Blonder Mann in bunter Jacke
  • Linus Giese (35) lebte 31 Jahre als Frau, bevor er der Mann wurde, der er „immer war“.
  • Foto: Annette Etges hfr

Transgender über sein Leben: „Ich fühle mich wie ein Junge zwischen 14 und 16“

Linus Giese ist 35 Jahre alt. 31 Jahre davon lebte er als Frau, unglücklich und „wie ein Roboter“. Über seinen Weg in ein Leben als trans Mann hat der Buchhändler und Blogger ein Buch geschrieben. Die MOPO sprach mit ihm über einen Kaffeebecher, der seit Jahren auf seinem Nachttisch steht, über lackierte Nägel und warum man Tränen vermissen kann.

MOPO: Herr Giese, auf dem Cover Ihres Buches ist ein Kaffeebecher zu sehen. Was hat es denn damit auf sich?

Linus Giese: Ich habe mich im Oktober 2017 als trans Mann geoutet und habe das in einem Starbucks gemacht. Da wird man ja nach seinem Namen gefragt und da habe ich zum ersten Mal in meinem Leben den Namen Linus genannt. Von dem Becher mit dem Namen habe ich dann ein Foto gemacht und es auf Facebook hochgeladen und dazu geschrieben: Ich würde mich freuen, wenn ihr mich alle Linus nennt ab jetzt. Das war mein Coming Out.

Haben Sie den Becher noch?

Ja, den habe ich noch, er steht auf meinem Nachttisch und ich freue mich immer, wenn ich ihn sehe.

Wieso haben Sie sich für Linus als Namen entschieden?

Zum ersten Mal habe ich ihn bei den Peanuts entdeckt, da ist Linus der Junge mit der Schnuffeldecke. Und das fand ich so sympathisch: ein Junge, der dazu steht, dass er Wärme und Nähe braucht. Später habe ich mal die wörtliche Bedeutung gegoogelt: Linus bedeutet „der Klagende“.

In ihren ersten 31 Jahren hatten Sie ja durchaus Grund, zu klagen.

Wenn ich die ersten 31 Jahre mit dem Leben seit meinem Coming Out vergleiche, dann muss ich sagen: Ich habe 31 Jahre wie in einem Tiefschlaf verbracht, ich war nie wirklich da. Bis ich erkannt habe, dass auch ich es verdiene, glücklich zu sein, das war ein langer Prozess.

Wussten Sie immer, dass Sie Linus sind?

Es war so ein diffuses Gefühl. Ich konnte nicht den Finger darauf legen. Ich war 16, als ich zum ersten Mal ein trans Mädchen bei „Stern TV“ gesehen habe und erfuhr, dass es so etwas wie trans Jungen und trans Mädchen gibt und dass das etwas mit mir zu tun haben könnte.

Sie sind in einer zweiten Pubertät, schreiben Sie, was heißt das?

Ich bekomme seit Februar 2018 Testosteron und fühle mich so, wie sich Jungen zwischen 14 und 16 fühlen. Ich habe Stimmungsschwankungen, das Lustempfinden hat sich geändert, meine Stimme wurde tiefer, ich habe überall am Körper Haare bekommen.

Ein Grund zur Freude, oder?

Ja, ich freue mich über jedes einzelne Haar auf dem Handrücken, auf der Brust und im Gesicht. Ich habe mir schon immer einen Bart gewünscht. Jetzt habe ich einen richtigen Schnurrbart.

Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Es gibt ein altes Kinderbuch von mir, da stand vorne mein Name drauf, und meine Mutter hat den neuen Namen Linus drauf gestickt. Das war eine sehr rührende Geste. Aber am Anfang war es schon schwer. Generell war es so, dass es den Menschen, die mich am längsten kannten, am schwersten gefallen ist, diesen Weg mitzugehen.

Gibt es etwas, was sie aus ihrem früheren Leben vermissen?

