Viele arme Menschen in Südamerika können den Lockdown schlicht nicht umsetzen, auch ein Grund für die hohen Infektionszahlen und die vielen Toten.
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Zahlen explodieren: Wie Südamerika zum Corona-Kontinent wird

In vielen Ländern Europas herrscht bereits Urlaubsstimmung. Die Zahl der Neuinfektionen sinkt, die Impfquote steigt stetig. Doch während bei uns langsam die Normalität zurückkehrt, erlebt Südamerika die bislang schlimmste Phase der Pandemie. Auf dem Kontinent liegen die Länder mit den höchsten Inzidenzen, wie auch der höchsten Sterblichkeitsrate weltweit. Wie konnte es dazu kommen?

Egal in welches südamerikanische Land man derzeit schaut, die Lage ist verheerend: In Argentinien liegt die Sieben-Tage-Inzidenz (Stand 3. Juni) bei 508. Peru hat sich an die Spitze der Sterblichkeitsrate katapultiert und in Chile sind die Kliniken am Limit – obwohl die Chilenen weltweit mit rund 53 Prozent Geimpften weit vorne liegen.

Peru hat die höchste Sterblichkeitsrate weltweit

In Peru ist es derzeit in einigen Regionen fast unmöglich, für die Verstorbenen einen Platz auf einem Friedhof zu bekommen. Viele Peruaner sind völlig verzweifelt. Eine Frau berichtet Journalisten von „ZDF heute“, dass sie ihren toten Bruder im Vorgarten vergraben werde – es gebe nirgendwo einen Platz für ihn. Das 33-Millionen-Einwohner-Land musste seine Corona-Toten zuletzt deutlich nach oben korrigieren, auf 184.942 Tote.

Männer tragen einen Sarg auf dem Friedhof in Peru.
Männer tragen einen Sarg auf dem Friedhof in Peru, das Land hat derzeit die weltweit höchste Sterblichkeitsrate.

Damit ist Peru der Staat mit der weltweit höchsten Corona-Sterblichkeitsrate in Relation zur Bevölkerungszahl. Doch auch in anderen Ländern Südamerikas sind die Zahlen hoch: Uruguay zählte in den vergangenen zwei Wochen 21,62 Todesfälle pro 100.000 Einwohner, Argentinien 14,73. In Paraguay, Kolumbien und Brasilien sieht es nicht besser aus. Selbst die USA, das Land mit den meisten Todesfällen weltweit, hat nur eine Rate von 2,45.

Uruguay: Viele nehmen Gefahr durch Virus nicht ernst

Die südamerikanischen Länder haben auf unterschiedliche Strategien im Kampf gegen das Virus gesetzt: In Uruguay gab es in der Corona-Pandemie bislang kaum Einschränkungen, Argentinien fuhr hingegen einen harten Lockdown-Kurs. Beide Länder stehen mittlerweile mit Blick auf die Zahlen schlecht da. Dabei ist die rasche Verbreitung des Virus nicht alleine auf die in Südamerika grassierenden ansteckenderen Virusvarianten zurückzuführen.

Viele Menschen in Uruguay halten das Virus nicht für gefährlich, sagt Intensivmediziner Francisco Dominguez bei „t.online“. Und ergänzt: „Kaum einer trägt eine Maske. Solange sie niemanden kennen, der im Krankenhaus liegt, glauben sie es nicht.“ Dabei sind die Intensivstationen bereits überlastet.

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Im vergangenen Jahr stand das Land noch gut da – ganz ohne Lockdown. Es gab oft nicht mehr als 20 aktive Fälle, an vielen Tagen gar keine Neuinfektionen. Uruguays Präsident Luis Lacalle Pou setzte auf „verantwortungsvolle Freiheit“, doch die Menschen wähnten sich in trügerischer Sicherheit. Nun kann selbst die gute Impfbilanz – 29 Prozent der Bevölkerung sind vollständig immunisiert, 47 Prozent haben mindestens eine Impf-Dosis erhalten – den Anstieg der Infektionen und Todesfälle nicht stoppen.

Intensivstationen in Chile zu 96,7 Prozent ausgelastet

Auch in Argentinien kennt man das Problem. Viele hätten sich trotz der Verbote getroffen und gegen die Vorschriften rebelliert, sagt Elisa Estenssoro, Mitglied eines Expertengremiums, das Argentiniens Präsidenten Alberto Fernández berät. Sie macht aber nicht nur unverantwortliches Verhalten, sondern auch zu spät beschlossene Maßnahmen und einen Mangel an Impfstoffen für die jüngste Infektionswelle verantwortlich.

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Doch das Problem reicht tiefer: Die Armut des Kontinents und die heruntergewirtschafteten Gesundheitssysteme werden nun spürbar. In Kliniken fehlen Betten und Sauerstoff. Das Personal ist am Ende seiner Kräfte. „Gestern hatten wir keine Betten mehr. Wenn eines frei wird, dann wegen eines Todesfalls“, sagt der Krankenpfleger Héctor Ortiz vom Durand-Krankenhaus in Buenos Aires. Ähnliches berichtet der Beauftragte für Intensivpflege des chilenischen Gesundheitswesens, Luis Castillo, am Mittwoch dem Radiosender „Cooperativa“. Die Intensivstationen in Chile seien zu 96,7 Prozent ausgelastet, nur noch 146 Betten seien frei.

Lockdown für arme Menschen in Südamerika nicht umsetzbar

Viele Menschen können die Corona-Maßnahmen nicht in dem Maße berücksichtigen, wie es beispielsweise in Deutschland möglich ist. Sie haben oft keinen festen Arbeitsvertrag, geschweige denn die Möglichkeit zur Arbeit im Homeoffice. „Der Lockdown in den lateinamerikanischen Ländern wurde vor allem von der Mittel- und Oberschicht befolgt, die online essen bestellen können oder Hausmädchen haben“, sagt der Virologe Jan Felix Drexler, Professor an der Berliner Charité, dem „Spiegel“.

Drexler beschäftigt sich seit Jahren mit Lateinamerika und berät die Bundesregierung bei der Virenbekämpfung in der Region. „Die Armen können sich das nicht leisten. Sie wohnen zumeist eng beieinander und müssen arbeiten gehen, um zu überleben. Der Lockdown hat viele nicht erreicht.“

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