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Pflege-Streik: „Ich muss weiter, obwohl sie flehen, dass ich bleibe“

"Tarif-Rebellinnen" steht auf dem Transparent bei einer Demonstration von Beschäftigen der landeseigenen Berliner Krankenhäuser Vivantes und Charité.
"Tarif-Rebellinnen" steht auf dem Transparent bei einer Demonstration von Beschäftigen der landeseigenen Berliner Krankenhäuser Vivantes und Charité. Foto: dpa | Paul Zinken

Pfleger, die während der Schicht nichts trinken, um nicht auf die Toilette zu müssen. Patienten, die rufen, aber niemand kommt. Frauen, die bei einer Geburt von Hebammen allein gelassen werden müssen. Es sind erschreckende Berichte, die von Angestellten Berliner Kliniken nach außen dringen. Ein Großteil von ihnen hält die Zustände nicht mehr aus und streikt – seit mehr als drei Wochen!

„Essen, trinken, Körperpflege, das sind Grundbedürfnisse. Aber dafür haben wir oft keine Zeit mehr“, berichtet eine Krankenschwester „t-online“. Immer wieder müsse sie von Zimmer zu Zimmer rennen und sich die Frage stellen: „Kann ich mich jetzt überhaupt um den Patienten kümmern oder werde ich woanders dringender gebraucht?“

Berliner Pflegekräfte: Seit 9. September im unbefristeten Streik

Die junge Frau arbeitet in einer Berliner Klinik. Momentan müsse dort eine Pflegekraft zwölf Patienten versorgen. „Wir brauchen mehr Personal für weniger Patienten. Um sieben oder auch neun können wir uns kümmern. Aber zwölf sind zu viel“, sagt sie. Die physische und psychische Belastung seien enorm. „Wir sind alle gestresst, leiden unter Schlafmangel. Und wir machen uns Sorgen, dass es auch mal uns mit einem Burnout erwischt“. Zwei ihrer Kolleg:innen seien bereits erkrankt. Der Klinik-Streik soll auf ihre Lage aufmerksam machen.

„NOTRUF” steht in Großbuchstaben auf einem Transparent am Bettenhaus der Charité.

Ursprünglich hatten die Streikenden wohl auf schnelle Verbesserungen gehofft: Schon im Mai hatten die Beschäftigten der Berliner Klinik-Konzerne Charité und Vivantes ein 100-tätiges Ultimatum für bessere Arbeitsbedingungen gestellt. Doch nichts passierte, auch nach einem dreitägigen Warnstreik Ende August nicht. Am 9. September traten die Pfleger:innen mit der Gewerkschaft Verdi dann in einen unbefristeten Streik.


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Sie stellen zwar den Notbetrieb der Krankenhäuser sicher. Doch Betten sind gesperrt und laut Vivantes, dem acht der elf bestreikten Krankenhäuser gehören, mussten bereits 2000 Operationen verschoben werden, darunter auch Tumor-OPs. Doch die Pflegekräfte, so ihre Argumentation, kämpfen neben einer Verbesserung für sich selbst auch um die Sicherheit ihrer Patienten.

Auch Hebammen streiken – Verdi fordert Entlastung

„Mich macht das so traurig, dass ich als Hebamme für die Sicherheit von Frauen und Kindern auf die Straße gehen muss und dass erst dann die Politik und die Gesellschaft versteht, wie wichtig dieses Thema ist“, sagte Hebamme Karla Laitko jüngst in der RBB-Wahlkampfarena. Gegenüber t-online ergänzte sie: „Viele Mütter wollen, dass ich sie während der Geburt begleite, sie brauchen eine Hebamme, die da ist. Sie haben ja auch ​oft starke Schmerzen, sind unsicher. Und ich muss weiter, obwohl sie flehen, dass ich bleibe.“

Streikende wenden sich direkt an die Berliner Bevölkerung

Die Gewerkschaft fordert für Laitko und ihre Kollegen eine Entlastung durch mehr Personal und Freizeitausgleich. Mit der Charité gibt es Verhandlungsfortschritt: Einen zusätzlichen freien Tag, wenn fünfmal in einer unterbesetzten Schicht gearbeitet wurde, so das Angebot. Derzeit wird noch über die Mindestbesetzung einer Schicht verhandelt.

Berliner Klinik-Beschäftigte bei einer Kundgebung.

Deutlich verfahrener ist der Konflikt mit Vivantes. Der Konzern bietet Verdi zufolge einen freien Tag erst nach zehn Schichten in Unterbesetzung an. „Das ist bei Weitem nicht ausreichend, um Arbeitsbedingungen zu schaffen, die nicht länger die Gesundheit der Beschäftigen gefährden“, kritisiert Gewerkschafterin Meike Jäger. Und das Angebot für die Personalbesetzung sei in einigen Bereichen sogar eine Verschlechterung.

Streik-Verhandlungen: Bis Montag unterbrochen

Noch verhärteter sind die Fronten zwischen den Vivantes-Tochterkonzernen und ihren Beschäftigten, wie Hebammen, Küchen- und Reinigungskräfte, Logopäden oder Physiotherapeuten, die vor allem für besseres Gehalt kämpfen. Doch Vivantes hat die Verhandlungen bis Montag unterbrochen.

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Dass der Streik schon so lange dauert und es immer noch keine Einigung gibt, erstaunt nicht nur die Betroffenen. Nutzer auf Social Media-Plattformen zogen Vergleiche mit dem kürzlich zu Ende gegangenen Streik der GDL-Lokführer, der einerseits schneller beendet war und andererseits auch bundesweit mehr Aufmerksamkeit bekam.

Dabei ist nicht nur in Berlin die Situation brenzlig: „Patienten liegen in Fäkalien“, hieß es jüngst auch in einem Brandbrief zahlreicher UKE-Pflegekräfte.