkten greifen?

Das Problem der fettfreien Lebensmittel ist oft, dass ein Geschmack, der uns zufriedenstellt, nur durch die Beifügung von Zucker oder anderen Zusatzstoffen erreicht werden kann. Aus ernährungsphysiologischer Sicht sind die fett- oder zuckerfreien Lebensmittel oft ungesünder als die natürlichen mit einem vernünftigen Mix aus Fett, Eiweiß und Zucker. Die ausgewogene Kombination ist es, die uns satt werden lässt! 

Ist es besser, mehr selbst kochen?

Das ist ein ganz, ganz wichtiger Aspekt auch in der konservativen Therapie der Adipositas. Uns allen muss wieder ein Verständnis für eine gesunde Ernährung vermittelt werden. Viele haben nie gelernt zu kochen. Nur wenige wissen, wie die einzelnen Bestandteile der Lebensmittel auf unseren Stoffwechsel wirken. Zuckerhaltige Nahrungsmittel führen zwar schnell zu einer Sättigung und Zufriedenheit, aber durch die Reaktion des Blutzuckerspiegels auch schnell wieder zu Heißhunger. Das weiß auch die Industrie. Viele der Fertig-Lebensmittel haben tatsächlich den Effekt, dass sie uns langfristig eher in Richtung Überkonsum treiben. Wer sein Gewicht langfristig stabilisieren möchte, sollte seine Mahlzeiten so oft wie möglich selbst zubereiten. Greifen Sie lieber zum Vollkornbrot als zum Weißbrot oder lieber zum Wasser als zum Softdrink. Eine Mischkost mit viel Gemüse, die natürlich auch etwas Fleisch und Kohlenhydrate beinhalten darf, ist optimal. Dann kombinieren Sie das Ganze noch mit ausreichend guter körperlicher Aktivität, um den Stoffwechsel auf Trab zu bringen. Sie werden merken, der weitere Anstieg des Gewichts hat kaum mehr eine Chance.

Und zur Not macht man doch eine Diät?

So einfach ist es leider nicht. Ein Problem, das sich über Jahre aufgebaut hat, kann nicht in wenigen Wochen oder Monaten gelöst werden. Denn hier greift ein genetischer Mechanismus, der in uns allen steckt und vor einer zu starken Gewichtsreduktion schützt. Der Stoffwechsel reagiert nämlich auf einen Gewichtsverlust, indem er alle ihm zur Verfügung stehenden Mechanismen in Gang setzt, das verlorene Gewicht wiederzubekommen – zum Beispiel der Heißhunger auf Fettiges oder Süßes wenige Tage nach Beginn einer Diät. Jeder hat schon vom Jo-Jo-Effekt gehört. Für unsere Patienten standen die ersten Diäten oft am Anfang des immer schneller steigenden Gewichts.


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Gute Ernährung sorgt auch für Wohlbefinden?

Ja, eine gute Ernährung hat einen positiven Einfluss auf uns. Ich lade jeden ein, dieses im Selbstversuch zu testen: Ernähren Sie sich gesund, bewegen Sie sich ausreichend. Sie werden rasch merken, dass es Ihnen auch psychisch besser geht.

Welche Krankheiten kann Übergewicht auslösen?

Adipöse Menschen leiden sehr häufig psychisch an ihrer Erkrankung – schließlich kann jeder sie sehen. Früh kommt es zu einer Überbelastung der Hüft- und Kniegelenke oder zu Rückenschmerzen, im Alltag oft zu Luftnot bei leichter Belastung. Die langfristig ernsten Erkrankungen sind aber die Stoffwechsel-Erkrankungen wie Diabetes Typ 2, Bluthochdruck und erhöhte Blutfettwerte – wir sprechen bei dieser Kombination vom metabolischen Syndrom. Diese Erkrankungen wiederum können schwerwiegende Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen. Man weiß auch aus vielen Statistiken, dass Menschen mit starkem Übergewicht aufgrund dieser Erkrankungen früher sterben als normalgewichtige Menschen.

Wie behandeln Sie Patienten mit Adipositas?

Zunächst einmal: Wer unter seinem Übergewicht leidet oder bei wem das Übergewicht Folgeerkrankungen ausgelöst hat, sollte sich immer professionelle Hilfe holen. Wie oben erwähnt führen kurzfristige Reduktionsdiäten oft zu einem Jo-Jo-Effekt. Sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt. Ernährungsberaterinnen helfen bei der erforderlichen langfristigen Umstellung. Bewegen Sie sich mehr – das hat jeder selbst in der Hand. Wir sind eine Abteilung für Adipositas-Chirurgie. Die Therapie in unserer Klinik richtet sich an Patienten, die schon eine weit fortgeschrittene Adipositas haben, also einen BMI von 40, 50 oder sogar über 60. Diese Menschen sind aus der Phase von „Ich hab ein bisschen Übergewicht“ lange raus und die oben genannten Konzepte helfen nicht mehr. Im Gespräch versuchen wir herauszufinden, was die Ursachen sind. Was wurde schon alles unternommen? Bei vielen Patienten starten wir mit einer professionell begleiteten konservativen Therapie. Das heißt, wir versuchen zusammen mit unseren Ernährungs- und Sporttherapeuten einen Weg zu finden, das Gewicht aus eigener Kraft zu reduzieren. Allerdings ist es so, dass ab einem BMI von 35 oder 40 die Chancen auf Erfolg gering sind, weil die Erkrankung Adipositas einfach weit fortgeschritten ist. Für diese Menschen ist eine Operation oft die einzige Chance auf einen langfristigen und nachhaltigen Gewichtsverlust.

Welche Operationsmöglichkeiten gibt es?

Es gibt mehrere Methoden: Zum einen können wir den Magen verkleinern, die sogenannte Schlauchmagen-Operation. Eine weitere Möglichkeit ist der Magenbypass. Hier wird die Magenverkleinerung mit einer Umleitung des Dünndarms kombiniert, sodass Nahrungsmittel nicht mehr vollständig verdaut werden und die Kalorienaufnahme somit reduziert wird. Diese Methode ist sehr effektiv und führt neben dem hervorragenden Gewichtsverlust oft zu einer deutlichen Besserung der Folgeerkrankungen wie Diabetes Typ 2, Bluthochdruck, Schlafapnoe oder der Gelenkbeschwerden. Aber ein noch viel interessanterer Aspekt ist, dass die Operation eine hormonelle Umstellung im Körper hervorruft. Die Berichte unserer Patienten sind faszinierend: Viele haben zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl, nach einer kleinen Portion wirklich satt und zufrieden zu sein. Sie können ihre Freizeit wieder aktiv gestalten, finden zurück ins Berufsleben oder können einfach wieder mit ihren Kindern spielen. Ihr Leben ist im wahrsten Sinne des Wortes leichter geworden.

Dieses ist ein Ausschnitt aus dem Gesundheitspodcast „Butter bei die Nierchen“. Das ganze Interview mit Dr. Johannes Sander hören Sie im Podcast. Da geht es auch noch um Fettabsaugen, oder ob strenge Diäten oder die Abnehm-Pille helfen können. Den Podcast können Sie z.B. bei Apple Podcast oder Spotify abonnieren. Dann verpassen Sie keine Folge. Oder Sie hören sich die Folge gleich hier an:

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