Coronaviren (blau) beim Austritt aus einer Nierenzelle, aufgenommen mit einem Heliumionen-Mikroskop (Symbolbild)
  • Coronaviren (blau) beim Austritt aus einer Nierenzelle, aufgenommen mit einem Heliumionen-Mikroskop (Symbolbild)
  • Foto: picture alliance/dpa/Universität Bielefeld | Natalie Frese

paidSie heißt „Höllenhund“: Experten warnen vor neuer Corona-Mutation

Die Kreatur ist eine furchteinflößende Mischung aus Wolf und Hund, hat drei Köpfe und fletscht aggressiv die Zähne, während sie in einem lodernden Feuer steht: Zerberus, der sogenannte Höllenhund, ist eine Figur der griechischen Mythologie. Aber Zerberus ist auch der Name einer neuen Corona-Mutation: BQ.1.1. Expert:innen gehen davon aus, dass der Name wohl gar nicht so unpassend ist – denn BQ.1.1 bereitet ihnen Sorgen.

661 – eine bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz in dieser Höhe hätte noch vor einem Jahr höchstwahrscheinlich schon längst einen neuen Lockdown ausgelöst. Doch dank Impfungen und hoher Durchseuchung hat Corona für weite Teile der Bevölkerung mittlerweile seinen Schrecken verloren.

Wissenschaftler:innen warnen jedoch: Diese vermeintliche Sicherheit könnte trügerisch sein. Dafür sorgen unter anderem immer neue Mutationen des Virus. Aktuell wächst vor allem die Sorge vor BQ.1.1, das auf Twitter den Beinamen „Zerberus“ bekam.

BQ.1.1.: Was ist das für eine neue Variante?

BQ.1.1 ist eine Variante von Omikron. Sie hat sich als „Schwester“ einer weiteren Variante, nämlich BQ.1, aus der bereits bekannten Corona-Mutation BA.5 entwickelt.

„Das ist gut“, stellte der US-Medizinexperte und Ex-Obama-Berater Andy Slavitt auf Twitter fest. Denn: Es sei besser, es mit einer neuen Variante von Omikron zu tun zu haben als mit einem Subtyp von Delta. Letztere galt als die potenziell gefährlichere Mutation, da sie schwerere Krankheitsverläufe verursachte, für mehr Klinikeinweisungen und Todesfälle sorgte.

Wie gefährlich ist BQ.1.1?

Harmlos ist BQ.1.1 allerdings keineswegs. Im Gegenteil: Expert:innen weltweit warnen schon länger davor, dass die Mutation sich zusammen mit der Schwester-Variante BQ.1 irre schnell ausbreitet. So schrieb etwa Eric Feigl-Ding, einer der renommiertesten Corona-Forscher weltweit, jüngst auf Twitter: „Wir Wissenschaftler sagen seit Wochen die Explosion von BQ.1 und BQ.1.1 voraus – wir haben die Explosion in Sequenzierungsdaten gesehen.“ Der Anstieg der Ausbreitung der beiden Schwester-Varianten sei „exponentiell“, so Feigl-Ding.

Das betonte auch der Bio-Informatiker und Cambridge-Professor Cornelius Römer: Der relative Anteil von BQ.1.1 habe sich zuletzt „jede Woche mehr als verdoppelt“, schrieb er bereits Anfang Oktober auf Twitter.

Moritz Gerstung, Professor an den Uni Heidelberg, untermauerte das in Zahlen: In Deutschland stammten 15 Prozent der sequenzierten Corona-Proben derzeit von BQ.1.1. Allerdings ist die Datenlage nicht sonderlich robust: Hierzulande wird im weltweiten Vergleich eher seltener sequenziert. In Frankreich steht BQ.1.1 demnach sogar schon bei 40 Prozent.

Behält die Mutation diese Geschwindigkeit der Ausbreitung bei, so wäre BQ.1.1 spätestens im November in Deutschland vorherrschend.

Hospitalisierungsrate in Deutschland steigt

Muss man sich deshalb Sorgen machen? Durchaus, da sind sich Expert:innen einig. Denn: Parallel zum Anstieg der Fallzahlen gibt es derzeit auch einen Anstieg bei den Klinikeinweisungen, wie etwa der dänische Evolutionsbiologe Kristian G. Andersen auf Twitter schrieb. Vor allem in Deutschland ist die Kurve auffällig:

Das beschreibt auch der Lungenfacharzt und Covid-Experte Cihan Çelik vom Klinikum Darmstadt in seinem Haus. Zwar habe man schon länger damit gerechnet, dass die Hospitalisierungsrate wieder steigen könnten, überraschend seien aber „die Dynamik, die Geschwindigkeit und die Krankheitssschwere auf den Stationen“, twitterte Çelik. In einem weiteren Post stellte er fest: „Ich mache das hier schon seit 2020, diese schnelle Dynamik (…) ist im bisherigen Pandemieverlauf beispiellos.

