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Ein ukrainischer Junge in einem Flüchtlingscamp in der besetzten Region Luhansk
  • Ein ukrainischer Junge in einem Flüchtlingscamp in der besetzten Region Luhansk
  • Foto: imago/ITAR-TASS

Armee deportiert Hunderttausende Kinder nach Russland – die Kriegslage im Überblick

Nach der Evakuierung der letzten Zivilisten aus dem Stahlwerk Azovstal in Mariupol hofft die Ukraine auf die Rettung von Verwundeten und Soldaten. Russische Kräfte setzten unterdessen ihre Angriffe auf die Fabrik fort. In der Nacht auf Sonntag gab es auch in anderen Teilen des Landes Luftalarm. Aus den umkämpften Gebieten sind inzwischen rund 205.000 Kinder nach Russland deportiert worden. Und: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) will sich in einer Fernsehansprache zum Krieg in der Ukraine äußern. Die MOPO gibt einen Überblick über das Geschehen in der Nacht und einen Ausblick auf den Tag.

Dramatische Lage in Azovstal

In einer Feuerpause im Kampf um Azovstal am Samstag gelang es nach übereinstimmenden ukrainischen und russischen Angaben, die letzten Zivilisten aus ihren Verstecken zu bergen. Für die verbleibenden Soldaten ist die Lage aber verzweifelt. Er könne nur noch auf ein Wunder hoffen, schrieb der Kommandeur der 36. Marineinfanteriebrigade, Serhij Wolynskyj, bei Facebook. „Darauf, dass höhere Kräfte eine Lösung für unsere Rettung finden!“

Beobachter gehen davon aus, dass der Kreml Azovstal so schnell wie möglich einnehmen will, um am Montag – dem 77. Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Hitler-Deutschland – die Eroberung Mariupols verkünden zu können.

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„Wir bereiten jetzt die zweite Etappe der Evakuierungsmission vor, der Verwundeten und Ärzte“, sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache. Dies gehe nur, wenn sich alle Seiten an eine Vereinbarung hielten. „Natürlich arbeiten wir auch daran, unser Militär abzuziehen.“ Moskau hat jedoch mehrfach angekündigt, die ukrainischen Kämpfer selbst im Falle einer Kapitulation in Gefangenschaft nehmen zu wollen.

Tote im Osten durch Artilleriebeschuss und Bomben

Im Osten der Ukraine in den Gebieten Donezk und Luhansk liefern sich russische und ukrainische Truppen weiter heftige Gefechte. Dort seien mindestens sechs ukrainische Zivilisten getötet worden, teilten die Gebietsverwaltungen am Samstag mit. Unter den Toten seien auch zwei Kinder, die im Dorf Prywillja bei Beschuss mit Mehrfachraketenwerfern des Typs Grad (Hagel) getötet worden sein sollen. In einem Dorf bei Lyssytschansk habe eine aus der Luft abgeworfene Bombe die Schule getroffen, unter der sich der letzte Bunker des Ortes befand. Dort kamen nach ukrainischen Angaben mehrere Dutzend Menschen ums Leben.

Geflüchtete in einem Auffanglager nahe Lyssytschansk (Symbolbild) imago/ITAR-TASS
Geflüchtete in einem Auffanglager nahe Lyssytschansk
Geflüchtete in einem Auffanglager nahe Lyssytschansk (Symbolbild)

Von Luftalarm waren in der Nacht auf Sonntag auch die Hauptstadt Kiew und ihr Umland betroffen, aber auch Lwiw im Westen, Charkiw und Donezk im Osten, Odessa im Süden und andere Gebiete. Die Ukraine fürchtet besonders heftige Luftangriffe im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Gedenken Russlands an den sowjetischen Sieg im Zweiten Weltkrieg.

Armee deportiert Zehntausende Kinder nach Russland

Dieser Tage gedenke die Welt des Sieges über den Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg, sagte Selenskyj. Doch für ihn zeige das russische Vorgehen, „dass es unmöglich ist, das Böse ein für alle Mal zu besiegen“. Er beklagte, dass in dem seit zweieinhalb Monaten dauernden Angriffskrieg 200 ukrainische Kultur-Erbestätten getroffen worden seien. „Leider kehrt das Böse zurück, wenn Menschen die Rechte anderer Menschen missachten, das Gesetz missachten und die Kultur zerstören“, sagte der Präsident.

Aus den umkämpften Gebieten in der Ukraine sind nach Angaben des russischen Militärs seit Ende Februar 1,16 Millionen Menschen nach Russland gebracht worden. Dazu zählten 205.000 Kinder, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Russland betrachtet dies als Rettung bedrohter Zivilisten. Kiew wirft Moskau vor, die Menschen gegen deren Willen zu verschleppen und einen Wechsel auf ukrainisch kontrolliertes Gebiet zu verhindern.

London sagt großes Hilfspaket zu

Vor der Beratung der G7 sagte Großbritannien der kriegsgeplagten Ukraine weitere Militärhilfen von 1,3 Milliarden britischer Pfund (1,52 Milliarden Euro) zu. „Das Vereinigte Königreich hat als erstes Land das Ausmaß der Bedrohung erkannt und schickt Waffen, damit die Ukrainer sich verteidigen können“, wurde Premierminister Boris Johnson von der Agentur PA zitiert. Der Angriff des russischen Präsidenten Wladimir Putin verursache nicht nur unsagbare Zerstörungen in der Ukraine. „Er bedroht auch Frieden und Sicherheit in ganz Europa.“

Einen Teil des neuen Pakets von 300 Millionen Pfund hatte Johnson in der vergangenen Woche bereits angekündigt. Dafür sollen unter anderem Anti-Artillerie-Radar, Störgeräte für Elektronik und Nachtsichtgeräte geliefert werden. Zuvor hatte London bereits 1,5 Milliarden Pfund an militärischer und humanitärer Hilfe zugesagt.

Das bringt der Tag

Bundeskanzler Olaf Scholz hält am Sonntag eine Fernsehansprache zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa 1945 und zum Krieg in der Ukraine. Wie die Bundesregierung mitteilte, ist es wegen des laufenden russischen Angriffs auf die Ukraine in diesem Jahr ein besonderes Gedenken zum 8. Mai.


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Als bislang ranghöchste Vertreterin Deutschlands reist Bundestagspräsidentin Bärbel Bas am Sonntag nach Kiew. Sie folgt einer Einladung des ukrainischen Parlamentspräsidenten Ruslan Stefantschuk. Im Namen des Bundestages will Bas am Grabmal des Unbekannten Soldaten und am Denkmal für die ermordeten ukrainischen Juden in Babyn Jar Kränze niederlegen. Bas hofft auch auf ein Treffen mit Präsident Selenskyj, wenn die Sicherheitslage es zulässt. (mik/dpa)

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