Noch steigt die Anzahl Covid-19-Infizierter in Deutschland täglich.
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Statistik-Wirrwarr: Welche Corona-Zahlen stimmen? Experten fordern Klarheit

Köln –

Für viele Deutsche gehört der Blick auf die Corona-Statistiken zur morgendlichen Routine dazu: Wie stark sind die Zahlen der Infizierten angestiegen? Wie viele Tote gibt es? Flacht die Kurve ab und wann haben wir das Schlimmste überstanden?

Eine Instanz, die in der Corona-Krise das Maß aller Dinge ist, ist das Robert Koch-Institut (RKI): Täglich werden auch dort die Statistiken aktualisiert. Doch es fällt auf: Sie unterscheiden sich oft gravierend von den Zahlen anderer Statistiker, etwa der renommierten John-Hopkins-University (JHU).

Während das RKI 31.554 Menschen zählt (Stand: 25.03. um 17 Uhr), weist die JHU bereits 35.353 Personen auf. Und betrachtet man die offiziellen Zahlen der Bundesländer, sieht es noch einmal anders aus: Da liegen die Zahlen bei 32.888.

Was für ein Zahlen-Chaos, wem kann man denn nun trauen?

Der Grund für die ungleichen Statistiken: die unterschiedliche Meldesysteme, die den einzelnen Zahlen zugrunde liegen.

Die Länder etwa veröffentlichen die „rohen“ Zahlen ohne Hintergrundinfos, auf deren Internetseiten sind die aktuellen Fallzahlen in der Regel schneller zu finden.

Statistiken zu Corona: So werden die Zahlen erhoben

Das RKI gibt nur amtlich festgestellte Ergebnisse heraus: Der positive Test aus dem Labor wird dem örtlichen Gesundheitsamt gemeldet, die Ämter wiederum melden ihre Fälle an die Behörden der Bundesländer. Von dort gehen die Daten ans RKI, das die Zahlen dann täglich zusammenträgt. Deutscher Föderalismus sorgt so dafür, dass die Zahlen hinterher hinken. Je weiter die Pandemie voranschreitet, desto stärker.

Die John-Hopkins-University hingegen nutzt zudem mehrere lokale Behörden sowie auch Medienberichte, um ihre Statistik aufzustellen. Die ist etwa – so schätzt man – zwei Tage den RKI-Daten voraus.

Bei allen Statistiken gilt jedoch: Sie sind ein Blick in die Vergangenheit und keine „Echtzeit“-Erhebung. Inkubationszeit, Test sowie die Auswertung dauern mehrere Tage, daher gehen die jetzigen Fallzahlen auf die Infektionen von vor 5 bis 10 Tagen zurück.

RKI-Physiker über Corona-Statistik: Zahlen sind eine Stichprobe

Keine der Zahlen sind demnach „richtig“. Deshalb hatte auch Dirk Brockmann, Physiker am RKI, gegenüber „Focus Online“ gesagt, er betrachte die Zahlen der Infizierten lediglich „als eine Art Stichprobe“. Die Dunkelquote sei nämlich hoch – da sind sich die Virologen einig. Einige rechnen mit einer Quote von etwa zehn tatsächlichen Fällen auf einen nachgewiesenen. Das liegt auch daran, dass vorrangig Menschen getestet werden, die eindeutige Symptome aufzeigen.

Hier lesen Sie mehr: Corona in Deutschland – Warum sterben bei uns weniger Menschen als in anderen Ländern?

Für viele Statistiker sind die Zahlen daher ungenügend. Denn es brauche bessere Daten, um die Frage zu klären, wann Deutschland die Wirtschaft wieder hochfahren und die Beschränkungen und Verbote lockern kann. Das meint auch Statistikerin Katharina Schüller, die eine Überprüfung einer gewissen Anzahl an Menschen fordert – statt nur Symptomatiken zu überprüfen. Sie startete online eine Petition, die genau das fordert.

Statistik Corona: Experten fordern bessere Daten

„Wir fordern, unverzüglich repräsentative SARS-CoV-2-Tests durchzuführen und dazu sämtliche Mittel auszuschöpfen, um die Verfügbarkeit der nötigen Testkits zu gewährleisten“, heißt es dort. Es sei „völlig unverständlich“, warum in Deutschland keine solchen Tests durchgeführt würden. „Die Meldedaten und die Expertise der statistischen Ämter wären bei weitem ausrechend, um – ähnlich wie beim Mikrozensus – täglich einige hundert Tests“ zu planen. „Damit würden sich sehr viel belastbarere Aussagen über das Infektions- und das Todesfallrisiko“ treffen lassen.

Katharina Schüller fußt ihre Meinung auf mehrere Punkte: So zeigte sich etwa in Italien, dass systematisches Testen zum Erfolg führe, so Schüller. Es sei dort deutlich geworden, dass beim Auftreten des ersten Falles mit Symptomen bereits drei Prozent der Bevölkerung infiziert gewesen seien.

Gegenüber dem „Focus“ ergänzte die Statistikerin, dass täglich mindestens 300 Menschen überprüft werden müssten, um die Zahlenentwicklung besser zu überwachen. Neben den Tests soll das Alter sowie weitere Erkrankungen erfasst werden – und ob der Mensch raucht oder nicht.

Repräsentative Covid-19-Tests: Ärztepräsident Klaus Reinhardt unterstützt Forderung

So soll verhindert werden, dass Deutschland gewichtige Entscheidungen „im Blindflug“ trifft. Und bessere Daten sollten auch dafür sorgen, dass die Bevölkerung ein größeres Gefühl von Sicherheit bekommt. Ärztepräsident Klaus Reinhardt unterstützte im Interview mit Gabor Steingart diese Forderung. „Das hielte ich für eine sehr intelligente Maßnahme, um sich ein vollständiges Bild über das Ausmaß der Pandemie zu machen“, sagte er.

Wissenschaftler des Kieler Institut für Weltwirtschaft (ifW) raten ebenfalls zu solchen repräsentativen Tests. Breitentests seien ein Instrument, „das wir jetzt dringend brauchen“, erklärte Präsident Gabriel Felbermayr. (mg)

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