Ist der aktuelle Anstieg der Klinikeinweisungen auf BQ.1.1 beziehungsweise BQ.1 zurückzuführen? Es deutet einiges darauf hin. Zum Beispiel Erkenntnisse aus New York: Der Daten-Modellierer JP Weiland stellte auf Twitter fest, dass dort „etwas Interessantes“ passiere: „Die Hospitalisierungsrate steigt signifikant an“, schrieb er. Laut ihm macht BQ.1.1 in New York bereits rund ein Viertel der untersuchten Ansteckungen aus, der Anteil von BQ.1.1 liegt in der Stadt laut US-Medien derzeit bereits bei rund 37 Prozent.

Warum aber steigen die Hospitalisierungsraten womöglich parallel zur Ausbreitung von BQ.1.1 an? Liegt es daran, dass die Mutation zu schwereren Krankheitsverläufen führt? Das ist nicht ausgeschlossen.

Zunächst erklärt sich der Anstieg der Hospitalisierungsrate aber eher mit den gestiegenen Infektionszahlen: Wenn sich mehr Menschen mit Corona anstecken, kommen prozentual gesehen auch mehr Menschen ins Krankenhaus.

IMAGO/piemags Stoff aus dem griechische Mythologie ist: Zerberus kämpft mit Herkules
Stoff aus dem griechische Mythologie ist: Zerberus kämpft mit Herkules
Sttoff aus dem griechische Mythologie ist: Zerberus kämpft mit Herkules

Hinzu kommt: Wir sind – nicht nur in Deutschland – gerade weiter mitten in der Herbstwelle, die hauptsächlich durch das derzeit vorherrschende BA.5 verursacht wird. Diese Mutation dürfte wohl langfristig von BQ.1.1 verdrängt werden, aber zunächst rollt eine Doppelwelle auf uns zu. Der Charité-Impfsstoffforscher Leif Sander schrieb dazu auf Twitter: „Der Winter kommt und er wird anscheinend echt anstrengend.“

Denn: Mehr Menschen in Krankenhäusern bedeutet automatisch eine drohende Überlastung, Pflegekräfte und Ärzt:innen geraten an ihre Kapazitätsgrenzen, OPs müssen verschoben werden, es gibt keine freien Betten mehr. Auch in den Unternehmen drohen wieder massive Personalausfälle. Davor warnte auch der Virologe Friedemann Weber im Gespräch mit „Focus Online“: „Sehr wahrscheinlich“ werde es in den kommenden Wochen „wieder zu hohen Krankheitsausfällen und Klinikauslastungen kommen.“

Was macht BA.1.1 so gefährlich?

Warum aber infizieren sich überhaupt so viele Menschen mit der Mutation? Es liegt vermutlich daran, dass sie deutlich immun-evasiver ist. Das bedeutet: Sie kann eine bereits bestehende Immunisierung eines Menschen – durch Impfung und/oder vorangegangene Infektion – aushebeln und die betroffene Person dennoch (erneut) infizieren. Das war bereits bei den vorangegangenen Omikron-Varianten der Fall – „Zerberus“ setzt da aber noch einmal deutlich einen drauf und gilt als die immun-evasivste Mutation von allen.

Dafür sorgen mehrere Veränderungen am sogenannten Spike-Protein des Virus. Schon BA.5 hatte viele dieser Mutationen, BA.1.1 hat noch einmal mehr und sei daher „eine Variante, die uns Sorgen macht“, wie Bio-Informatiker Römer zum „Spiegel“ sagte. Auch der Physiker und Corona-Koryphäe Eric Topol bezeichnete BA.1 und BA.1.1 als „besorgniserregend“. Den Namen „Höllenhund“ trage die Variante nicht zu Unrecht, wurde von einigen User:innen kolportiert.

Denn: Dadurch, dass die Immun-Antwort des Menschen bei „Zerberus“ und seiner Schwester so schlecht funktioniert, stecken sich künftig wohl auch Menschen damit an, die bereits Corona hatten – und zwar selbst dann, wenn sie es erst vor Kurzem hatten. Das unterstrich Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach jüngst in der „FAZ“: Wenn sich BA.1.1 durchsetze, „würden sich auch diejenigen, die sich im Sommer infiziert haben, wahrscheinlich wieder leicht infizieren können.“

Zudem sei bislang „nicht absehbar, in welchem Ausmaß neue Varianten Long-Covid auslösen können, eine bisher viel zu wenig beachtete Folge selbst milder Infektionen“, sagte Virologe Weber.

Gibt es auch gute Nachrichten zu „Zerberus“?

Ja, Gott sei Dank! Und zwar diese: Selbst wenn eine vorangegangene Infektion oder Impfung eine (erneute) Ansteckung mit BA.1.1 nicht unbedingt verhindere, so sei derzeit doch davon auszugehen, dass der Schutz ausreiche, um potenziell lebensgefährliche Krankheitsverläufe oder gar Todesfälle zu verhindern – darin sind sich die meisten Expert:innen einig.

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