Durch das Testosteron träume ich nicht mehr so intensiv wie früher. Ich kann auch nicht mehr weinen. Wenn ich mal traurig bin, kommen keine Tränen. Die Fähigkeit, weinen zu können, kann aber eine große Entlastung sein. 

Welche Erwartungen stellt die Gesellschaft an trans Männer?

Trans Männer haben oft das Gefühl, besonders maskulin sein zu müssen, um bloß nicht aufzufallen. Als ich anfing, mal eine Blumenjacke anzuziehen oder meine Fingernägel zu lackieren, kamen gleich Zweifel an meinem Mannsein. Es dauerte, bis ich mich traute, ein bisschen zu experimentieren.

Haben Sie sich auch früher schon gerne die Nägel lackiert?

Nein, nie! Da habe ich gar nicht darüber nachgedacht, was mir gefallen könnte. Ich war wie ein Roboter, ich hatte keinen Zugang zu mir. Und jetzt bin ich manchmal von mir selbst überrascht.

Gibt es etwas von ihrer alten Persönlichkeit, was geblieben ist?

Die Leidenschaft für Bücher ist geblieben. Ich bin ja kein ganz anderer Mensch. Ich bin nur mutiger und habe mehr Spaß daran, auf Menschen zuzugehen.

Tut es Ihnen leid, dass sie 31 Jahren gewartet haben?

Ja, sehr. Aber ich versuche jetzt, das Leben auszuschöpfen.

Buchcover
Linus Giese: „Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war“, Rowohlt Polaris, 224 Seiten, 15 Euro

Müssen Sie sich noch oft erklären?

Inzwischen nicht mehr so oft, aber als trans Person hat man nicht ein Coming Out, sondern viele. Als der Name auf meinem Ausweis noch nicht geändert war, musste ich mich ständig erklären, etwa beim Arzt oder wenn ich ein Paket abgeholt habe. Das genieße ich sehr, dass ich das nicht mehr muss. Diese Normalität.

Ist es schwer, seinen Namen zu ändern?

Das Transsexuellengesetz macht es schwer. Ich habe meinen Namen nach §45b geändert, mit einem einfachen Attest meiner Hausärztin. Dieser Paragraph wurde aber eigentlich für Menschen geschaffen, die sich als divers empfinden. Diese Lücke wurde inzwischen geschlossen. Jetzt braucht man wieder zwei Gutachten, um nachzuweisen, dass der Wunsch real ist. Und da ist es dann schwierig, wenn man mit lackierten Nägeln beim Gutachter auftaucht – da muss man als trans Mann die männliche Rolle voll erfüllen.

Verletzen Sie hämische Kommentare unter Ihren Texten im Internet?

Je nach Tagesform. Manchmal bin ich schon erschüttert und denke, mit diesen Menschen könnte ich auch in einer U-Bahn sitzen. Oder die kommen in meinen Buchladen. Wichtiger ist aber, dass mir offline noch nichts Furchtbares passiert ist. Im Gegenteil. Neulich hat eine Person mich auf meine Regenbogensocken angesprochen. Sowas freut mich.

Sind Sie in einer Partnerschaft?

Nein. Aber ich date.

Sollte es eine Frau sein? Oder ein Mann?

Ein Mensch. Jemand, mit dem ich reden und lachen kann.

Wenn mir jemand gegenübersteht und ich sehe, das ist eine Trans-Person, spreche ich das an?

Solange es die Person selbst nicht anspricht, eher nicht. Ich verstehe, dass es da viele Fragen gibt und ich beantworte die auch gerne, aber es kommt auf den Kontext an. Wenn mir nach einer Lesung viele Fragen gestellt werden, beantworte ich die gerne, selbst die intimen, aber nicht einfach so ohne Anlass. Man kann das auch googeln, wenn man wissen will, wie man sich anständig verhält.

Was ist das Schlimmste, was man tun kann?

Den alten Namen nennen. Übergriffige Fragen stellen.

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