Junge Leute feiern in St. petersburg ihren Schulabschluss – die meisten ohne Mundschutz und Abstand.
  • Junge Leute feiern in St. Petersburg ihren Schulabschluss – die meisten ohne Mundschutz und Abstand.
  • Foto: dpa-Bildfunk

Während wir lockern: Hier wütet Corona so heftig wie nie

Niedrige Infektionszahlen, hohe Impfquote: Vielerorts in Europa wirkt es so, als sei die Corona-Pandemie überwunden. Doch der Schein trügt – in einigen Ländern wütet das Virus heftiger denn je. So auch in Russland, wo nach Aussagen von Experten das Schlimmste sogar erst noch kommt.

Wie viele Menschen sich in Russland täglich mit Corona infizieren, ist unklar, verlässliche Daten gibt es nicht aus dem Riesenreich. Offiziellen Angaben zufolge sind es derzeit aber wohl so viele wie noch nie seit Pandemie-Beginn: Allein Sonntag wurden landesweit gut 21.600 Neuinfektionen gemeldet. Eine Sieben-Tage-Inzidenz weist der Kreml nicht aus – wie der „Spiegel“ aber jüngst berechnete, liegt diese bei 431,5.

St. Petersburg: Am Sonntag fast 1300 Neuinfektionen

Besonders dramatisch ist die Lage in Moskau. Dort wurden Sonntag offiziellen Angaben zufolge 6700 neue Erkrankte und 114 Todesfälle verzeichnet – trauriger Rekord. Aber auch in St. Petersburg, wo derzeit die Fußball-EM mit ausgetragen wird, spitzt sich die Lage zu: Am Sonntag meldeten die Behörden fast 1300 Neuinfektionen – und das knapp eine Woche vor dem Viertelfinale an diesem Freitag.

Dass St. Petersburg zum Virus-Umschlagplatz werden könnte, zeigen auch diese Zahlen: Nach dem Vorrunden-Spiel von Finnland und Belgien am vorvergangenen Montag wurden finnischen Medien zufolge bei Russland-Rückkehrern mindestens 86 Infektionen festgestellt. Rund 800 Menschen seien zudem ohne Test eingereist, weil die Testkapazitäten an der Grenze nicht ausgereicht hätten.

Experte: Spitzenwerte könnten in Russland im Juli noch übertroffen werden

Tatsächlich dürfte die Situation in St. Petersburg und Moskau nur ein Vorgeschmack sein: Denis Prozenko, Chefarzt einer Moskauer Klinik, zeigte sich im Interview mit dem Staatsfernsehen überzeugt, dass bis Juli auch andere Regionen von der Welle – es ist die dritte in Russland – überrollt werden. Dass das Schlimmste erst noch kommt, befürchtet auch Michail Tscherkaschin, Vize-Chefarzt am Medizinischen Sergej-Beresin-Institut in St. Petersburg: „Wir gehen davon aus, dass wir bei den Fallzahlen im Juli Spitzenwerte wie im Winter erreichen und diese sogar übertreffen werden. Schon jetzt liegen sie über denen des Frühjahrs 2020“, sagte er zur „Deutschen Welle (DW)”.

Corona-Patient:innen in einem Moskauer Krankenhaus vor wenigen Tagen.
Corona-Patient:innen in einem Moskauer Krankenhaus vor wenigen Tagen.

Schuld an der Eskalation ist die aggressive Delta-Mutante. Allein in Moskau macht sie mittlerweile rund 90 Prozent der Neuansteckungen aus. Das RKI hat Russland deshalb jüngst zum Virusvariantengebiet erklärt – damit gelten nun strenge Quarantänepflicht bei Ankunft in Deutschland und weitgehende Beförderungsverbote für Transportunternehmen. Aber auch die Russ:innen selbst tragen eine Mitschuld: „Wir haben uns wirklich zu weit zurückgelehnt, was die Einstellung zu Masken und zur sozialen Distanz angeht, alles, was wir ein ganzes Jahr lang gemacht haben“, so Prozenko.

Russland: Menschen, die sich impfen lassen, können Autos gewinnen

Die Folgen: überfüllte Kliniken, überarbeitetes Personal. „Es ist die Hölle. Diese dritte Welle hat mich einfach überrollt. Ich arbeite zwölf Stunden, bin erschöpft und habe kaum Kraft zu reden. Und das, obwohl unsere Klinik mit Ärzten voll besetzt ist“, sagte Jelena Koltschina, die eine Poliklinik im sibirischen Krasnojarsk leitet, zur „DW“. Auch Prozenkos Haus ist am Limit: Auf seiner Intensivstation liegen mittlerweile mehr als 400 Patienten, 200 weitere bitten täglich um Hilfe. „Das ist mehr als an den Spitzentagen während der ersten beiden Wellen“.

Um der Lage Herr zu werden, treibt die Regierung die Impfkampagne voran. Vielerorts konnten Menschen, die sich piksen ließen, Autos oder sogar Wohnungen gewinnen. Doch besonders erfolgreich waren solche Aktionen nicht: Die meisten Russ:innen stehen der Impfung kritisch gegenüber. Erst 14 Prozent der 146 Millionen Menschen in Russland haben bisher eine erste Dosis erhalten. In mehreren Regionen griffen die Verantwortlichen deswegen nun zu härteren Mitteln und verhängten eine Impfpflicht für bestimmte Branchen.

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Bislang hatte Russland immer behauptet, gut duch die Pandemie gekommen zu sein – und das weitgehend ohne Einschränkungen. So verwiesen auch deutsche „Querdenker:innen“ oft auf das in ihren Augen so freie Russland im Gegensatz zur „Corona-Diktatur“ Deutschland. Mit dem Aufflammen von Delta kündigte aber auch Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin kürzlich an: „Um dieses Problem grundlegend zu lösen, muss man sich impfen lassen oder in einen Lockdown gehen.“

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