• Foto: dpa/ picture alliance

Wohnhaus, Altenheim und Kletterhalle: Was passiert mit entweihten Kirchen?

Köln –

Bis 2030 sollen ein Viertel der rund 6000 Kirchen in NRW schließen. Das geht aus Schätzungen der Landesinitiative „Stadt Bau Kultur NRW“ hervor.

Dies ist auch auf den rasanten Anstieg der Kirchenaustritte zurückzuführen.  Im Jahr 2019 kehrten 120.188 Menschen  der Kirche den Rücken, 2018 waren es noch 88.510. In vielen Fällen bleiben die Gotteshäuser ungenutzt – das soll sich ändern.

Eine neue Forschungsgruppe an der Universität Bonn untersucht die Umwandlung nicht mehr genutzter Kirchen und Klöstern. Dabei würden Projekte ausgewertet, bei denen leerstehende Kirchenbauten eine neue kulturelle, soziale oder spirituelle Bestimmung erfahren, sagt Albert Gerhards, Professor für Liturgiewissenschaft. „Das Potenzial dieser Gebäude bleibt zu oft ungenutzt.“

Bonn: Räume müssen für Umbau von Kirchensteuer unabhängig sein

„Eine Schwierigkeit ist immer, die Räume von der Kirchensteuer unabhängig zu machen“, sagte er. Eine Möglichkeit sei es, Vereine oder Stiftungen mit einzubeziehen.

„Den Gemeinden fällt es aber oft schwer, ihre Kirche auch für andere Partner zu öffnen und Verantwortung zu teilen“, berichtete der Theologe. „Das benötigt viel Transparenz, zu der die Kirchenleitungen nicht immer bereit sind.“

Aktuell suchen die Forscher Beispiele von Kirchengebäuden aus dem Rheinland und der Region rund um Leipzig, um die Prozesse hin zu einer Umnutzung untersuchen. Die Reaktionen der Bistümer und Landeskirchen seien sehr unterschiedlich, sagt Gerhards. Teils werde ihre Arbeit sehr intensiv beachtet, teils eher ignoriert.

NRW: Das wurde bereits aus leerstehenden Kirchen gemacht

„Dabei ist die Transformation von Kirchen ein Thema, das man nicht umgehen kann. Immer mehr Kirchen stehen leer, und neue Nutzungen sind der Weg, diese Gebäude für eine Stadt zu erhalten.“

Hier lesen Sie mehr: Experte erklärt Vergleich von Coronavirus und Spanischer Grippe

Wie man sakrale Räume kreativ neu erfinden kann, zeigen fünf Beispiele aus Nordrhein-Westfalen. Die Kirche St. Helena in Bonn wird seit 1999 als sogenannter „Dialograum“ neu genutzt. In dem Gebäude finden nun kulturelle Veranstaltungen statt – von Fotoausstellungen über Konzerte bis hin zu Klanginstallationen.

Getragen wird das Konzept von einem eigens dafür gegründeten Verein, in dem Kulturfreunde verschiedenster Glaubensrichtungen Mitglied sind. Bis zu 100 Veranstaltungen organisiert der Verein jedes Jahr in St. Helena.

Münster: Kirche wurde zur Turnhalle für Schüler

Der kirchliche Charakter des Raums wurde bei der Neuausrichtung erhalten, auch der Altar steht noch. Die Idee zu dem Kulturzentrum sei von der Kirchengemeinde selbst ausgegangen. Ein besonderes Ereignis ist dabei der Tangoabend, der an jedem letzten Sonntag im Monat stattfindet. 

Kirche_Turnhalle_Muenster

Aus einer ehemaligen Kirche wurde in Münster eine Turnhalle für ein nahegelegenes Gymnasium. 

Foto:

dpa/picture alliance

Die Münsteraner Kirche St. Elisabeth ist 2014 als Turnhalle für die benachbarten Montessorischule wieder eröffnet worden. Jetzt findet hier der Sportunterricht von der ersten bis zur zehnten Klasse statt. Umziehen können sich die Schüler in den ehemaligen Seitenschiffen. „Es ist eben Sportunterricht in einem besonders schönen Ambiente“, sagt Eva Grindel, Mitglied der Schulleitung.

Nach einer Gemeindefusion wurde die Kirche St. Maria Königin in Dülmen 2008 geschlossen. Die Heilig-Geist-Stiftung ließ in dem Gebäude daraufhin barrierefreie Wohnungen für Senioren einbauen. Auf zwei Etagen entstanden 15 Mietwohnungen. 

Mönchengladbach: Erste Kletterkirche Deutschlands eröffnet

Der Kirchturm wurde beim Umbau erhalten, dort entstand ein Gemeinschaftsbereich für die Bewohner. Auch die alte Kapelle wurde erhalten. Sie wird weiter von der Gemeinde genutzt.

Kirche_Wohnheim_Senioren

In diesem ehemaligen Gotteshaus wurden barrierefreie Wohnung für Senioren errichtet. 

Foto:

dpa/picture alliance

In St. Peter in Mönchengladbach geht es hoch hinaus, denn die Kirche ist im Jahr 2009 zu einer Kletterhalle umgebaut worden. Damals entdeckte Geschäftsführerin Simone Laube das Gebäude zufällig. Nach anfänglicher Skepsis der Gemeinde überzeugte Laubes Plan. In ihrer neuen Gestalt ist die Halle jetzt auch ein sozialer Treffpunkt für Familien geworden.

Die Kirchengemeinde überließ den Kletterern das Gebäude in Erbpacht. Sollte die Kirche das Gebäude doch wieder benötigen, könnten die Umbauten rückgängig gemacht werden. Bis dahin können sich Groß und Klein auf einer Fläche von 1300 Quadratmetern austoben. Bis zu 13 Meter hoch sind die Kletterwände.(dpa/mei)

Email
Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp